Magdeburg l Frank Schuster steht auf seinem Hof in der Magdeburger Münchenhofstraße. "Hier", sagt er und deutet auf den alten Schuppen in der Mitte, "haben wir unser Altholz gelagert." Heute stehen dort Anhänger, Fahrzeuge und Baumaterialien. Vor dem Fall der Mauer stapelten sich auf dem Grundstück des Bauunternehmens Schuster bis zu 200 Kubikmeter Altholz. "Materialbeschaffung war das größte Problem in der DDR", erklärt Schuster.

Den Handwerksbetrieben ging es dabei ähnlich wie den privaten Haushalten. Da die Bevölkerung täglich mit den Versorgungslücken konfrontiert war, passten die Menschen ihr Einkaufsverhalten dem unbefriedigendem Warenangebot an. Weil man sich nie darauf verlassen konnte, dass es ein Produkt, was es über viele Wochen gab, auch weiterhin geben würde, kauften die Menschen auf Vorrat. Hamsterkäufe nennen das Konsumforscher. "Wir haben versucht, Materialien zu bunkern. Nicht nur Holz, sondern auch Nägel oder Schrauben", erinnert sich Frank Schuster. In den Wintermonaten seien alte Häuser regelrecht weggebaut worden. "Alles, was man noch irgendwie verwenden konnten, hoben wir auf", sagt der 54-Jährige.

Kompromisse und Ideenreichtum halfen

Neues Material gab es selten. Aber in der DDR gab es Kompromisse. Schuster erinnert sich an die Zeit vor den Arbeiterfestspielen, die 1986 in Magdeburg vor dem Dom stattfanden. Ein Gebäude am Domplatz 5 sollte bis dahin unbedingt fertig werden, forderte die Bezirksleitung. "Wir restaurierten die Fassade und setzten neue Fenster und Türen ein. Von außen sah das gut aus. Betreten sollte man das Gebäude ohnehin nicht", sagt Schuster.

Die Lage von Magdeburg konnte bei der Materialbeschaffung ein Vorteil sein. "Wenn die Lastwagen vom VEB Elbenaturstein Dresden ihre Baustoffe im Westen nicht loswurden, mussten sie über die Autobahn 2 an Magdeburg vorbei", erzählt Schuster. Es kam vor, dass dann Material auf dem Hof der Schusters abgeladen wurde. "Wir wussten uns zu helfen. Aber mit Baustoffen planen konnten wir nie."

Die staatlich gelenkte Wirtschaft der DDR schaffte es zu keinem Zeitpunkt, die Nachfrage der Betriebe zu befriedigen. Schuster, der damals Bauleiter war, erklärt: "Die Leute in Lohn und Brot zu halten, war sehr schwierig."

Das Autohaus Perski in Hohendodeleben im Landkreis Börde ist heute ein florierender Betrieb. Neben dem großen Verkaufsraum reiht sich in weiteren Hallen Hebebühne an Hebebühne. Der Werkstattmeister blättert heute im Internet durch einen Ersatzteilkatalog, klickt und bestellt. Geliefert wird am Tag darauf.

Als der Betrieb 1977 durch Hans-Dieter Perski gegründet wurde, gab es so gut wie keine Ersatzteile. "Wir haben versucht, die Komponenten, die es gab, so gut wie möglich zu erhalten", erzählt der Sohn, Mario Perski. Der 44-Jährige erinnert sich gut an die Geschichten, die ihm sein Vater erzählte. Die Perskis hatten neben ihrer Werkstatt auch eine kleine Schlosserei. "Dort konnten wir Ersatzteile selber herstellen," sagt Perski. Die Kenntnisse der Werkstatt waren gefragt. Bis zu acht Fahrzeuge wurden in der Betriebshalle am Tag repariert. Vater und Sohn Perski zeigten Einsatz für ihre Kunden. Regelmäßig fuhren sie durch das Land, auf der Suche nach brauchbaren Ersatzteilen. "Einmal", erinnert sich der Junior, "war unser Trabi so überladen, dass er in der Mitte auseinandergebrochen ist."

Beziehungen und Kontakte zahlten sich aus

Die Handwerksbetriebe mussten in der DDR mit ihrem Ideenreichtum überzeugen. "Irgendwie ging es immer", erinnert sich Bauunternehmer Frank Schuster. Neben den Kontakten zu ihren Kunden pflegten die Betriebe auch ihr Netzwerk untereinander. "Es wurden vielfach Tauschgeschäfte getätigt. Das Geld war ja sowieso nichts wert", erklärt Mario Perski. Die Menschen versuchten, das, was sie hatten, gemeinsam zu gestalten und zu erhalten.

An Kraftstoff, erinnert sich Schuster, herrschte chronischer Mangel. "Die zugeteilte Menge reichte nicht aus. Wir mussten genau planen, wo unser Lkw hinfahren konnte." Offiziell nachtanken ging nicht. Und so fuhren Mitarbeiter mit ihren Privatfahrzeugen zur Tankstelle und zapften nebenbei noch ein paar Liter in einen Kanister für den Betrieb ab.

Ohne Improvisation und Kreativität wäre in der DDR kein Handwerksbetrieb zu führen gewesen, sind sich beide Unternehmer sicher.

Profitieren die Betriebe noch heute von ihren Erfahrungen?

Die Betriebe Schuster und Perski sind auch heuzutage noch angesehene Handwerksbetriebe in ihren Regionen. "Wir versuchen, in unserer Firma ein Stück der alten Schule zu erhalten", sagt Mario Perski. Immer noch sei die Werkstatt bemüht, einen Weg zu finden, Teile erst zu reparieren. "Unsere jungen Mitarbeiter profitieren dabei von unseren Mechanikern, die schon während der DDR-Zeit bei uns waren."

Bei Schuster auf dem Betriebshof lernen die Auszubildenden noch vom Chef persönlich. "Geht nicht, gibt`s nicht", behauptet der immer. Und spricht damit das aus, was er in seinen jungen Jahren in der DDR gelernt und gelebt hat. "Irgendwie können wir uns bei unseren Bauprojekten immer weiterhelfen", so Schuster. "Aufgeben gibt es bei uns nicht."

Als er diesen Satz sagt, fühlt Frank Schuster sich an den 9. November 1989 erinnert. An dem Abend, als die Grenze gen Westen geöffnet wurde, saß die Familie zusammen. Vater Schuster sagte: "Jetzt bekommen wir unseren Betrieb wieder." Kurz darauf ändert sich alles. Die Marktwirtschaft hält Einzug.

Frank Schuster schmunzelt noch immer, wenn er an seinen ersten Besuch im Baumarkt zurückdenkt.

 

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