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Über die Vergabe von Spenderorganen sprach Volksstimme-Redakteurin Silke Janko mit dem Magdeburger Chirurgieprofessor Hans Lippert am Magdeburger Universitätsklinikum. Lippert ist zugleich stellvertretender Chef der Prüfkommission des Ausschusses Organspende bei der Bundesärztekammer.
Volksstimme: In der Kritik steht jetzt auch das beschleunigte Verfahren bei der Vergabe von Spenderorganen, bei denen die Vergabe ohne die Koordinierungsstelle Eurotransplant erfolgt. Wie sehen Sie die Kritik daran?
Professor Hans Lippert: In Deutschland hat es in den letzten zehn Jahren rund 30000 Transplantationen gegeben. In nur 20 Fällen gab es disziplinarische Ahndungen gegen die beteiligten Mediziner. Manipulationen sind also relativ gering. Zum beschleunigten Verfahren ist zu sagen, in Deutschland gibt es viele Organe, die nicht für jeden geeignet sind. Insbesondere der Patient, der auf der Liste steht, benötigt ein anderes Organ als gerade zur Verfügung steht. Stellen Sie sich vor, Eurotransplant vermittelt gerade ein Organ eines Spenders, der 120 Kilo schwer ist und der Empfänger soll ein zwölfjähriges Kind sein. Dann muss das Organ an einen Empfänger mit ähnlicher Größe weitervermittelt werden. Oder es soll die Leber eines 80-Jährigen vermittelt werden. Der Empfänger ist aber erst 30 Jahre alt. Das passt auch nicht immer zusammen. Zur Weitervermittlung startet Eurotransplant dann Anfragen an drei weitere Kliniken. Wenn dort kein passender Empfänger für ein bereitstehendes Organ gefunden wird, gilt das beschleunigte Verfahren. Das heißt, die Klinik selbst sucht einen Empfänger für das bereitstehende Organ. Denn hier geht es um Zeit. Wenn die Anfrage von Eurotransplant mitten in der Nacht kommt, dann haben wir nur 30 Minuten für eine Entscheidung, ob es für einen unserer Patienten geeignet ist. Ein Organ wie eine Leber muss spätestens nach sechs, maximal zwölf Stunden transplantiert sein. Dahinter steht eine aufwändige Logistik. Das beschleunigte Verfahren muss es unbedingt weiter geben, sonst sterben noch mehr Menschen auf der Warteliste.
Volksstimme: Göttingen hat nun gezeigt, falls die Vorwürfe stimmen, dass Manipulationen möglich sind. Es gibt jetzt auch Mutmaßungen, dass Manipulationen im beschleunigten Verfahren möglich sind. Was sagen Sie zu den Vorwürfen?
Lippert: Die Meldung einer Organspende geht an die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) und an Eurotransplant, das heißt, wir haben keinen Einfluss, ob ein Spenderorgan hier in der Region bleiben kann. Die Vergabe von Spenderorganen wird ebenfalls doppelt kontrolliert, sowohl von Eurotransplant als auch von der DSO. Hier bei uns am Klinikum gibt es einmal pro Woche eine interdisziplinäre Transplantationskonferenz, übrigens schon seit Jahren. In dieser Ärzterunde wird anhand der Laborwerte entschieden, ob und mit welcher Dringlichkeit ein Patient zur Organtransplantation bei Eurotransplant angemeldet wird. Manipulationen sind aus meiner Sicht daher nicht möglich, weil sehr viele Kollegen an der Vorbereitung von Transplantationen beteiligt sind. Das Verfahren ist, was jetzt immer wieder gefordert wird, transparent.
Volksstimme: Sie haben sich für eine sogenannte Nachrückerliste ausgesprochen? Wie ist das zu verstehen?
Lippert: Nachrückerliste ist nicht das richtige Wort. Jeder betroffene Patient, der ein Spenderorgan benötigt, hat eine Einstufung bei Eurotransplant. Die entscheidenden Kriterien sind dabei die Dringlichkeit und die Erfolgsaussicht. Die Einstufung erfolgt nach dem MELD-Score, der die Laborwerte des Patienten objektiv auswertet, das heißt, man kann diese Einstufung nicht manipulieren. Auch für das beschleunigte Vermittlungsverfahren soll künftig eine namentliche Empfängerliste erfolgen, die auch bei Eurotransplant hinterlegt wird. Von einer weiteren Instanz oder einem Gremium, das vor der Transplantation die Entscheidung absegnet, halte ich nichts. Zu viel Bürokratie verzögert bei dringlichen Situationen die Transplantation und gefährdet das Leben des Patienten.
Volksstimme: Wie viele Transplantationen laufen im Jahr an der Uniklinik ab?
Lippert: Wir führen rund 20 Lebertransplantationen im Jahr an der Uniklinik durch. Herz und Niere werden an anderen Zentren verpflanzt. Wichtig ist mir, die Organspende nicht zu verteufeln. Sie kann Menschen retten, die wegen eines drohenden Organversagens sehr wahrscheinlich sterben würden.
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