Genthin/Heyrothsberge/Steckby l "Es war die bewegteste Zeit meines Lebens", erinnert sich Dr. Ernst Paul Dörfler (64) aus Steckby bei Zerbst, Mitbegründer der Grünen Partei in der DDR. "Es war ja eine Zeit, in der man aus dem Staunen kaum herauskam. "

Dörfler hatte sich früh mit den DDR-Oberen angelegt. Alles begann schon Ende der 70er Jahre. Die teils katastrophale Umweltlage im Land war sein Hauptthema. Angesichts der Demokratiedefizite in der DDR waren Konflikte vorprogrammiert.

"Für mich war die Wahl in die Volkskammer eine der größten Aufgaben, vor denen ich je stand. Wann, wenn nicht damals in der Zeit des Umbruches, sollten die Weichen neu gestellt werden?", blickt er zurück. "Eine herbe Enttäuschung war, dass diejenigen, die die Wende erst möglich gemacht haben, mit einem extrem niedrigen Ergebnis in die Volkskammer einzogen. Mit wenigen Köpfen lässt sich nur wenig bewegen."

Seit 33 Jahren ist Dörfler als freier Publizist tätig. Die großen Gesellschafts- und Umweltfragen bewegen den Freigeist nach wie vor. Er engagiert sich seit vielen Jahren im BUND für eine naturbelassene Elbe.

"Wir haben de facto ein System 1:1 übernommen, das selbst veränderungbedürftig war und bis heute noch ist", kritisiert Dörfler. "Ich habe - wie meine gesamte Fraktion Bündnis 90/Die Grünen - dem damals vorgelegten Einigungsvertrag nicht zugestimmt, aber die Mehrheit hat die Hand gehoben. Und Mehrheiten entscheiden."

Größte Brüche und Kontinuität zugleich erlebte DDR-Radsportlegende Gustav Adolf "Täve" Schur (84) aus Heyrothsberge. 1958 war der Radrennfahrer, der aus bescheidenen Verhältnissen stammte, stets bescheiden blieb und Generationen begeisterte, für die SED in die Volkskammer gewählt worden, saß dort bis 1990. Die Wende erlebt er als Schock. Das Land, für das er gelebt hatte, zerbröselte. "Ich war tief enttäuscht."

SED-PDS-Chef Gregor Gysi holte Schur noch einmal ins Boot. "Ich wollte eigentlich nicht mehr. Gysi hat dreimal angerufen." Für Schur, der immer noch leidenschaftlich Rad fährt, auf seine Familie baut, steht fest: "Die Welt ist nicht besser geworden. Es fließt viel Blut. Die Menschheit macht die Erde kaputt. Wir müssen unsere Bedürfnisse beschränken."

Eine einzigartige "Veränderungsstimmung" berührt auch heute noch Carmen Niebergall. Die gebürtige Schlagenthinerin engagierte sich in Genthin im Neuen Forum und zog später über die Allianz für Deutschland, ein Bündnis aus CDU und Demokratischem Aufbruch (DA), in die erste frei gewählte Volkskammer ein. "Unser Ziel war die deutsche Einheit. Und das ist gelungen", erinnert sie sich. "Wir standen vor einem Berg voller Arbeit und waren selbst Laien auf vielen Gebieten. Zum Glück aber gab es eine große Unterstützung von erfahrenen Kollegen", sagt die Ökonomin, die im Finanzausschuss der Volkskammer mitarbeitete. Diese Phase bezeichnet Carmen Niebergall, die heute in Magdeburg wohnt und arbeitet, als eine "heftige Phase. Vor allem, weil es darum ging, den Einigungsvertrag und die Währungsunion auf den Weg zu bringen".

Die Politik hat sie seitdem nicht mehr losgelassen. Der erste Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, Gerd Gies (CDU), bestellte sie zur Staatssekretärin für Frauen- und Gleichstellungsfragen. Anschließend saß Niebergall für die Union von 1994 bis 2002 im Landtag und war über viele Jahre CDU-Kreisvorsitzende im Jerichower Land.

Heute betreibt Carmen Niebergall eine Agentur für Architektur- und Kunstreisen und ist neben zahlreichen Ehrenämtern auch Landesgeschäftsführerin des Bundesverbandes für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft.

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