49 Wölfe streifen derzeit in Rudeln durch Sachsen-Anhalt. Wilko Florstedt, Geschäftsführer des Landesjagdverbands, sieht das kritisch. Im Interview mit Volksstimme-Reporter Matthias Stoffregen fordert er ein Konzept, das die Ansiedlung des Raubtiers regelt.

Herr Florstedt, seit 2008 leben wieder Wölfe in Sachsen-Anhalt, die wachsende Population ruft erste Kritiker auf den Plan. Schafbesitzer fürchten um ihre Herden, einzelne Jäger würden am liebsten die Flinte zücken, um die Wildbestände in ihren Gebieten zu schützen. Was sagen Sie dazu?

Wilko Florstedt: Sowohl der Deutsche Jagdverband als auch der Landesjagdverband Sachsen-Anhalt betrachten die Rückkehr des Wolfes mit großer Aufmerksamkeit. Eine unkritische Betrachtung des Wildtieres lehnen wir jedoch ab. Es ist ein schmaler Grat zwischen Euphorie und Hysterie, schließlich reden wir über Großraubwild. Wir haben uns daher entschlossen, die Entwicklung aktiv zu begleiten. Seit einem Jahr beteiligt sich unser Landesverband am Monitoring-Programm der Behörden. Wir haben mittlerweile 40 Jäger schulen lassen, die die Ausbreitung des Wolfs dokumentieren. Wir brauchen zuverlässige Zahlen und können dann statt einer hysterischen eine sachliche Debatte führen.

Wie wirkt sich der Wolf in den Revieren aus?

Grundsätzlich erfüllt auch der Wolf seine Aufgabe in den Ökosystemen unseres Landes. Der Wolf kann dazu beitragen, Wildbestände gesund zu halten. Jäger stellen aber auch immer wieder fest, dass sich durch die Anwesenheit von Wölfen bei Wildarten wie Rot- und Dam- oder Muffelwild übergroße Gruppen bilden, die lokal zu beträchtlichen Wildschäden führen. Um Schaden abzuwenden, besteht Handlungsbedarf.

Es heißt, der Wolf sei scheu, Menschen müssten ihn nicht fürchten. Stimmt das?

Der Wolf wird im Zweifelsfall auch dort auftauchen, wo Menschen leben. Für ihn ist Nahrung das Wichtigste, die Nachbarschaft ist zweitrangig. Grundsätzlich kann man nicht davon ausgehen, dass die natürliche Scheu ihn von naturnahen Wohngebieten abhalten wird. Das macht ihn zwar nicht zwangsläufig zu einer Gefahr für den Menschen, aber je mehr Wölfe es gibt, desto wahrscheinlicher sind Konflikte. Wir brauchen deshalb jetzt schon eine Diskussion darüber, welche Bestandsgrößen in unserer Kulturlandschaft vertretbar sind.

Wie schnell vermehrt sich der Wolf?

Viele Wissenschaftler rechnen mit jährlichem Zuwachs von mindestens 30 Prozent. Schon in diesem Jahr wird die Zahl in Sachsen-Anhalt auf rund 70 Tiere ansteigen. Im darauffolgenden Jahr liegen wir bereits nahe 90. Hinzu kommen Wölfe, die aus anderen Bundesländern einwandern. Wir wissen, dass die Bestände bei guter Nahrungsgrundlage wesentlich schneller wachsen und der von der EU geforderte günstige Erhaltungszustand viel früher erreicht wird als bisher angenommen.

Aus Ihrer Sicht wäre also eine Jagderlaubnis für Jäger mittelfristig wünschenswert?

Im Moment unterliegt der Wolf mit Ausnahme von Sachsen nicht dem Jagdrecht, demnach ist eine Bejagung mittelfristig nicht möglich. Wir Jäger sind grundsätzlich bereit, die von der Gesellschaft geforderten Aufgaben auf der Grundlage von klaren rechtlichen Bedingungen zu erfüllen. Dazu muss der Wolf nicht im Jagdrecht sein, wie Erfahrungen in Ländern wie Schweden und Finnland zeigen.

Aber es gibt Handlungsbedarf für den Gesetzgeber?

Der Wolf steht momentan unter strengem Schutz. Der Naturschutz fordert eine ausreichende Populationsgröße der Wolfsbestände in Mitteleuropa. Wir sehen diesen Erhaltungszustand schon kurzfristig vor 2018 als gegeben. Darüber hinaus muss geregelt werden, wie mit im Straßenverkehr verletzten Wölfen umgegangen wird.

Denn selbst wenn ein Tier auf offener Landstraße von einem Auto angefahren wird, darf es vom Jäger nicht erlegt werden - auch wenn es Qualen leidet und keine Überlebenschance hat. Es muss erst ein Veterinär hinzugezogen werden. Hier muss Tierschutz vor Naturschutz stehen. Schon deshalb steht der Gesetzgeber im Handlungszwang. In meinen Augen hat der Mensch auch bei geschützten Tieren die Pflicht, unnötiges Leiden zu vermeiden.

Ist die Bevölkerung für den Umgang mit Wölfen ausreichend gerüstet?

Nein, wir sind nicht ausreichend gerüstet. Leider haben viele Menschen immer weniger mit wildlebenden Tieren zu tun. Neben einen Konzept zur Wolfsentwicklung brauchen wir vor allem Aufklärung, insbesondere in Schulen. Der Umgang mit wilden Tieren in unserer Kulturlandschaft steht nur selten auf dem Lehrplan, das sollte sich ändern. Unser Verband leistet mit einem Umweltbildungsprojekt seinen Beitrag. Bei Interesse vermitteln wir Ansprechpartner zum Beispiel für Kitas und Schulen.