Magdeburg l Die Finanzbeamten in der Bezügestelle haben die Professorin bereits von der Gehaltsliste gestrichen: Vom 1. Januar an ist Birgitta Wolff keine Bedienstete des Landes Sachsen-Anhalt mehr. Vor 14 Jahren war die gebürtige Münsterländerin nach Magdeburg gekommen. In wenigen Tagen steht der Umzug an: nach Frankfurt am Main.

Doch bis dahin ist sie noch für ihre Studenten da. "Eine Magisterarbeit und fünf Bachelor-Arbeiten liegen noch auf dem Schreibtisch. Und ein paar kommen wahrscheinlich auch noch nach", sagt die 49-Jährige. Für die BWL-Professorin der Otto-von-Guericke-Universität ist das Frankfurter Präsidentenamt ein mächtiger Karrieresprung. Der soll aber nicht zu Lasten ihrer Studenten gehen, betont sie.

Nicht zum ersten Mal übernimmt ein Magdeburger Hochschullehrer die Leitung einer Universität. Der Psychologe Volker Linneweber, bis dahin Prorektor an der Uni Magdeburg, leitet seit 2006 die Universität des Saarlandes. Die Goethe-Universität Frankfurt aber ist eine andere Liga: Mit 45000 Studenten ist sie die viertgrößte in Deutschland. Zum Vergleich: Alle Hochschulen in Sachsen-Anhalt kommen gemeinsam auf 55000 Studenten.

Mit welchen Gefühlen blickt Wolff auf ihre neue Aufgabe? "Das ist wie ein Sprung vom Fünf-Meter-Turm", sagt sie. "Ich freue mich drauf, habe aber auch respektvolles Herzklopfen."

Ein "Harvard am Main" wollte ihr Amtsvorgänger Werner Müller-Esterl aus der 100-jährigen Universität machen. Die neue Präsidentin würde das nicht wiederholen. Sie, die einst in Washington gelehrt hat, sieht den elitären Anspruch der Efeu-umrankten Ostküsten-Universität skeptisch. "Goethe am Main wäre ja auch schön", sagt sie.

Umgang im Kabinett war "menschlich ziemlich frustrierend"


Das Finanzierungsmodell von Harvard allerdings findet sie nachahmenswert. Formal sind beide Hochschulen Stiftungsuniversitäten. Die Amerikaner allerdings haben Milliarden auf der hohen Kante. Die Goethe-Uni ist vom Landeshaushalt abhängig. "Es wäre schön, wenn auch wir ein Stiftungsvermögen aufbauen könnten", sagt Wolff.

Dass die neue Chefin eine Vergangenheit als CDU-Politikerin mitbringt, dürfte bei ihrer Wahl im Juli kein Nachteil gewesen sein. 2010 hatte Wolfgang Böhmer die Wissenschaftlerin zur Kultusministerin gemacht, 2011 wechselte sie unter Reiner Haseloff ins Ressort Wissenschaft und Wirtschaft. Bis es knallte.

Die Ministerin hatte in einem Volksstimme-Interview die Sparpläne der Landesregierung bei den Hochschulen in Frage gestellt, Haseloff warf sie per Telefonanruf aus dem Kabinett. "Menschlich ziemlich frustrierend" fand sie den Umgang im Magdeburger Kabinett, hat sie vor kurzem dem Deutschlandradio Kultur erzählt. Es gebe bei manchen die Neigung, "die autoritäre Karte zu ziehen, um Streit zu entgehen". Ihre Einblicke in die Politik könnten ihr dennoch helfen: Wenn sie mit dem Land Hessen verhandelt, kennt sie auch die Lage ihres Gegenübers.

In Frankfurt bezieht die Hochschul-Chefin zunächst eine 24-Quadratmeter-Wohnung im Gästehaus der Uni. Ihre Magdeburger Wohnung will sie behalten. Ein Rückkehrrecht an die Uni Magdeburg hat sie allerdings nicht, ihre Stelle wird demnächst neu besetzt. Abgesichert ist sie stattdessen in Frankfurt: Die Goethe-Uni hat ihr eine Professur eingerichtet, auf die sie nach ihrer Präsidentschaft wechseln kann. Gewählt ist sie für sechs Jahre.

Zu Weihnachten will Wolff nun Ruhe finden. Sie verbringt die Festtage zusammen mit der Familie im Münsterland. Auch ihre zwei Pferde, die noch im Börde-Dorf Hohendodeleben stehen, kommen mit. Später sollen auch sie eine neue Heimat finden: auf einem Hof irgendwo bei Frankfurt.