Gardelegen l Eines Tages ist Carsten Roßberg einfach hingegangen. Er wollte mit den Menschen sprechen, die neu waren in seiner Stadt. So fremd in einer Umgebung, die sie nicht kannten. Da stand er vor der Steinbaracke, die der Altmarkkreis Salzwedel als neue Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber und Flüchtlinge in Gardelegen auserkoren hatte. Seine Frau war mit dabei. "Wir sind dahin und haben uns mit den Menschen an einen Tisch gesetzt", erzählt Roßberg. Aus ersten, schwierigen Gesprächen wurden Bekanntschaften. Mittlerweile hat der 59-Jährige, der in Gardelegen als Musikpädagoge arbeitet, mit zwei Familien Freundschaften geknüpft.

Roßberg war schon immer so. Als er mit 14 Jahren in ein Internat musste, lernte er, auf Menschen zuzugehen. Später studierte er Musik in Weimar. "Ich habe mein ganzes Leben mit Ausländern Musik gemacht. Für mich war es immer völlig unwichtig, wie die Menschen aussehen oder wie sie heißen", sagt Roßberg. "Es ging für mich immer um den Menschen."

Aus Fremden sind Freunde geworden

Als vor wenigen Wochen seine neuen Freunde Hilfe brauchten, stand ihnen Roßberg zur Seite. Die Familie aus dem Kosovo sollte wegen Renovierungsarbeiten kurzfristig aus ihrer Wohnung ausziehen. Roßberg organisierte Alternativen für die beiden Eltern und die vier Kinder. Er fand eine kleine Wohnung. Zwei Kinder nahm er in Absprache mit den Eltern bei sich und seiner Frau auf. "Wir kommen gut zurecht", sagt der Musiklehrer.

Ein paar Tage im Monat schaut Roßberg noch immer in der Gemeinschaftsunterkunft in der Gardelegener Innenstadt vorbei. Der graue Flachdachbau steht auf dem Gelände der Kreisverwaltung. Jugendamt und Ausländerbehörde sind gleich nebenan in dem schönen, alten Gebäude mit den roten Backsteinen. 300 Meter müssen die Asylsuchenden zurücklegen, um in das Herz der Innenstadt zu gelangen. In der Ernst-Thälmann-Straße laden die Geschäfte zum Einkaufen ein. Viele Händler haben ihre Ware bereits draußen aufgestellt. An diesem Mittwochmittag verlieren sich nur vereinzelt Passanten auf den Pflastersteinen der Fußgängerzone.

Einzelhändlerin Heidrun Rauhaut hat draußen einen Ständer mit bunten Oberteilen aufgebaut. Mit den neuen Bewohnern aus der Baracke hat sie nur sporadisch Kontakt - wie das mit der Kundschaft eben so ist. "Die schauen bei den Sonderangeboten, mal kaufen sie etwas, manchmal nicht", sagt die Inhaberin einer Modeboutique. Vor einem Schuhgeschäft steht ein Behälter für alte Treter. Darin würden die Asylsuchenden stöbern, erzählt die Verkäuferin. "Dagegen haben wir nichts. Es wird auch vorher immer gefragt", sagt die Frau.

Nur die Filialleiterin eines Haushaltswaren-Discounters hat eine Schauergeschichte in petto. Vor einiger Zeit seien ihre Mitarbeiter von einem Kind abgelenkt worden, während sich draußen der Vater an der Ware bedient hätte. "Wir sind beklaut worden", sagt Bianca Springborn. Ob das allerdings die Flüchtlinge gewesen sind, könne sie nicht mit Sicherheit sagen.

Kristin und Manuela Hörauf sind in der Fußgängerzone unterwegs. Die Geschwister sind in Gardelegen aufgewachsen."Uns fallen die Menschen nicht auf", sagt Kristin. Die beiden Auszubildenden sind sich einig: Es ist richtig, Menschen, die aus ihren Heimatländern geflohen sind, aufzunehmen. "Wir haben Platz", sagt Manuela. "Warum sollten wir die Leute nicht aufnehmen?"

 

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