Pömmelte (dpa/cm) | Männer tanzen mit nackten Oberkörpern im Inneren eines riesigen Kreises, der von meterhohen Palisaden umgeben ist. Dazwischen ein Graben mit viereckigen Gruben, das flackernde Licht von Feuerhaufen spiegelt sich auf den Leibern der Männer. Beim Tanzen schlagen sie Hölzer aneinander, das Klopfen werfen die Palisaden verstärkt zurück. Im Mittelpunkt des Kreises steht ein großer Baum, davor ein flacher Stein, der Opfertisch. - Dies Geschehen in Pömmelte-Zackmünde bei Magdeburg ist Jahrtausende her, doch das Ringheiligtum soll nun neu entstehen - als Touristenziel.

Die erst vor wenigen Jahren entdeckte rund 4250 Jahre alte Kultstätte in Pömmelte-Zackmünde wird aufwendig rekonstruiert. Für Juni ist die Eröffnung geplant. Derzeit sehen Besucher erst kreisförmig angeordnete Palisadenstämme, dazu den Graben. Archäologen fanden darin 17 Opfergruben - vermutlich wurden hier Frauen und Kinder getötet. Als Beigaben entdeckten sie Trinkgefäße, Steinbeile und Reibesteine zum Mahlen von Getreide. "Es war eine fremde Religion, vermutlich verbunden mit Fruchtbarkeits- und Übergangsritualen", sagt der Professor für Prähistorische Archäologie Mitteleuropas an der Universität Halle-Wittenberg, François Bertemes. "Getötet wurden ausschließlich Kinder und Frauen."

Das Ausmaß dieses kultischen Ortes ist vor allem von oben zu erfassen. Aus der Luft wurde die Kreisgrabenanlage 1991 denn auch entdeckt - damals zeichneten sich dunkle Kreise in der Landschaft aus. Die riesige Stätte wurde zwischen 2005 und 2010 komplett ausgegraben.

Die Stätte hat einen Durchmesser von 115 Metern und ist von einem System aus sieben Palisadenringen umgeben. Die einzelnen Kreise sind angelegt, als sei ein Zirkel im Spiel gewesen. In großen, unregelmäßigen Abständen standen Pfosten. An bestimmten Tagen des Jahres schien die Sonne durch diese Lücken. "Die unregelmäßigen Pfostenstellungen markieren kultische Feiertage, es sind Zeitmarken", sagt der Bochumer Astronom Professor Wolfhard Schlosser. Er konnte folgende Daten darunter bestimmen: 9. April, 1. Mai, 1. August und 4. September.

"Im nächsten Jahr kommt eine acht Meter hohe Aussichtsplattform als Holzkonstruktion hinzu", sagt der Fachdienstleiter für Kreis- und Wirtschaftsentwicklung im Salzlandkreis, Thilo Wechselberger. Veranschlagt sind insgesamt mehr als zwei Millionen Euro. Damit soll Sachsen-Anhalts touristische Erlebnisroute "Himmelswege", zu der auch die Arche Nebra gehört, ein weiteres Highlight bekommen.

Rund 1200 Robinienstämme, dreieinhalb bis vier Meter hoch, werden bei der Rekonstruktion verbaut. Die Palisadenstämme der Toreingänge werden derzeit in einer Werkstatt in Schönebeck kunstvoll verziert. Mythische Symbole und Muster sowie realistisch wirkende Totenköpfe kommen als geschnitzte Reliefs in mühsamer Handarbeit auf die Stämme. Zudem erhält ein Teil der Baumstämme farbige Muster, in Rotbraun, Weiß und Schwarz. "Als Vorlage dienen Verzierungen auf Keramikgefäßen aus dieser Zeit", sagt Projektleiter und Archäologe André Spazier, vom Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. "Ob die Anlage in Pömmelte genauso aussah, wissen wir natürlich nicht."

Die Forscher kamen am Ende eines 3,3 Millionen Euro teuren Projektes zum Ergebnis, dass Pömmelte in seiner Grundstruktur als einstige Kultstätte mit Stonehenge in England vergleichbar ist. "Nur ist sie nicht aus Stein, sondern aus vergänglichem Holz gebaut worden", sagt Bertemes. Für ihn ist diese Anordnung der Kreise ein Schlüsselfund. "Denn damit ist klar, dass es diesen Typ von Anlagen auch auf dem Kontinent in Mitteleuropa gab", sagt Bertemes.

"Pömmelte wurde damals von den Menschen bewusst ausgesucht, denn der Platz war schon vor dem Bau der Kreisanlage ein heiliger Ort. Möglicherweise stand hier ein besonderer Baum, eine große alte Eiche, als Sitz der Gottheit. Diese Anlagen sind der Prototyp aller späteren Heiligtümer in der Menschheitsgeschichte und vergleichbar mit unseren Kirchen und Kathedralen", sagt Bertemes. Die Anlage in Pömmelte war wohl nur 150 Jahre in Benutzung, danach wurde alles bewusst zugeschüttet. "Möglicherweise war der Baum abgestorben und damit hatte die Gottheit ihren Platz verlassen", sagt Bertemes.

In Sachsen-Anhalt gibt es bislang 24 bekannte Kreisanlagen, ihre Epoche endete während der Eisenzeit vor rund 2500 Jahren.