Die Plagiatsaffäre um die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg erscheint mit dem Rücktritt des CSU-Verteidigungsministers ausgestanden. Doch ist sie das wirklich, oder hinterlässt sie in der Wissenschaftslandschaft Spuren? Philipp Hoffmann befragte die Unirektoren Klaus Erich Poll-mann (Magdeburg) und Udo Sträter (Halle). Am Gespräch nahm auch die hallesche Prorektorin für Forschung, Gesine Foljanty-Jost, teil.

Volksstimme: Haben es Verfasser wissenschaftlicher Arbeiten in Zukunft schwerer denn je, weil stärker kontrolliert wird?

Udo Sträter: Ich denke nicht, dass jetzt ein Ruck durchs Land ginge, man müsse dort mal genauer hingucken – als ob man das bislang nicht getan hätte. Wir gehen davon aus, dass die Standards gut und hoch sind und diese Geschichte mit Herrn zu Guttenberg ein Ausrutscher, wenn auch von besonderer Bedeutung, ist. Der Doktortitel ist das höchste Prädikat, das eine Universität vergeben kann. Eine Promotion zu begleiten, ist eine der verantwortungsvollsten Aufgaben eines Hochschullehrers überhaupt. Normalerweise gibt es auch ein sehr vertrauensvolles Betreuungsverhältnis zwischen Doktorand und Doktorvater.

Volksstimme: Wenn das Vertrauensverhältnis so eng ist, schaut man dann als Doktorvater vielleicht nicht mehr so genau hin?

Klaus Erich Pollmann: Der Erstbetreuer steht in ständigem Kontakt mit dem Doktoranden oder der Doktorandin. Es wird ständig über die Ergebnisse diskutiert. Und viele Promotionen werden im Rahmen von Kollegs geschrieben, in denen es auch ständig Diskussionen gibt.

Gesine Foljanty-Jost: Das Promovieren in Deutschland hat sich verändert. Ein Doktorand oder eine Doktorandin ist nur noch selten isoliert. Doktoranden treffen sich regelmäßig zum Kolloquium, präsentieren regelmäßig und sind angehalten, während der Promotion zu publizieren. Das ist auch eine Form von Qualitätskontrolle.

Volksstimme: Aber kann es sein, dass eine Doktorarbeit nicht vollständig gelesen wird?

Pollmann: Der Erstbetreuer wird sie nicht nur lesen, er wird sie auch ein paarmal zurückgeben mit Auflagen. Und auch der Zweitgutachter liest sie gründlich.

Sträter: Es ist ja auch für den Betreuer eine Frage des Ansehens. Er hängt mit seinem Namen mit dran an der Arbeit. Wenn ich sage, eine Dissertation ist in Ordnung, dann stehe ich als Wissenschaftler dafür ein. Wenn sich herausstellt, die Arbeit ist Mist, dann fällt das auf mich zurück.

Volksstimme: Hat man als Betreuer alles im Blick, was an Quellen benutzt wurde?

Pollmann: Ein anständig ausgebildeter Student kommt eigentlich nicht auf die Idee, etwas abzuschreiben. Warum sollte er das tun? Zitate sind ja nicht etwas Peinliches, sondern die Grundlage, um das eigene Forschungsergebnis präsentieren zu können. Das solide Zitieren ist eine Qualitätsfrage. Die riesengroße Mehrheit der Doktoranden weiß das. Es gibt vielleicht kleine Problemgruppen. Die stehen nicht im wissenschaftlichen Prozess, haben keine Zeit, aber das ehrgeizige Ziel, einen Doktortitel erwerben zu müssen. Da gucken die Fakultäten von sich aus sehr genau hin.

Volksstimme: Sie sagen, im Normalfall kommt niemand auf die Idee abzuschreiben. Was aber, wenn der Doktorand unter Zeitdruck gerät?

Foljanty-Jost: Zeitdruck rechtfertigt niemals das Plagiat. Natürlich haben Doktoranden gelegentlich Panik und keine Zeit und kein Geld mehr. Das kann aber nicht dazu führen zu sagen, man schreibt ab.

Pollmann: In aller Regel wird die Arbeit dann eben später fertig.

Sträter: Man kann auch mit dem Betreuer diskutieren, ob die Arbeit nicht vielleicht doch zu umfangreich ist. Ob nicht, um Zeit zu sparen, ein Exkurs herausgenommen und separat veröffentlicht werden kann.

Volksstimme: Wie konnte es trotz allem zu der Plagiatsaffäre kommen?

Pollmann: Der Fall Guttenberg hätte nicht passieren dürfen, ganz zu schweigen von dieser Note. Hier muss man sehr kritisch die Betreuer dieser Doktorarbeit befragen. Wenn sie wirklich mit der nötigen Sorgfalt betreut worden wäre, hätte das auf den verschiedenen Etappen auffallen müssen.

Volksstimme: Was ist die nötige Sorgfalt?

Pollmann: Das beginnt in der Regel damit, dass man ein Exposé schreibt, das die Basis ist zur Beurteilung der Frage, ob dieses Thema und diese Person von der Fakultät überhaupt für eine Doktorarbeit akzeptiert werden können. Schon an der Stelle merkt man, ob jemand selbständig formuliert.

Volksstimme: Ist die Gefahr, dass es jemand nicht tut, durch das Internet größer geworden?

Foljanty-Jost: Wir beginnen schon im ersten Semester mitzuteilen, wie man mit dem Internet korrekt wissenschaftlich umgeht. Die Studenten wissen: Wenn sie Internet benutzen – und das tun sie ja praktisch nur noch –, dann müssen sie damit sauber umgehen. Aus unserer Erfahrung greift das System, sind die Spielregeln bekannt. Und wenn nicht, kann man bei einer Hausarbeit immer noch sagen: Das war nichts, bitte noch mal. Bei einer Masterarbeit geht das vielleicht auch noch. Aber bei einer Promotion darf es nicht mehr passieren.

Volksstimme: Wie ist es mit dem Ghostwriting? Kann man es einer Arbeit anmerken, ob sie von einem Dritten verfasst wurde?

Sträter: Wenn zu mir jemand mit einem Manuskript kommt und ich eine halbe Stunde mit ihm rede, dann weiß ich, ob er das geschrieben hat oder nicht. Wenn nicht, wird er bestimmte Fragen nicht beantworten können.

Pollmann: Das merkt man ganz schnell, ob jemand im Stande ist, einen solchen Diskurs mit einem zu führen. Wer es nicht kann, den nimmt man nicht an.

Volksstimme: Dennoch gibt es das Ghostwriting seit Jahrzehnten.

Foljanty-Jost: Ich glaube, man muss da sehr präzise gucken, um was für wissenschaftliche Arbeiten es geht. Bei einer Hausarbeit ist das etwas anderes als bei einer Dissertation. Promovieren heißt forschen. Und damit hat man automatisch immer einen individuellen Anteil. In meiner Logik geht Ghostwriting für Promotionen somit gar nicht.

Volksstimme: Ist die Promotion im Laufe der Jahrzehnte leichter geworden, damit mehr Leute es schaffen?

Pollmann: Nein, ganz im Gegenteil. Es hat Phasen gegeben, in denen Doktorarbeiten nicht immer der Gipfel der Forschung waren. Seit den 50er, 60er Jahren sind die Promotionsanforderungen aber eindeutig anspruchsvoller geworden.

Volksstimme: Sehen Sie die Wissenschaft durch die Plagiatsaffäre beeinträchtigt?

Sträter: Nein. Hier ist keine Krise der Wissenschaft zu verzeichnen. Es wäre aber schön, wenn sich herumsprechen würde, dass es nach wie vor hohe wissenschaftliche Standards gibt. Historisch gesehen definieren sich Universitäten nicht zuletzt durch das Promotionsrecht. Und das darf überhaupt nicht in irgendwelche negativen Diskussionen kommen. Darauf passen Universitäten verdammt scharf auf.

Pollmann: Es hat ja diesen Protest von Doktoranden gegeben. Sie haben zum Ausdruck gebracht: Hier geht es um den Ruf der Promotion, und der darf nicht diskreditiert werden. Ich denke, Doktoranden werden in Zukunft kritischer auf die gesamten Vorgänge gucken und sich selbst artikulieren. Das finde ich ganz hervorragend.

   

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