Welche psychologischen Hintergründe hat der Anschlag in Tröglitz? Darüber sprach Redakteurin Kerstin Singer mit Politikpsychologe Thomas Kliche, Professor an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Herr Professor Kliche, sind Übergriffe wie in Tröglitz ein ostdeutsches Phänomen? Wenn ja, warum?

Thomas Kliche: Nein! Rechtsextreme dreschen seit vielen Jahren täglich etwa zwei Menschen ins Krankenhaus - in allen Bundesländern. Die Szene stagniert seit Jahrzehnten bundesweit bei rund zehntausend. Die reisen punktuell an, unterstützt von Handy und Internet. Weil sie politisch dauerhaft erfolglos sind, brauchen sie spektakuläre Aktionen, um ihre Mitläufer bei der Stange zu halten. Ostdeutschland bietet ihnen aber erstens leere Räume, wo man sich über jeden im Dorf freut. Das nutzen sie stellenweise für massive Ansiedlung. Ostdeutsch ist zweitens die dünne Erfahrung mit kulturellen Minderheiten. Was man nicht kennt, lässt sich mit üblen Fantasien aufladen. Ostdeutsch ist drittens die regionale Schwäche prosozialer Organisationen, etwa Kirchen und Wohlfahrtsverbänden.

Wie viel Verständnis sollte die Politik solchen Stimmungslagen in der Politik entgegenbringen?

Keins. Die haben keinerlei Lösung für unsere Lebensfragen. Die sind nicht national, die sind blöd. Wir brauchen Einwanderung mit Integration, sonst können wir Deutschland in zwanzig Jahren abmelden. Neonazis werden zum Beispiel nicht in Altenheimen und Krankenhäusern stehen und uns pflegen.

Welche Gefühlslagen kommen hier zum Ausdruck: Angst, Hass oder Ignoranz?

Wut. Wut, dass es nicht so läuft, wie man will, dass Demokratie so kompliziert ist, dass man Politikern nicht vertrauen kann. Wut, dass man das eigene Leben so wenig in der Hand hat, dass die Welt immer komplizierter wird. Auch Angst vor Veränderung spielt eine Rolle, aber viel davon ist vorgeschoben, um Verständnis zu wecken.

Ist es ein Fehler, Flüchtlinge in Dörfern unterzubringen, in denen bislang kaum Ausländer leben?

Jein. Die Sozialpsychologie zeigt: je mehr Kontakte, desto mehr Verständnis. Wichtiger als die Unterbringung sind dafür aber die Vermittlung in der Bevölkerung und eine unterstützende Aufnahme. Wenn man Menschen ohne Bus hinterm Wald einpfercht, hat man sie für Integration wohl verloren.

Was ist die bessere Alternative?

Günstiger scheint mir die Verteilung auf Wohnungen in kleinen Städten mit viel Lebens- und Austauschmöglichkeiten und mit aktiver Begegnungs- und Willkommenskultur.

Warum funktioniert das Zusammenleben mit Flüchtlingen und Asylbewerbern an manchen Orten fast geräuschlos und an anderen nicht?

Konflikte sind die Ausnahme. Es ist ein wenig Zufall, wo Rechtsextreme sitzen und Angst und Wut anheizen. Aber wo wenig Menschen leben und wo die Gesellschaft schon zerfällt, hat Rechtsextremismus mehr Freiraum. Anderswo greift die Zivilgesellschaft ein - Kirchen, Gewerkschaften, Bürgerinitiativen, Verbände, Handwerkskammern, Freiwillige mit Weitblick und Menschlichkeit.

Was ist im Fall Tröglitz falsch gelaufen?

Das sollen sich die Tröglitzer überlegen.

Sie befassen sich seit vielen Jahren intensiv mit Rechtsextremismus und seinen Folgen. Hat sich ihrer Beobachtung nach die Akzeptanz für Ausländer in unserer Gesellschaft verändert?

Ja. Migration wird normal. Mythen wie die von der Ausländerkriminalität sind widerlegt. Und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nimmt langsam, aber stetig ab.

Was bedeuten Übergriffe wie in Tröglitz für das Image des Bundeslandes Sachsen-Anhalt, das weltweit für Investoren und Fachkräfte wirbt?

Das ist katastrophal. Alle anderen werden gern so tun, als gäbe es Fremdenfeindlichkeit nur hier: Grüne Wiese mit braunen Stinkeflecken.