Merseburg l Regina Hartkopf hat zu tun. Mit Bauleuten ist sie im Merseburger Dom unterwegs, misst hier etwas ab, schaut da etwas nach. Die ständige Bewegung hilft allerdings auch dem Körper. Es ist gräulich kalt in dem sakralen Gemäuer. Drei Jacken übereinander sind die Norm bei einem Dezember-Arbeitstag in der Kathedrale.

Was dem Menschen Probleme bereitet, ist jedoch gut für die Domorgel. Die Kühle wie vor Hunderten Jahren schont das Instrument. Alte Domorgeln gehören zu den bedrohten Tonkörpern - sie drohen zu verschimmeln.

"Von der Nordsee bis zu den Alpen gibt es dieses Phänomen", berichtet die Merseburger Dombaumeisterin, die diese Aufgabe neben ihrer Tätigkeit als freie Architektin erledigt. Warum die Holzteile der Orgeln so schimmelanfällig geworden sind, ist bislang unklar. Aufklärung erhofft sich die Evangelische Kirche Mitteldeutschland nun von einem neuen Forschungsprojekt.

Besser abgedichtete Fenster begünstigen Pilzkulturen


Regina Hartkopf nennt eine ganze Reihe von begünstigenden Faktoren für die Vermehrung der aggressiven Pilzkulturen. Da sind die Klimaveränderungen gegenüber dem 11. Jahrhundert, als der Dom St. Johannes und St. Laurentius in Merseburg errichtet wurde. In der Tendenz sind die Sommer feuchter, die Winter nicht mehr so kalt.

Zudem ist die Luft - gerade in einem Industriegebiet wie Merseburg - sehr viel sauberer geworden. Die Anti-Schimmel-Wirkung des saueren Regens fehlt. Schließlich wären da die baulichen Veränderungen. Die Fenster sind meist mehr abgedichtet, jeder Hausbesitzer weiß, dass dies die Schimmelpilze wachsen lassen kann.

Ein weiterer Grund sind Heizungen in den Kirchen, an die im Mittelalter nicht zu denken war. Zumindest diese mögliche Schimmel-Ursache entfällt in Merseburg. "Wir haben keine Heizung und ein Einbau ist auch nicht vorgesehen", erklärt Dombaumeisterin Hartkopf. Damit beim Gottesdienst trotzdem niemand friert, liegen in den Kirchenbänken Sitzdecken mit Pfiff. Es sind Induktionskissen, die sich nur dann aufwärmen, wenn jemand drauf Platz nimmt. Tröstlich bei allen Rätseln, die die tückischen Schimmelpilze aufgeben: Eine Gesundheitsgefährdung wurde im Merseburger Dom nicht festgestellt. Weder an der Orgel noch im Schiff.

Prächtige Orgelwand seit der Barockzeit


Die Merseburger Orgel-Geschichte begann gegen Ende des 13. Jahrhunderts, allerdings liegt Genaueres im Dunkeln. Für das 16. und 17. Jahrhundert wird eine Schwalbennestorgel vermutet. Darauf lassen Notizen zu Orgelreparaturen in dieser Zeit schließen. In der Barockzeit wurde der Merseburger Dom Hofkirche einer Nebenlinie der Dresdener Wettiner Sachsen-Merseburg. In dieser "Herzogszeit" im 17. Jahrhundert wurde die Orgel erneuert und erhielt 1697 auch einen neuen Prospekt.

Diese prächtige Orgelwand ist bis heute erhalten. Das Instrument dahinter wurde in zwei Etappen 1855 und 1866 vom Orgelbauer Friedrich Ladegast kreiert.

Zuletzt wurde die Merseburger Orgel von 2002 bis 2004 bis auf die letzte Pfeife auseinandergenommen und grundlegend saniert.Nach Abschluss der letzten Sanierungsarbeiten soll das nach 2020 wiederholt werden. Das einfachste Mittel, dem Schimmel zu begegnen, ist dabei so alt wie die Siedlungsgeschichte der Menschheit: Immer gut Staub wischen. "Der Schimmel lebt vom Staub", sagt Regina Hartkopf "Bei hochwertigen Instrumenten kann das ein Restaurator machen, bei Dorfkirchen der Küster."

An Reinlichkeit sollte es in Merseburg im kommenden Jahr nicht fehlen: Zum 1000-jährigen Stadtjubiläum wird die Kathedrale für die von August bis November laufende Schau "1000 Jahre Kaiserdom Merseburg" herausgeputzt.

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