Bei seinem überraschenden Amtsantritt vor 17 Monaten galt Norbert Bischoff als Übergangslösung auf dem Stuhl des Sozialministers. Doch der SPD-Politiker fand schnell in sein Amt. Jetzt soll er die Rückkehr zur Ganztags-Kinderbetreuung organisieren. Dabei ist noch nicht klar, wieviel die Sache überhaupt kosten soll. Winfried Borchert fragte ihn dazu.

Volksstimme: CDU und SPD wollen ab 2013 in der Kinderbetreuung zum Ganztagsanspruch für alle zurückkehren. Was bedeutet das für Familien und wieviel darf es für das Land kosten?

Norbert Bischoff: Für Familien bedeutet das eine weitere Unterstützung, für Kinder bringt es mehr Bildungschancen. Für das Land sind das Mehrausgaben, die sorgfältig berechnet werden müssen. SPD und CDU sind sich einig. Im Koalitionsvertrag steht, und dahinter wird es kein Zurück geben: Wir wollen den Ganztagsanspruch für alle Kinder unabhängig von der sozialen Herkunft und dem Beschäftigungsstatus der Eltern, und wir wollen Familien mit mehreren Kita-Kindern bei den Elternbeiträgen entlasten. Das ist ein Kraftakt. Die Details sind sorgfältig in den nächsten zwölf Monaten zu klären. Nach jetziger Schätzung wird allein die Rückkehr zum Ganztagsanspruch mindestens 25 Millionen Euro pro Jahr kosten.

Volksstimme: Im Koalitionsvertrag steht vieles unter Finanzierungsvorbehalt, und 25 Millionen Euro sind viel Geld. Müssen Sie nicht fürchten, dass sich der Finanzminister querstellt?

Bischoff: Nein. Die Ganztagsbetreuung war und ist ein zentrales Ziel der SPD. Das kostet sicher viel Geld, und möglicherweise sagen andere Bundesländer, dass wir uns da etwas leisten, das sie sich nicht leisten. Ich sage: Die anderen Länder sollten nachdenken, ob sie es uns nicht gleichtun wollen. Zweitens bin ich mir sicher: Das Geld ist gut angelegt. Wir investieren in Bildung. Wir haben eine akut hohe Schulabbrecherquote und zu viele Schüler mit schlechten Abschlüssen. Mit einer qualifizierten frühkindlichen Bildung im Kindergarten – und mehr als 95 Prozent aller Kinder besuchen eine Einrichtung – können wir Weichen zu mehr Qualität und Chancengerechtigkeit in der Schule legen.

Volksstimme: Welche Erinnerungen haben Sie selbst an Ihre Zeit als betreutes Kind?

Bischoff: Überwiegend positive. Wir waren sechs Brüder, lebten in Helbra im Mansfelder Land. Ich war der zweitjüngste. Wir waren sehr viel draußen unterwegs, sind alle in den katholischen Kindergarten gegangen – und das, obwohl meine Mutter zu Hause war. Das war ja Mitte der 50er Jahre, aber es hat komischerweise nie Diskussionen gegeben. Nur die Nonnentracht mit der Flügelschraube genannten Kopfbedeckung hat uns Kindern Angst gemacht. In Erinnerung geblieben ist mir noch der Geräteschuppen auf dem Kita-Gelände, in dem man eine gewisse Zeit verbringen musste, wenn man nicht artig war.

"Die Wertschätzung als Kind hat mich stark gemacht"

Volksstimme: Und zu Hause?

Bischoff: Wir gehörten nicht zu den Begüterten. Aufs Schulbrot gab es meist Zucker statt Wurst. Und während unsere Freunde im Winter lange Hosen hatten, mussten wir noch als Achtklässler kurze Hosen und Kniestrümpfe tragen. Da haben wir manchmal zu Hause geheult. Ansonsten habe ich mich dem Trubel gern entzogen, in einer Ecke gelesen oder Gipsfiguren gegossen. Später sind die Kirche und die Pfarrersfamilie mein zweites Zuhause geworden. Dort konnte ich Bücher lesen, habe mich wertgeschätzt und geborgen gefühlt. Dies hat mich stark gemacht und sicher zu meiner Sozialisation beigetragen. Manchmal sind wir heimlich zu den Jungen Pionieren gegangen. Da war einfach viel los: Lagerfeuer, Autorennen – eben so Sachen, die es in der Kirche nicht gab.

Volksstimme: Wie sehen Sie Eltern, die viel Zeit hätten, sich um ihre ein, zwei Kinder zu kümmern, sich aber zu sehr auf den Staat verlassen?

Bischoff: Das Gros der Eltern kümmert sich liebevoll um seine Kinder, hat Freude an ihnen und handelt nach dem Maßstab, dass es den Kindern einmal noch besser geht. Die anderen Eltern gibt es auch – unter Sozialschwächeren, aber ebenso unter jenen, die zuerst ihre Karriere im Sinn haben. Und die gab es auch früher schon. Mir tun immer die Kinder leid, die ja nichts dafür können. An die Eltern kommen wir schwer heran, wenn sie überfordert sind oder sich schon aufgegeben haben. Deswegen sind gerade für diese Kinder das Zusammensein und der Austausch mit Gleichaltrigen so wichtig. Und alle Kinder brauchen Bildung und haben einen Anspruch auf Chancengerechtigkeit – von Anbeginn.

Volksstimme: War das Ihr Motiv, sich für eine Rückkehr zur Ganztagsbetreuung für alle stark zu machen?

Bischoff: Aber ja doch. Mir geht es nicht zuvorderst um die Betreuung in den Einrichtungen, sondern um die Bildung. Dem tragen wir mit unserem Programm "Bildung elementar" Rechnung. Heute hat sich die wissenschaftliche Erkenntnis durchgesetzt, dass Bildung und das soziale Lernen praktisch bei null Jahren losgehen. Gerade Kinder, die ja sehr neugierig sind, sind ganz leicht für Neues zu begeistern. Ich fühle mich da auch vom Hirnforscher Professor Doktor Henning Scheich vom Leibniz-Institut für Neurobiologie bestätigt, der sagt: In den ersten Lebensjahren wird die Grundlage für vieles im Leben gelegt, für die Psyche, das System der inneren Belohnung, wenn man etwas Neues lernt, und die Stärke der Persönlichkeit. Dies kann dazu beitragen, dass man im späteren Leben mit Rückschlägen leichter fertig wird.

Volksstimme: In den Koalitionsverhandlungen war die Rede davon, beim Ganztagsanspruch zwischen einem Bildungs- und einem Betreuungsanspruch zu unterscheiden. Was heißt das?

Bischoff: Für die Kinder erst einmal gar nichts. Es wird keine soziale Unterscheidung mehr geben. Alle Kinder werden einen gleichen Rechtsanspruch haben. Für die Planung des Personaleinsatzes und damit für die Finanzierung ist es aber wichtig zu definieren, wann findet Bildung statt. In dieser Zeit brauche ich ausgebildete Fachkräfte. In den übrigen Betreuungszeiten – Fachleute sprechen von den Randzeiten – könnte ich mir auch den Einsatz von Hilfskräften vorstellen. Zehn Stunden für alle Kinder komplett mit ausgebildeten Erzieherinnen werden wir uns nicht leisten können.

Volksstimme: Zuerst hieß es, das letzte Kindergartenjahr werde für alle kostenfrei, dann haben SPD und CDU vereinbart, die Gebühren für Geschwisterkinder würden gesenkt oder gestrichen. Wie soll die Praxis aussehen?

Bischoff: Die SPD ist an dieser Stelle der CDU entgegengekommen. Wir hatten zunächst angenommen, dass es für das Land zu teuer werden würde, wenn für alle Kinder, die ältere Geschwis-ter haben, keine Gebühren zu zahlen wären. Das hat sich relativiert, weil eine Gebührenermäßigung nur für Kinder gelten soll, die ältere Geschwister im betreuungsfähigen Alter; bis zum Ende der 6. Klasse haben. Die meisten Kommunen haben für Geschwis-terkinder bereits Gebührenstaffelungen. Ich plädiere dafür, diese beizubehalten und die Kommunen finanziell zu entlasten.

Volksstimme: Bei bundesweiten Qualitätsvergleichen in der Kinderbetreuung schneidet Sachsen-Anhalt überraschenderweise relativ schlecht ab. Ist daran gedacht, beispielsweise das Erzieher-Kind-Verhältnis zu ändern?

Bischoff: Diese Zahlenvergleiche der Bertelsmann-Stiftung ärgern mich regelmäßig, das ist wie der Vergleich von Äpfeln und Birnen. Man kann doch nicht unsere ganztägig geöffneten Einrichtungen mit denen in Westdeutschland vergleichen, die mittags zumachen, kein Mittagessen anbieten und kaum mit ausgebildeten Fachkräften arbeiten. Ganz deutlich: Unser Betreuungsschlüssel ist nicht schlecht. Und doch sehe ich natürlich noch Verbesserungsmöglichkeiten. Wenn wir es uns leisten könnten, würde ich etwa den Betreuungsschlüssel in der Krippe von jetzt sechs Kindern pro Erzieherin auf drei Kinder und im Kindergarten von 13 Kindern auf elf oder zwölf ändern. Aber ich sehe nicht, dass wir dafür aktuell das Geld haben.

Volksstimme: Ist es ein realistisches Ziel, dass alle Erzieherinnen eine Hochschulausbildung haben?

Bischoff: Das ist ein sehr langfristiges Ziel. Aktuell absolvieren ja Kita-Leiterinnen an der Hochschule Magdeburg-Stendal berufsbegleitend in einem dreijährigen Bachelor-Studium ihren Hochschulabschluss. Etwa 30 Erzieherinnen beginnen pro Jahr ein solches Studium. Im Koalitionsvertrag haben sich SPD und CDU darauf verständigt, die Hochschule Magdeburg-Stendal zu einem "Zentrum Frühkindliche Bildung" auszubauen. Auch die Martin-Luther-Universität ist in Sachen Kindes- und Erziehungswissenschaften hervorragend aufgestellt. Hier geht es um die Anerkennung von Abschlüssen. Die Hochschulen haben die Zeichen der Zeit erkannt. Jetzt geht es um die weitere Ausgestaltung.

Volksstimme: Muss man dann nicht auch über eine bessere Bezahlung reden?

Bischoff: Aber klar doch. Auch auf die Gefahr hin, dass ich Ärger mit Lehrern bekomme: Ich sehe keinen Grund, warum die Bezahlung zwischen Kindererziehern, Grundschullehrern und Gymnasiallehrern so unterschiedlich ist. Warum bekommt ein Gymnasiallehrer so viel mehr als jemand mit einem Hochschulstudium, der sich mit den kleinen Kindern beschäftigt? Wenn man den Erzieherberuf attraktiv machen will, muss die Bezahlung zumindest ungefähr gleich sein, keine Frage.Dies und mehr Möglichkeiten für Quereinsteiger in den Erzieherberuf sind auch wichtig, um einem drohenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Volksstimme: Die CDU nimmt für sich in Anspruch, etwas für die Kinder aus Familien zu tun, die finanziell abgesichert sind, die SPD will Verbesserungen vor allem für sozialschwache erreichen. Ist diese Arbeitsteilung Absicht?

Bischoff: Nein, eine Arbeitsteilung gibt es da nicht. Kinder sind da und man muss sich um sie kümmern, ihnen Zuwendung und Liebe geben. Sicher wäre es wünschenswert, wenn der Mittelstand mehr Kinder bekäme, die dann in einem behüteten, bildungsfreundlichen Umfeld aufwachsen. Aber es ist doch in allen Industrienationen so, dass die, die weniger Geld haben, mehr Kinder bekommen als die finanziell Abgesicherten. Und ich sage: Jedes Kind ist willkommen.

"In jeder Familie muss es einen geben, der Arbeit hat"

Volksstimme: Sie mussten nach der Wahl aus Ihrem Ministerium den lange problematischen Sportbereich ans Innenministerium abgeben. Sind Sie froh darüber?

Bischoff: Ich habe weder Politikbereiche abgeben wollen noch habe ich andere für mich reklamiert. Und doch ist es so gekommen. Zum Sport: In der vergangenen Legislatur ist noch unter meiner Vorgängerin Gerlinde Kuppe vieles sehr mutig angegangen worden, so dass wir sagen können: Die Förderstrukturen im Sport sind geordnet, der Innenminister hat jetzt die Aufgabe, dies in ein Gesetz zu kleiden. Im Bereich Arbeit sehe ich vor allem die Herausforderung der Fachkräftesicherung. Hier ist von Reiner Haseloff als Wirtschaftsminister in der vergangenen Legislatur viel angeschoben worden. Das will ich fortführen und ausbauen. Arbeitskräfte umzuschulen und junge Leute beruflich zu qualifizieren, betrachte ich dabei als eine Hauptaufgabe. Beschäftigung ist zugleich das einzig Richtige, um Kinderarmut zu verhindern. Vor allem bei Alleinerziehenden halte ich das für ungeheuer wichtig. Deshalb ist das Ziel richtig, in jeder Familie muss es mindestens einen geben, der Arbeit hat. Und ich meine eine ordentlich bezahlte Arbeit.

Volksstimme: Stichwort Verbraucherschutz. Diesen Bereich wollten Sie gern in ihrem Minis-terium vereinen, jetzt bleibt er auf drei Ministerien aufgeteilt. Warum ist es nicht gelungen, die Zersplitterung zu beenden?

Bischoff: Richtig, ich hätte mir eine Vereinigung unter unserem Dach gewünscht. Nun ist das nicht so gekommen. Wir werden also weiter täglich unter Beweis stellen, dass es trotz der Schnittstellen zwischen Ministerien keinen Abstrich am Verbraucherschutz in Sachsen-Anhalt gibt. An dieser Stelle mein Dank an die Lebensmittel- und Futtermittelkontrolleure in den Landkreisen sowie unser Landesamt für Verbraucherschutz. Hier wird bundesweit geachtete hervorragende Arbeit geleistet.