Bei der Landtagswahl hat die NPD vor allem im Süden Sachsen-Anhalts viele Stimmen gefangen. Doch nirgendwo sonst bekamen die Rechtsextremen so viele Prozente wie in Stresow im Jerichower Land. Nur, warum? Hat ein Fußballplatz damit etwas zu tun, ein altes Gutshaus oder eine politische Ödnis? Ursachenforschung in einem abgehängten Dorf.

Burg/Stresow. Matthias Graner sitzt in seinem Bürgerbüro in Burg. Draußen flanieren Passanten durch die Frühlingssonne. Altkanzler Helmut Schmidt blickt streng von der Wand herab. "Der hat mich vor 30 Jahren für die SPD begeistert", sagt Graner, der SPD-Kreisvorsitzende im Jerichower Land. Er blinzelt ins Licht. Ja, er kenne das Wahlergebnis für die NPD in Stresow. 25,4 Prozent, Spitzenwert im Land. "Seit Jahren sind die Zahlen schockierend. In Stresow muss es ein Nest von Rechtsradikalen geben", sagt Graner. Das ist zumindest seine Vermutung.

Wer mit dem Auto nach Stresow kommt, nachdem er die Allee mit den alten Eichen durchfahren hat, sieht keine Nazis, er hört nur ein paar Hunde kläffen. Die Straßen sind neu und sauber. In der Dorfmitte bilden Kirche, Friedhof und Spielplatz ein idyllisches Ensemble. Die Feuerwehr hat eine neue Garage, und das Gemeindehaus strahlt hellgrün. Doch da sind auch viele Ruinen: Wohnhäuser, Ställe, Verwaltungsbauten des einstigen Gutes. Das mächtige Gutshaus ist mit Brettern vernagelt, Gestrüpp wuchert mannshoch auf dem Gelände. Zeugnisse eines langen Rechtsstreites, wie sich herausstellt.

Und da ist der verlassene Bolzplatz mit wintergelbem Gras, auf dem die Tore vor sich hinrosten.

"Sie werden keine Rechten finden, das ist ein ruhiger Ort"

"Hier gibt’s kein’ Fußball mehr. Aber den Rasen mähen sie regelmäßig", sagt René Stummer. Mit breitem Lächeln und beachtlichem Ohrschmuck steht der 32-Jährige hinter dem Gartenzaun auf der anderen Straßenseite. Stummer ist gelernter Kraftfahrer, arbeitet jetzt bei einer Sicherheitsfirma in Magdeburg und lebt seit ein paar Jahren in Stresow; "inzwischen gern", wie er meint. Es sei so schön ruhig hier. Daran hätten auch die Fußballturniere nichts geändert, die bis vor einigen Jahren hier stattfanden.

Die Fußballturniere haben weit über Stresow hinaus Aufregung ausgelöst. Ein paar Dorfbewohner aus der Hooliganszene hatten die Wettbewerbe veranstaltet. 30 bis 40 Jugendliche aus der rechten Szene trafen sich, bolzten, grillten Würstchen. Die Gemeinde gab den Platz frei. Gegen energische Proteste von Polizei und Innenministerium.

Es sei "immer alles ruhig geblieben", sagt die ehrenamtliche Ortsbürgermeisterin Petra Jarosch. Sie ist parteilos, steht den Linken nahe und arbeitet als Sekretärin. Sie ist der Aktivposten von Stresow, Mädchen für alles, Chefin des Heimatvereins, Initiatorin von Arbeitseinsätzen. Mit Politik und Parteien hat sie nichts am Hut, das merkt schnell, wer sich mit ihr unterhält.

Ihr seien die Fußballturniere "zehnmal lieber" gewesen, als wenn die Jugendlichen randaliert hätten. Sie habe mit denen Regeln verabredet: kein Alkohol, keine rechte Musik, keine verbotenen Symbole. "Daran haben sie sich gehalten. Die Polizei hat das massiv aufgebauscht", sagt sie.

Im Innenministerium sah man den Fall mit Sorge, stellte ein Polizeiaufgebot ab, über das sich die Stresower noch heute als "völlig übertrieben" erregen.

Übertrieben? Im Ort lebt Dennis W. Er galt als einer der führenden Köpfe der einstigen Hooligan-Vereinigung BWSE, der "Blue White Street Elite" (Blau-Weiße Straßen-Elite). Die Truppe, die ihre Farben auf den 1. FC Magdeburg bezieht, tat sich durch Schlägereien hervor, bis der Innenminister den Verein vor zwei Jahren verbot. Dennis W., ein schmächtiger Endzwanziger, der noch bei den Eltern wohnt, klagte damals als BWSE-Vertreter vor Gericht gegen das Land, am Ende erfolglos.

Die NPD hat im Jerichower Land keine funktionierenden Strukturen, sagen Experten. Und auch in Stresow keine bekannten Funktionäre. Die demokratischen Parteien allerdings auch nicht. Der gesamte Ortschaftsrat besteht aus parteilosen Mitgliedern des Heimatvereins. Könnte sich da einer wie Dennis W. zur Identifikationsfigur aufschwingen?

Das glaube sie nicht, sagt die Bürgermeisterin. Der W. sei bei den Jugendlichen im Ort nicht beliebt. "Wo er ist, gibt es Ärger."

Doch auf dem Fußballplatz ist Dennis W. der Lokalmatador. Als Stürmer des SV Theeßen in der Kreisoberliga hat er 19 Tore geschossen, mehr als jeder andere.

Michael Pieper, Fußballtrainer in Redekin, hat seine eigenen Erfahrungen mit dem Stürmer. Im vergangenen September spielte Pieper mit seiner Mannschaft in Theeßen. Anschließend kam Piepers Sohn, der in Redekins Mannschaft kickt, zum Vater. "Er sagte, die Nummer 18 habe ihn als Judenschwein beschimpft. Auf dem Spielbogen haben wir gesehen, dass das W. war, wir kannten den ja vorher nicht", erzählt Pieper. Eine halbe Stunde nach dem Spiel seien die Feindseligkeiten weitergegangen. Stürmer W. und sein Torwart seien auf einen dunkelhäutigen Spieler der Gästemannschaft losgegangen. "Schert euch in euer KZ-Dorf", hätten sie gerufen und einen eingreifenden Betreuer als "Neger-Opa" beschimpft, sagt Trainer Pieper. W. wurde gesperrt, doch das Landessportgericht habe die Sperre wieder aufgehoben, weil die Polizei Akten nicht habe herausgeben wollen. Am 20. Juni soll es vor dem Amtsgericht in Burg eine Gerichtsverhandlung geben.

Trainer Pieper sagt, seine Mannschaft habe nach dem Vorfall kaum Zuspruch von anderen Vereinen erhalten. Stattdessen würden seine Jungs von Zuschauern angefeindet als "Spinner" und "eklige Truppe". Da sei "manchmal richtiger Hass herauszuhören" und "offene Fremdenfeindlichkeit". Einige seiner Spieler, die woanders studieren, fragten bereits, warum sie sich das antun sollten. Pieper hat kein gutes Gefühl, wenn er an das Rückspiel gegen Theeßen denkt. "Das wird nicht ohne massiven Polizeischutz gehen", sagt er.

"Wir müssen die Zukunft der weißen Rasse sichern"

Die Bürgermeisterin glaubt nicht, dass W. etwas mit dem Wahlergebnis zu tun habe. "Zur Wahl kamen nur vier junge Leute. Und auf die Erwachsenen hat W. keinen Einfluss."

Und wenn man Passanten im Dorf fragen würde?

"Sie werden hier keine Rechten finden, das ist ein sehr ruhiger Ort", sagt die Bürgermeisterin.

Ruhig stimmt. An der Bushaltestelle kann man eine halbe Stunde lang dem Vogelgezwitscher lauschen, ohne von einem vorbeifahrenden Auto gestört zu werden. Und die Inschriften in der Wartehalle lesen. "Adolf" steht da hingeschmiert und "H.H." – wie "Heil Hiltler!" Mehrfach findet sich die Zahl 1488. Die 88 steht für zweimal den achten Buchstaben des Alphabets, also auch "H.H.". Die 14 ist ein Hinweis auf die "14 Worte" der US-Rassisten und -Neonazis und bedeutet: "Wir müssen die Zukunft unserer weißen Rasse sichern." Ein paar Meter weiter leuchtet in der Rinde einer dicken Buche ein frisches Hakenkreuz in der Nachmittagssonne.

Neonazis sind in Stresow nicht sichtbar, ihre Symbole schon.

Übrigens: Auch die 18, die Rückennummer von Dennis W. hat in der rechten Szene eine Bedeutung: "A.H." – wie Adolf Hitler.

Was meint eigentlich René Stummer, der Mann am Gartenzaun, zum NPD-Ergebnis?

Er habe die NPD nicht gewählt, sagt er. Er gehe nicht zur Wahl. Er könne sich auch keinen Grund dafür vorstellen. Es ändere sich doch nichts. Müsse es auch nicht. "Ich bin mit meinem Leben im Großen und Ganzen zufrieden. Hauptsache die Familie ist gesund", sagt er und lächelt breit. Ob er wohl weiß, wer Helmut Schmidt ist?

Arnfried Jeschke lächelt nicht, er schimpft. Über eine elektrische Laubsäge gebeugt, sitzt der 71-Jährige in seiner Garagenwerkstatt, hört Schlager und produziert Weihnachtsschmuck. "Es haben noch viel zu wenige NPD gewählt", wettert er. "Damit die da oben den Schuss hören." Jeschke meint CDU und SPD, aber im Grunde alle Parteien. "Wir brauchen einen sozialdemokratischen Staat. Unserer ist weder sozial noch demokratisch." Wer hier das Geld habe, der habe auch die Macht.

Jeschke hat nicht viel Geld. Er war früher Chef der Milchviehanlage, bekomme heute 820 Euro Rente. Seine schwerkranke Frau sei arbeitsunfähig, erhalte aber keine Hilfe vom Staat, "nicht mal Hartz IV, weil ich ja eine so hohe Rente habe", sagt er bitter. Jeschke verkauft die Arbeiten auf Märkten, verdient nebenbei monatlich 250 Euro, wenn es läuft.

Er habe nicht NPD gewählt, sagt Jeschke, die NPD-Leute seien "doch tote Hosen im Geiste". Er habe überhaupt nicht gewählt. "War denn überhaupt eine Wahl? Hier waren doch nur Plakate", donnert er. Von den Politikern habe sich "nicht einer" im Ort blicken lassen. Das sei früher anders gewesen. "Heute muss ich praktisch blind wählen und merke erst hinterher, was das vielleicht für eine Blüte ist."

SPD-Mann Graner sagt, er habe ja versucht, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Habe im Wahlkampf seine Flugblättchen selbst in die Briefkästen gesteckt, um hier und da ein Gespräch anzufangen. Habe in vielen Dorfkneipen zum Gespräch eingeladen. Im Nachbarort Rietzel kamen dazu ganze vier Leute. Die Leute wollten mit Parteipolitik nichts zu tun haben. Ein Politiker werde schnell verdächtigt, nur Stimmen für seine Partei fangen zu wollen. "Und die gleichen Leute beklagen sich, wenn wir uns nicht sehen lassen", sagt Graner mit einem Anflug von Resignation. Und der Wahlkreis sei zu groß, als dass sich jedes Dorf regelmäßig besuchen ließe.

Bürgermeisterin Jarosch sagt, es sei zu wenig, wenn die Berufspolitiker nur im Wahlkampf auftauchen. Da fühlten sich die Leute von der Politik abgehängt.

Arnfried Jeschke, der Rentner mit der Laubsäge, sagt, es sei in Stresow "allgemein bekannt", wer NPD gewählt habe. "Das sind immer dieselben. Die bekennen sich auch dazu." Ob er mal mit diesen Leuten darüber diskutiert habe? "Nein, warum sollte ich? Das ist sinnlos."

Politische Diskussionen werden in Stresow nicht geführt. Über das NPD-Ergebnis nicht und auch sonst nicht. Weder bei der Frauentagsfeier, noch beim Arbeitseinsatz. Auch nicht im Ortschaftsrat, dem Jeschke jahrelang angehörte. "Meine Tochter ist Kassiererin in der CDU in Möckern", erzählt er. "Aber über Politik diskutieren wir nicht. Da kriegen wir uns nur in die Wolle."

"Jetzt müssen wir bei Sponsoren um Geld betteln"

Sind die NPD-Prozente nur ein missglückter Hilferuf? Oder ist das Ergebnis eben dem Umstand geschuldet, dass Stresow gerade mal 120 Einwohner hat, von denen 63 gewählt haben? Für ihre 25,4 Prozent brauchte die NPD so nur 16 Stimmen.

"Da reichen schon drei Familien aus", sagt ein dünner Mittfünfziger, der seinen Namen nicht nennen will. Er steht in seinem kargen Kleingarten, sein Hund tobt um ihn herum. Er ist Invalidenrentner. "Krebs", sagt er und deutet auf seinen deformierten Kiefer. Ja, es gebe drei Familien im Ort, deren rechte Gesinnung bekannt sei. "Und das sind keine Leute, denen es schlecht geht, im Gegenteil", sagt der Mann.

Er selbst sei nicht zufrieden. "Überall wird schlecht bezahlt", sagt er. Gewählt habe er nicht.

Wer sich die Wahlergebnisse der Nachbardörfer ansieht, stellt fest: Dort kam die NPD nur auf ein bis vier Prozent. Nur warum?

Liegt es womöglich an den Mitgliedern demokratischer Parteien, von denen im Gegensatz zu Stresow überall ein paar versprengte zu finden sind?

Im Nachbarort Rietzel sind sechs Leute in der CDU, erzählt Bürgermeister Horst Pötter. Pötter war vor der Wende in der Bauernpartei, die wurde 1990 von der West-CDU übernommen und Pötter gleich mit. Seit 1980 ist er im Gemeinderat, seit 2002 Bürgermeister. "Weil es keiner machen wollte", sagt er. Wer unzufrieden ist mit "denen da oben", findet in Rietzel eine Handvoll Adressaten. Nur zwei Leute im Ort haben NPD gewählt.

In Stresow gibt es als Blitzableiter nur die Wahlurne.

Das sei schon bei der Wahl 2006 so gewesen, sagt Frank von Holly, CDU-Bürgermeister von Möckern. Damals seien die Stresower über den jahrelangen Immobilienstreit frustriert gewesen.

Der nahm seinen Anfang in der Ortsgeschichte. Stresow bestand bis zum Zweiten Weltkrieg aus einem Rittergut. Bis auf drei Kleinbauern gab es nur Herrscher und Beherrschte. Kaum Handwerker, erst recht keine aufgeklärten Bildungsbürger.

Als die letzte – offenbar soziale – Gutsherrin 1944 starb, vermachte sie ihren Besitz, also fast ganz Stresow, dem Landkreis. Die Rollenverteilung blieb: Hier die Leitung des nun "volkseigenen" Gutes, dort die Arbeiter.

Nach der Wiedervereinigung kamen die Erben der einstigen Gutsherren aus dem Westen und stellten Rückforderungen. Wie sich herausstellte, hatte der Landkreis dummerweise gegen Verpflichtungen aus dem Testament verstoßen; die Familiengräber zu pflegen und nichts vom Gut zu verkaufen. Es begann ein 15 Jahre währender Prozessmarathon zwischen Erben, Landkreis und Treuhand.

Für die Bewohner, die ihre Wohnhäuser oft mühsam instandhielten, bedeutete das 15 Jahre lang Unsicherheit und die bange Frage: Darf ich in meinem Haus wohnen bleiben? Das hat manchen im Ort zermürbt. Reparaturen an vielen Häusern blieben liegen, die Schweinemastanlage dümpelte dahin, und jeder Unternehmer machte um Stresow einen Bogen, obwohl die nächste Auffahrt auf die Autobahn Berlin – Magdeburg keine zehn Minuten entfernt ist.

Erst vor fünf Jahren wurde der Konflikt per Vergleich gelöst, konnten viele Stresower ihre Häuser kaufen. Das bescheidene ostdeutsche Wirtschaftswunder nach der Wende war da an Stresow längst vorbeigerauscht, quasi auf der Autobahn. Und die freiheitlich-demokratische Grundordnung gleich mit. Indizien dafür sind die Ergebnisse für rechtslastige Parteien in Stresow.

Doch kann die alte Grundstücksgeschichte den aktuellen NPD-Erfolg erklären?

Die Bürgermeisterin vermutet, der Protest richte sich diesmal gegen die Gemeindereform.

Stresow wurde vor einem halben Jahr eingemeindet, ist seitdem Ortsteil der 19 Kilometer entfernten Stadt Möckern. Die ist flächenmäßig die viertgrößte in Deutschland. "Ein Wahnsinn" sei das, hört man immer wieder. Mit dem Bus braucht man meist eineinhalb Stunden, Umsteigen inklusive. Der Ortschaftsrat habe fast nichts mehr zu melden, sagt die Bürgermeisterin. "Wir dürfen nur noch entscheiden, ob die Parkbank grün oder blau gestrichen wird. Und gleichzeitig wird die Hundesteuer verdoppelt und die Friedhofsgebühr drastisch angehoben."

Auch ihr Amtskollege Pötter aus dem Nachbardorf Rietzel, hauptberuflich Chef des Burger Bauhofes, klingt resigniert. Hinter seinem Schreibtisch sitzend wringt er seine kräftigen Hände. "Wir haben in Rietzel immer sparsam gewirtschaftet, hatten einen ausgeglichenen Haushalt und seit 20 Jahren einen funktionierenden Jugendclub", sagt er. "Jetzt müssen wir bei Sponsoren betteln gehen, wenn wir Brause zum Kinderfest kaufen wollen." Aus der Möckerner Stadtkasse bekomme man ganze 675 Euro pro Jahr. Die müssen sich die Feuerwehr, der Jugendclub und der Gesangsverein teilen. "Es macht keinen Spaß mehr", sagt Horst Pötter. Er schaut nachdenklich zur Decke, als suche er dort nach den passenden Worten. "Wir haben zu DDR-Zeiten nichts zu melden gehabt und kein Geld für den Straßenbau", sagt er und hält kurz inne. "Genau wie jetzt."

Stresow mag ein Sonderfall sein, ein politisches Vakuum mit vielen Defiziten und Problemen. Doch selbst in Rietzel löst sich der Glaube an die Demokratie langsam auf. Und dann?

   

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