Magdeburg l E-Mail, Facebook, Whatsapp: Seit Anne Lequy am Mittwoch vom Anschlag auf "Charlie Hebdo" erfuhr, stand sie für den Rest des Tages mit ihren Eltern in Dauer-Kontakt. Die beiden wohnen in Lothringen, dreieinhalb Autostunden entfernt von der Redaktion des Satireblatts in Paris. "Nicht nur meine Familie ist im Schockzustand, sondern die ganze Nation", erzählt sie. "Denn es geht um mehr als um zwölf Tote. Das war ein frontaler Angriff auf die Meinungsfreiheit."

Mit "Charlie Hebdo" hat es nicht irgendein Medium erwischt. Das bestätigt auch Valérie Varin. Sie ist Beauftragte für deutsch-französische Angelegenheiten in Sachsen-Anhalt. "Es wurde ein geschätztes Presseorgan getroffen", sagt sie.

"In Frankreich ist Humor ein starkes Ventil, das allen gut tut."

Geschätzt wird es unter anderem deshalb, weil es ohne Werbeanzeigen arbeitet und somit einen besonderen Grad an Unabhängigkeit genießt. Hinzu kommt, dass sich die Redaktion nicht einschüchtern lässt - selbst nach einem Brandanschlag im Jahr 2011 wurden weiterhin die umstrittenen Mohammed-Karikaturen abgedruckt. Und das Satireblatt wird wohl auch deshalb geschätzt, weil schwarzer Humor in Frankreich einen besonderen Stellenwert hat. Rektorin Lequy erklärt: "Humor ist etwas Landesspezifisches. In Frankreich ist er ein starkes Ventil, das allen gut tut."

"Charlie Hebdo", sagt sie weiter, sei eine Waffe gegen Extremismus und Fanatismus. "Man muss nicht immer einverstanden sein mit den Inhalten der Zeitschrift. Aber sie liefern den Franzosen Anlass zur Diskussion."

Diskussionen seien nun noch wichtiger geworden. "Der Anschlag ist Wasser auf die Mühlen von Rechtsextremen." Das bezieht die Rektorin nicht nur auf Frankreich: "Ganz Europa steht nach diesem schrecklichen Ereignis vor eine Probe. Wir müssen jetzt stark genug sein, Andersdenkende zu akzeptieren und Presse- und Meinungsfreiheit zu verteidigen."

"So etwas kann überall passieren, wo die Freiheit des Denkens Fanatismus bedroht."

In Deutschland bedeute das etwa, sich mit "Pegida" zu beschäftigen. "Wir sollten uns mit ihren irrationalen Ängsten auseinandersetzen", fordert die Französin.

Unabhängig von dem Anschlag sei es Aufgabe der Schulen und Hochschulen, an der Vorbeugung extremistischen Gedankenguts mitzuwirken. "In allen Studiengängen, auch den technischen, sollte kritisches Denken angeregt und der Horizont erweitert werden." An ihrer Hochschule passiere das etwa mit Kursen in Teambildung und Fremdsprachen.

Ob Frankreich aus diesem Anschlag auf lange Sicht eher gestärkt oder geschwächt hervorgehen wird, ist für sie nicht absehbar. "Ich hoffe, dass wir künftig Fanatismus jeder Couleur rechtzeitig erkennen und bekämpfen können", sagt sie. "Aber die Entwicklung kann auch nach hinten losgehen."

Kulturabgeordnete Varin ist eher optimistisch: "Die Franzosen sind stark. Ich denke, dass sie über diesem Anschlag stehen werden."

Dass Frankreich wegen seines hohen Anteils an Muslimen besonders gefährdet sei, glaubt Anne Lequy nicht: "So etwas kann überall passieren, wo die Freiheit des Denkens Fanatismus bedroht. In den USA etwa wurde 2009 ein Abtreibungsarzt erschossen, in Norwegen hat jemand junge Menschen ermordet, weil sie der falschen Partei angehörten."