Mühlhausen (dpa) l Die Rolle des in Stolberg (Harz) geborenen Predigers Thomas Müntzer (um 1489 - 1525) in der Reformation wird nach Ansicht von Historikern zu wenig gewürdigt. "Die Reformationsdekade bis 2017 ist sehr stark auf Martin Luther fokussiert", kritisierte der Mühlhäuser Museumsdirektor Thomas Müller, der auch Vorstandsmitglied der Thomas-Müntzer-Gesellschaft ist. Müntzer habe wie andere Theologen eine Alternative zur Reformation Luthers aufgezeigt. Er habe schon vor Luther auf Deutsch gepredigt. Aus den einstigen Weggefährten wurden erbitterte Gegner.

"Luther hat dafür gesorgt, dass Müntzer vor und nach seinem Tod verunglimpft wurde. Das hat ziemlich gut funktioniert", so Müller. Er wurde bei Mühlhausen am 27. Mai 1525 nach der Niederlage des Bauernheeres bei Frankenhausen gefoltert und hingerichtet. Die Thomas-Müntzer-Gesellschaft will sich auf ihrer Jahresversammlung an diesem Sonnabend in Mühlhausen mit dem Thema "Tradition und Neuerung in Thomas Müntzers deutscher Liturgie" auseinandersetzen.

Münzer habe sich 1523 in Allstedt für die Einführung der deutschen Sprache in die Messe stark gemacht. Er gehöre deshalb zum Urgestein der Reformation in Deutschland und sei auch schon mal als "Vater des evangelischen Gottesdienstes" bezeichnet worden, erklärte Vorsitzender Hans-Jürgen Goertz. Die Erforschung seiner Reform stehe noch am Anfang.

Reformation notfalls auch gegen die Obrigkeit

1517, als Martin Luther (1483 - 1546) mit dem Thesen-Anschlag an die Schlosskirche von Wittenberg die Reformation der Kirche einleitete, habe Müntzer noch fest an der Seite Luthers gestanden, sagte Müller. Wahrscheinlich 1520 in Zwickau - Luther hatte ihn für die Pfarrstelle empfohlen - und später in Mühlhausen habe Müntzer seine eigenständige, radikalreformerische Theologie entwickelt.

Es sei zum Bruch gekommen, was auch zur Teilung der Reformationsbewegung geführt habe. Luther sei der Auffassung gewesen, die Reformation gehe nur mit der Obrigkeit. Müntzer vertrat dagegen die Ansicht, die Reformation müsse vorangehen - ob mit oder ohne Fürsten. So sah er in den aufständischen Bauern die "Werkzeuge Gottes", die die Veränderung herbeiführen sollten.

Luther habe diese Herrschaftsfrage gar nicht gestellt, sagte Müller, der über den Bauernkrieg in Mühlhausen seine Dissertation geschrieben hat. 1524 und 1525 hatte Müntzer in der Stadt gepredigt und war von dort mit Aufständischen nach Frankenhausen gezogen.

Ausstellung zu "Luthers ungeliebtem Bruder"

2001 gegründet, will die Gesellschaft mit Mitgliedern in mehreren Ländern Europas, in Australien und den USA zur Erforschung von Leben und Werk des radikalen Theologen beitragen. In der jüngeren Zeit sei das wissenschaftliche Interesse an ihm, auch bei Studenten, wieder gewachsen, sagte Müller.

Für 2016/2017 bereiten die Mühlhauser Museen eine Ausstellung mit dem Titel "Luthers ungeliebter Bruder" vor. Sie werde sich "quer zur offiziellen Luther-Lehre" auch mit Reformatoren wie Heinrich Pfeiffer und Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, befassen.