Güntersberge l Nur das Rauschen des Windes durch die Bäume ist zu hören. Der Bergsee ruht still. Mit leicht zusammengekniffenen Augen steht Horst Wicht auf der Terrasse seiner Gaststätte und beobachtet, wie ein Reiher im Tiefflug auf Beutezug geht. "Der Harz ist einfach wunderschön", sagt er. Horst Wicht versinkt in Gedanken. Am 1. Mai geht der Betrieb am Bergsee wieder los. Rudern, Baden, Kaffeekränzchen in der "Schmunzelstube" - Horst Wicht lebt davon, dass auch viele andere den Harz und Güntersberge lieben. Doch ob das so bleiben wird, zieht derzeit nicht nur der Geschäftsmann in Zweifel. Die ganze Ortschaft ist in Aufruhr.

Vergangene Woche ist bekannt geworden, dass Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) eine zweite Anlaufstelle für Asylsuchende im Land errichten will. Tausende Flüchtlinge werden Sachsen-Anhalt in den nächsten Monaten erreichen. Weil die erste Adresse in Halberstadt überfüllt ist, könnten einige Asylsuchende im Kinder- und Erholungszentrum (Kiez) in Güntersberge unterkommen. Der Trägerverein des Kiez hat Anfang des Jahres Insolvenz angemeldet - das Innenministerium prüft nun, ob die Unterbringung von Flüchtlingen eine Option ist.

"Das wäre eine Katastrophe", sagt Horst Wicht. Er sitzt in seiner "Schmunzelstube". Doch nach Lachen ist ihm nicht zumute. "Wir leben hier vom Tourismus. Hier kommt doch kein Mensch mehr her, wenn hier Hunderte Asylbewerber sind", sagt er. Horst Wicht sorgt sich, dass sie bei ihm einbrechen oder im See nach 18 Uhr baden gehen, wenn er eigentlich schon geschlossen hat. Und außerdem gehe es um die "Verhältnismäßigkeit". Güntersberge habe keine 700 Einwohner mehr. "Wie soll das denn gehen, mit 600 Asylbewerbern?"

Dass am Ende wirklich Hunderte nach Güntersberge kommen, ist unwahrscheinlich. Realistisch ist wohl eher eine Zahl zwischen 100 und 300 Personen. Man prüfe die Gegebenheiten, versichert das Innenministerium. Doch die Angst vor möglichen Veränderungen ist in dem Harzort schon jetzt zu spüren.

Arztpraxen, Kindergarten, Grund- und Sekundarschule sind in den vergangenen Jahren verschwunden. Nur die Kaufhalle in einem baufälligen Haus im Zentrum von Güntersberge gibt es noch. Rentner Klaus Albrecht hastet hinein. Er muss schnell noch ein paar Dinge kaufen, bevor der Bus kommt. Den darf er nicht verpassen, der nächste fährt erst wieder in einer Stunde.

Ja, das mit den Asylbewerbern habe er gehört, sagt der 70-Jährige. Es sei schlimm, dass das Kiez insolvent ist. "Die Politik macht es sich zu einfach. Jetzt sollen Asylbewerber herkommen. Aber andere Wege zur Rettung des Kiez als Kinderzentrum werden gar nicht mehr verfolgt", schnauft der Rentner. Die Leute im Ort würden hinter dem Kiez stehen, dessen Tradition verpflichte auch. "Ich würde von meiner Rente gern 30 Euro im Monat abgeben, wenn das Kiez damit erhalten werden könnte. Aber für die Asylbewerber würde ich das nicht machen", sagt Klaus Albrecht und läuft zur Bushaltestelle.

Nur 80 Meter weiter arbeitet Ilona Decker im Garten. "Hier in Güntersberge ist doch nichts los. Was sollen die den ganzen Tag hier machen?", fragt sie sich seit ein paar Tagen. "Ist doch klar, dass die irgendwann auf dumme Gedanken kommen." Ilona Decker glaubt, dass sich alles verändern würde, wenn "die" in das Kiez einziehen. Sie habe absolut nichts gegen "Asylanten". "Aber die sind hier einfach am falschen Ort."

So wie Ilona Decker sehen das viele in Güntersberge. Am Ostersonnabend hat es vor der Turnhalle eine Bürgerversammlung gegeben. Etwa 350 Menschen haben die Stellungnahme an den Innenminister bereits unterschrieben. Tenor: Die Region ist auf Tourismus ausgerichtet, das Kinder- und Erholungszentrum soll erhalten werden.

Menschen, die in großer Mehrheit Kriegsleid und Gewalt erfahren hätten, würden "wohl kaum Interesse daran haben, durch Wälder zu spazieren, zu joggen oder Rad zu fahren", heißt es in der "Güntersberger Erklärung", die der Volksstimme vorliegt.

Mike Losse steht vor seinem Haus und kehrt die Straße. Bis zum Kinder- und Erholungszentrum sind es keine 200 Meter. Er zeigt auf die Kiez-Häuser und sagt, dass er ein ungutes Gefühl habe. "Wir wissen nicht, was da mit den Asylbewerbern auf uns zukommt. Was sollen die hier oben den ganzen Tag machen?" Klar, die Mehrheit der Flüchtlinge sei "sicher in Ordnung". "Doch was ist mit den zwei Prozent, mit denen es Stress gibt? Man kann doch hingucken, wo man will: Überall, wo es solche Unterkünfte sind, gibt es Krawalle", sagt er. "Hier ist ja keiner rassistisch oder so. Aber was sollen die Asylbewerber hier bei uns auf dem Land?"

Der Familienvater überlegt, sich einen Hund anzuschaffen oder sein Grundstück mit einem Stacheldraht zu umzäunen. "Ich weiß es noch nicht", sagt er nachdenklich. "Vielleicht sehe ich das auch alles zu ernst?" Zwei Nachbarn treten hinzu. Sie zählen weitere Vorbehalte auf. Am Ende sind sich die drei einig: Asylbewerber hier in Güntersberge, das wäre "touristenschädigend".

Wilfried und Carola Schulz reisen gern in den Harz. Von Hannover dauert die Anreise keine zwei Stunden. Gemütlich schlendern sie durch die Güntersberger Straßen. Sie spazieren zum Kiez. Von den Plänen mit den Asylbewerbern haben sie schon gehört. "Aber wir würden nächstes Jahr trotzdem wieder hierher kommen. Asylbewerber verschlechtern ja nicht den Urlaub", sagt Wilfried Schulz. Er könne zwar die Sorgen der Güntersberger hier verstehen. Doch die Asylbewerber müssten ja irgendwo unterkommen.

Günter Wichmann (CDU) lebt seit Jahrzehnten in Güntersberge. Der Ortsbürgermeister hat das Kiez stets gefördert. Von den Überlegungen, daraus eine Flüchtlingsunterkunft zu machen, hat er aus der Zeitung erfahren. Von der Landesregierung ist er enttäuscht. "Wir wurden bisher überhaupt nicht informiert. Da ist es doch völlig klar, dass die Stimmung im Ort schlecht ist", ärgert sich Wichmann. Dabei hätte doch Innenminister Stahlknecht eine bessere und transparentere Kommunikation als in Tröglitz angekündigt.

Am gestrigen Mittwoch wollte das Ministerium keine Stellungnahme zu den Plänen abgeben. Die Prüfungen dauerten an, sagte ein Sprecher der Volksstimme. Die Güntersberger scheinen ihr Urteil jedoch unabhängig davon bereits gefällt zu haben. Ortsbürgermeister Wichmann sagt: "Es hat hier keiner etwas gegen Ausländer. Aber die passen einfach nicht hierher."

   

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