Magdeburg l Es spaziert sich prächtig über den Zentralfriedhof in Aschersleben. Alte Bäume knarren im Winterwind. Imposante Grabsteine von längst vergessenen Industriekapitänen. 1860 wurde der Gräberpark angelegt. So schöne Friedhöfe gibt es andernorts auch. Aber nur hier in Sachsen-Anhalt gibt es an vielen Gräbern kleine Schildchen mit QR-Codes (siehe Infokasten).

Das Smartphone gezückt und - ping - schon erzählt das Handy Geschichten vom Papierwarenfabrikanten Heinrich Christian Bestehorn, von Oberpfarrer Oskar Lichtenberg oder vom tragischen Tod der Feuerwehrleute Erich Bertram und Gustav Reinhardt. Sogar mit Brandbildern aus dem Jahr 1950, als das alte Häckselwerk ein Meer der Flammen wurde.

Hoppla, Hermann Gieseler

"Der Arbeitersportler Hermann Gieseler aus Magdeburg ist auch hier begraben - das war bei uns zum Beispiel schon in Vergessenheit geraten", berichtet Friedhofsleiter Holger Dietrich beim Plausch auf der Parkbank. Und er erzählt noch andere amüsante Storys. Zum Beispiel vom Fabrikanten, der nicht unter dem - von ihm selbst noch aufgestellten - riesigen Gedenkstein schlummert, sondern wegen einer Frauengeschichte am Ende auf einem ganz anderen Friedhof begraben wurde.

Der rührige Verein "Geschichtswerkstatt" aus Aschersleben hat mit der Stadt gemeinsam den Erinnerungspfad angelegt und so manche Story über die Bestatteten ausgegraben. Hier auf Erkundungstour zu gehen macht klug und Spaß gleichermaßen. Denn dank moderner QR-Code-Verlinkung setzen selbst die Schulkinder ihre Smartphones zur Abwechslung etwas lehrreich ein.

Über die Verwendung von QR-Codes auf Friedhöfen wird seit knapp drei Jahren diskutiert. Reizvoll sind auf der einen Seite die technischen Möglichkeiten, Inhalte wie Bilder, Texte oder auch Filme über einen Verstorbenen einfach zu vermitteln. Andererseits erinnert allein der Anblick eines solchen Codes an Waren-Etikette im Supermarktregal. Es kann durchaus pietätlos erscheinen, auf dem Friedhof - ping - den Grabstein von Tante Margarete abzuscannen wie eine Milchtüte.

So verwundert es nicht, dass sich Ende vergangenen Jahres der Landesverband der Friedhofsverwalter in Aschersleben getroffen und die QR-Code-Geschichte auf dem Friedhof mal angeguckt hat. "Friedhofsverwalter aus etwa 30 Städten waren gekommen", erzählt Verbandsvorsitzender Frank Lehmann aus Aken. Die Mehrzahl stünde dem Thema inzwischen positiv gegenüber und wolle QR-Codes an Gräbern erlauben, wenn sie dezent angebracht werden. "Es wurde aber auch vielfach die Befürchtung geäußert, dass Gedenkpfade wie in Aschersleben für die Kommunen nicht finanzierbar seien. Dafür fehlt einfach das Geld", so Frank Lehmann.

In Zerbst kein Problem, in Magdeburg wird geprüft

Streng rechtlich gibt es keine Gründe, die gegen QR-Codes an Gräbern sprechen. Der Deutsche Städtetag hat bereits 2013 eine Handlungsempfehlung zum Umgang herausgebracht. Die Verantwortung für im Internet hinterlegte Inhalte liege nicht bei der jeweiligen Friedhofsverwaltung, sondern beim Grabnutzungsberechtigten, heißt es darin.

Die tatsächliche Nachfrage tendiert derzeit noch gegen null, berichten Behördenvertreter übereinstimmend. Trotzdem sei man vorbereitet. Einige Beispiele: Ute Schilling, in Zerbst zuständige Sachbearbeiterin für Grünflächen und Friedhöfe, erzählt, dass in Zerbst QR-Codes an privaten Gräbern angebracht werden dürfen. Eine Überprüfung der Inhalte durch die Friedhofsverwaltung sei nicht erforderlich. Ute Schilling: "Im Gegensatz zu einer Grabstein-Inschrift ist das Abrufen der QR-Code-Inhalte ja jedem selbst überlassen." Der Grabinhaber sei ja letztlich für die Inhalte verantwortlich.

In Magdeburg behält sich die städtische Friedhofsverwaltung trotzdem eine Prüfung vor. "Wir tasten uns da langsam heran und wollen zunächst jeden Antrag einzeln prüfen", so Verwaltungssprecherin Anne-Katrin Barth. Zur Einrichtung von Gedenkpfaden ähnlich wie in Aschersleben gebe es derzeit "nichts mitzuteilen", sagt sie.

Anders in Wernigerode. "Das ist eine tolle Idee mit dem Gedenkpfad und würde sich auch in Wernigerode gut umsetzen lassen", findet Frank Schmidt, zuständiger Sachgebietsleiter. Auch seien die in Aschersleben bei der Fachtagung berichteten Kosten von etwa 200 Euro pro QR-Code-Einrichtung bei Prominentengräbern überschaubar. Er möchte das 2015 in der Harzstadt "ins Gespräch bringen". Mit der Anbringung von QR-Codes an Privatgräbern habe er ohnehin keine Probleme. "Wenn es dezent und angemessen passiert, sagt Schmidt.

Aber wie kommt der private Kunde an einen QR-Code, der zu Bildern oder Texten über den Verstorbenen führt? Im Grunde kann jeder Webdienstleister eine solche Internetseite erstellen und einen QR-Code mit der Adresse verknüpfen. Viele Zeitungen - auch die Volksstimme - bieten mit den Todesanzeigen auch Platz auf Trauerportalen im Internet an.

"Ruhezeit" auf dem Server für 60 Euro

Seit dem vergangenen Jahr vermarktet in Aschersleben wegen der dortigen QR-Grabkultur eine Firma bundesweit ihre Dienste für die Trauer 2.0 am verlinkten Grab (siehe Infokasten). Der Kunde liefert die Daten, die Firma stellt diese Daten auf einem speziellen Erinnerungsportal online. Die "Ruhezeit" auf dem Server kostet für fünf Jahre 60 Euro, für zehn Jahre 100 Euro.

Die QR-Code-Plaketten schlagen je nach Materialausführung auch noch bis zu 121 Euro zu Buche. Mitinhaber Silvio Merkwitz berichtet von ersten Privatkunden: "Eine Bäckerfamilie aus Wilsleben gehört dazu. Aber auch aus Leipzig hatten wir schon einen Auftrag." Mehrere Familien haben ihren QR-Code mit einem speziellen Einlog-Code sichern lassen, damit nur ein ausgewählter Kreis die Daten abrufen kann.

Von solchen QR-Plaketten hält Steinmetz Andreas Rosenkranz aus Köln nicht viel. "Das ist ästhetisch keine Lösung und erinnert mehr an eine Warenauszeichnung", schimpft er. Rosenkranz, der Grabsteine per Sandstrahlverfahren mit QR-Codes beschriftet, brachte den Trend vor zwei Jahren medienwirksam ins Gespräch. "Die Nachfrage ist aber bislang eher spärlich", gibt der Steinmetz zu.

Schuld daran sei weniger die Scheu vor dem modernen Grab mit Internet-Link, sondern mehr die grundlegende Veränderung der Bestattungskultur. "Noch 1989 zahlten die Krankenversicherungen 5000Mark Sterbegeld. So etwas gibt es heute nicht mehr." Die Anzahl von Feuerbestattungen nahm entsprechend zu - "in der Stadt Aachen zum Beispiel von drei Prozent 1989 auf 58 Prozent 2014. Deshalb werden immer weniger Grabsteine bestellt." Er als Steinmetz, so Rosenkranz etwas despektierlich, stünde im Bestattungsgeschäft ganz am Ende der Fresskette.

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