Fast jeder tut es – mit der Konsole, dem Computer, mit dem Handy oder mit dem iPad. Im Westen tun sie es schon etwas länger als im Osten. Vor 40 Jahren begann in den USA das Zeitalter der Computerspiele. Heute "daddeln" die Menschen rund um den Globus. Zeit genug, diesem Medium ein Museum zu widmen. Seit gestern gibt so etwas in Berlin. Für Pixelfans allein oder in Familie ein echter Ausflugstipp.

Berlin. Zunächst eine Warnung. Bevor der Besucher in die virtuellen Welten des neuen Computermuseums eintauchen kann, muss er sich zunächst durch das ganz reale Verkehrschaos in Berlin-Friedrichshain kämpfen. Auf der Karl-Marx-Allee, wo das Museum im Untergeschoss des ehemaligen "Café Warschau" untergekommen ist, wird gerade die U-Bahn saniert. Viel Zeit für die Vorfreude zum Museumsbesuch im Stau ist dort fast immer garantiert.

Gleich am Eingang empfangen den Besucher menschengroße Werbefiguren – Computerkämpfer, die auf der Treppe ins Obergeschoß den Weg versperren. Dort oben ist das Museum noch nicht angekommen. Die 670 Quadratmeter Ausstellungsfläche erstrecken sich komplett im Erdgeschoss des ehemaligen Kult-Cafés.

C 64, Atari und Apple-Maschinen

Wer hier allerdings eine Spielhalle erwartet, wird enttäuscht sein. Die jetzt eröffnete Dauerausstellung ist als Rundgang gestaltet, der zeitlich und inhaltlich streng gegliedert ist. In hohen Wänden mit quadratischen Kästen verbergen sich Texte, Bildschirme und Geräte. Der Fokus der Ausstellungsmacher liegt auf jeder Menge Information rund um die digitale Spielewelt. Vorgestellt werden legendäre Computertypen wie C 64, Atari oder die ersten dicken Apple-Maschinen, Konsolen und Spiele-Software. Informiert wird aber auch zur Geschichte von Spiel-Apparaten im 19. Jahrhundert, Fernschach per Postkarte, Vermarktung von Spielen und auch Gefahren, die mit Spielsucht einhergehen können.

Doch was wäre ein Computermuseum ohne interaktive Hebelchen, die den Spielspaß vor allem der 1980er und 1990er Jahre erlebbar machen? Auch dafür ist reichlich gesorgt. Vor allem die aufwändig rekonstruierten Spieleautomaten der Frühzeit des Computerzeitalters sind immer noch ein, zwei Spielchen Wert. Darunter sind zwei "Pong"-Automaten der frühen 1970er Jahre aus den USA, die heute als die Gründergeräte der Spieleautomatenwelt gelten. Ein glitzernd schrilles, blaues Exemplar ist mit 5000 Dollar Ankaufwert auch das wertvollste Stück im neuen Museum.

Diese Spieleautomaten sind nicht nur herrlich anzuschauen, sondern auch technisch meisterhaft ausgeführt. Einfach und trotzdem fesselnd in der Spieledarstellung. Zwar besteht die Grafik – soweit man davon sprechen kann – zumeist nur aus einer Ansammlung von Punkten und Strichen. Aber natürlich verbergen sich dahinter knallbunt auf den Automaten bebilderte Geschichten von Weltraum-Aliens und fiese fliegende Kampfmonsterchen. Die zu besiegen, erweist sich auch heute noch als würdige Aufgabe.

Apropos Monster: Jugendgefährdende Ballerspiele gibt es im Museum nicht. "Unser Zielpublikum ist die Familie", erzählt Klaus Spieler, Geschäftsführer der gemeinnützigen Gesellschaft "Gameshouse", die das Museum betreibt. Spieler, ehemals Kulturwissenschaftler der Berliner Humboldt-Universität, und Andreas Lange, der Direktor des neuen Museums, sind bereits seit 1997 unterwegs mit der Botschaft, dass Computerspiele eine wichtige kulturelle Errungenschaft unserer Zeit sind. Kein anderes Medium wie das digitale Spiel habe die Kommunikation in unserer Zeit so grundlegend verändert.

Wichtiger Mosaikstein für die Kultur in Berlin

Ähnlich wie Lange und Spieler schätzt Barbara Kisseler (SPD), Chefin der Berliner Senatskanzlei, die Bedeutung von Computerspielen ein: "In ihrer Rolle für Kultur und Wirtschaft haben Computerspiele inzwischen mit der Filmbranche gleichgezogen", sagte sie bei der Eröffnung des Museums. Das neue Museum sei ein wichtiger Mosaikstein in der Kulturszene von Berlin.

Bis es soweit war, dass die kulturgeschichtliche Rolle des Computerspiels in Deutschland mit einem eigenen Museum gewürdigt wird, sind in Berlin über zehn Jahre vergangen. Seit dem Jahr 2000 kam es trotz aller Bemühungen aus finanziellen Gründen lange Zeit nicht zu einer Museumseröffnung. Andreas Lange hat mit Berliner Mitstreitern bereits seit 1997 deutschlandweit über 30 Ausstellungen zum Thema gestaltet. Die Gruppe verfügt inzwischen über eine Sammlung von 14 000 Spielen, 2300 Geräten und 10 000 Zeitschriften.

Nur etwa zehn Prozent davon sind in der aktuellen Dauerausstellung zu sehen. Weitere Ausstellungen sollen folgen. Mit 600 000 Euro Fördermitteln aus verschiedenen Töpfen wurde dem Museum Geburtshilfe gewährt. Den laufenden Betrieb muss es nun selbst erwirtschaften – mit Eintrittsgeldern und Spenden. Neben Ausstellungen sollen auch immer wieder Vorträge und Präsentationen Besucher anlocken.

Die DDR verdient beim Thema Computerspiel eigentlich kaum eine Erwähnung. Computer und Disketten waren dort Mangelware. Die zarten Bemühungen, Ende der 1980er Jahre so etwas ähnliches wie einen Spieleautomaten und eine Spielekonsole zu produzieren, wurde von der Öffentlichkeit kaum bemerkt. Dennoch haben Geräte aus deutscher VEB-Produktion ("Volkseigener Betrieb") im Computermuseum eine eigene – kleine – Ecke bekommen.

Kulturwissenschaftler Klaus Spieler, selbst in der DDR aufgewachsen, sagt warum: "Computerspiele waren in der DDR prinzipiell hoch geschätzt. Sie wurden sogar zum Teil systematisch in der Schule eingesetzt, um Heranwachsende als Computer-Fachkräfte zu gewinnen." Während im Westen für das Aufstellen von Spieleautomaten strenge Jugendschutzrichtlinien galten, wurden die wenigen produzierten Automaten der Marke "Poly-Play" fast ausnahmslos in Pionierhäusern aufgebaut.

Aber wie das so war in der Mangelwirtschaft der DDR: Gab es mal was, das alle haben wollten, gab es das erst einmal nur in Berlin. So stammt der "Poly-Play"-Automat, mit dem die Besucher im neuen Computerspielemuseum spielen können, aus dem Berliner Kinderfreizeitzentrum "FEZ". Klaus Spieler schmunzelt: "Es war einer von 47 Spieleautomaten, die dort einmal standen."

   

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