Die künftige Schulpolitik rückt zunehmend in den Mittelpunkt des Landtagswahlkampfes. Soll eine Gemeinschaftsschule das gegliederte System ablösen, welche Verantwortung hat der Staat, welche Lehrer und Eltern? Winfried Borchert fragte dazu den Linke-Landeschef Matthias Höhn.

Volksstimme: Herr Höhn, die SPD wirbt mit dem Slogan "Wir streichen nicht eine Schule, sondern alle". Ist es redlich, eine solche Bestandsgarantie für alle Schulen zu geben?

Matthias Höhn: Diese Aussage, die sich so ähnlich bei der CDU findet, ist mehr als frech. CDU und SPD sind dafür verantwortlich, dass unserem Land ein massiver Lehrermangel droht. Bald werden jährlich 800 bis 900 Lehrerinnen und Lehrer in den Ruhestand gehen. Jedes Jahr stehen uns aber derzeit nur maximal 310 Absolventen aus den staatlichen Seminaren zur Verfügung. Jetzt rächt sich, dass CDU und FDP in der vorherigen Wahlperiode die Lehrerausbildung in Magdeburg abgeschafft haben. Von anderen Bundesländern werden wir kaum Lehrer bekommen, die brauchen sie selbst. Deshalb muss man die Lehrerausbildung und den Einstellungskorridor schnellstens ausweiten. Wenn CDU und SPD auf ihrem Personalabbau beharren, wäre das Schulnetz nur mit Einschnitten im Angebot und höherer Lehrerarbeitszeit zu halten. Dann sollen das beide aber bitte auch so ehrlich vertreten.

Volksstimme: Kultusministerin Birgitta Wolff hat gemahnt, Reformen im Schulsystem müssten langsam, über sieben bis zwölf Jahre, umgesetzt werden. Sie wollen die Gemeinschaftsschule einführen. In welcher Zeit?

Höhn: Sieben bis zwölf Jahre sind realistisch. Es wird da mit uns keine überstürzten Entscheidungen geben. Wir wollen ab 2012 an den Sekundarschulen gymnasiale Angebote unterbreiten und ihr Niveau insgesamt heben. Beginnend mit der fünften Klasse, sollen Sekundarschüler ein erweitertes Bildungsangebot erhalten, das bis zur zehnten Klasse hochwächst. Nach fünf Jahren hätten die Klassenstufen fünf bis neun der Sekundarschulen ein deutlich höheres Niveau. Die Gemeinschaftsschule wäre dann eine Frage des Namens. Nach der neunten Klasse können sich die Schüler dann auf einen Realschulabschluss vorbereiten oder in die gymnasiale Oberstufe wechseln. Zugleich wollen wir, dass die Technikbildung der Gymnasien verbessert wird und dort alle Schulabschlüsse möglich werden. Das Abschulen von Gymnasiasten würden wir schrittweise abschaffen.

Volksstimme: Sie argumentieren für die Gemeinschaftsschule stets mit einem Zusammenhang zwischen Sozialstatus der Eltern und Bildungserfolg der Kinder, die Ministerin hat erklärt, dies sei ein Gerücht. Was sagen Sie?

Höhn: Diese Aussage hat mich sehr erstaunt. In den letzten Jahren haben wir mehrfach die Befunde bekommen, in der letzten PISA-Studie und anderen internationalen Vergleichen, dass Systeme mit einer frühen Aufteilung von Schülern denen mit längerem gemeinsamen Lernen unterlegen sind. In Sachsen-Anhalt beispielsweise ist die Chance eines Kindes aus einem gutsituierten Elternhaus einen Abiturabschluss zu erreichen, 4,5-mal höher als die eines Kindes aus einer sozialschwachen Familie – bei gleicher Kompetenz. Vor dieser Tatsache den Kopf in den Sand zu stecken, wird den Problemen nicht gerecht.

Volksstimme: Muss man aber nicht auch die Eltern stärker in die Pflicht nehmen, so wie man auch die Aufgaben der Lehrer und Schüler definiert?

Höhn: Natürlich stimmt es, dass es in jedem Schulsystem Kinder von engagierten Eltern leichter haben als Kinder von Eltern, die sich wenig oder nicht kümmern. Auch die Gemeinschaftsschule kann und wird nicht alle Probleme lösen. Die Eltern sind und bleiben die Erziehungsberechtigten. Sie tragen die Hauptverantwortung für die Bildung und Erziehung ihrer Kinder. Wir wissen aber, dass das in vielen Fällen nicht so gelingt.

Volksstimme: … was nicht unbedingt nur eine Frage des Geldes ist. Es gibt auch verlotterte Kinder reicher Familien.

Höhn: Ganz gleich, wo die Ursachen dafür im Einzelfall liegen, am Ende geht es um das Kind und seine Bildungs- und Entwicklungschancen. Und da reicht es als Politiker nicht aus, zu sagen, Eltern, kümmert euch.

Volksstimme: Mitunter klagen Eltern darüber, dass ihre Mitarbeit an der Schule gar nicht so gefragt sei. Ausnahmefälle?

Höhn: Ich plädiere generell dafür, dass sich Schulen mehr öffnen, dass sie viel stärker auf Ideen und Vorschläge von außen eingehen. Da kommt es vor allem auf die Bereitschaft der Schule, der Lehrer an, auch auf Ideen von Eltern und Schülern einzugehen. Dafür gibt es mittlerweile gute Beispiele in Sachsen-Anhalt.

Volksstimme: In den Schulkonferenzen haben die Lehrer allerdings immer gegenüber Eltern- und Schülervertretern eine gesetzlich vorgeschiebene absolute Mehrheit. Sehr demokratisch ist das nicht, oder?

Höhn: Wir werben für die Drittel-Parität, also dass Lehrer, Eltern und Schüler gleich viele Vertreter in der Schulkonferenz stellen. Ich glaube aber, dass es nicht so sehr auf das Zahlenverhältnis ankommt, sondern darauf, gemeinsam Probleme zu lösen oder Ideen zu verwirklichen. Am Ende braucht man dazu immer alle Beteiligten. Auch die Schulträger, also meist die Gemeinden und Landkreise, müssten dabei stärker einbezogen werden.

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