Briefmarken galten in der DDR als Devisen. Sammler konnten dadurch schnell einmal in die Fänge der Behörden geraten. Ohnehin gab es einen sehr streng reglementierten Auslandstauschhandel. Zudem führten die Postbehörden in Ost und West bis zuletzt einen Postkrieg. Die Belege sind heute begehrte Sammelobjekte.

Stendal/Blankenburg l Zwischen Weihnachten und Silvester 1985 wurde der Briefmarkensammler Dietrich Ecklebe aus Blankenburg von der Zollbehörde der DDR wegen eines schwerwiegenden Devisenvergehens angeklagt und zu einer Strafe von 3500 Mark verurteilt. Damit nicht genug. Außerdem erhielt der Lehrer ein Diszi- plinarverfahren. "Die Geldstrafe musste ich innerhalb einer Woche bezahlen", sagt Dietrich Ecklebe. Die Summe entsprach etwa der Hälfte seines Jahresgehaltes.

Damals, Ende 1985, wurde Dietrich Ecklebe von der Zollstelle Magdeburg vorgeladen. "Die haben mir alle meine Briefsendungen des Jahres, die ich ins Ausland verschickt habe, in Kopie vorgelegt", staunt der heute 66-jährige Rentner noch immer über die Akribie der Zollbehörde, die personell dicht verwoben war mit der Staatssicherheit.

Was dem Blankenburger seinerzeit zum Verhängnis wurde, war eine Briefsendung eines neuseeländischen Tauschpartners. Dieser hatte wie üblich einige Briefmarken in einen Umschlag gesteckt. Allerdings wurde mit der Briefsendung das Tausch-Jahresbudget von 900 Mark bei dem Blankenburger um etwa 40 bis 50 Mark überschritten.

"Es musste über das Jahr gesehen ein exakter Wert-Ausgleich beim Tausch erfolgen", sagt Ecklebe. Als Grundlage diente der Libsia-Briefmarkenkatalog, ein Produkt der DDR, in dem die Marken jeweils bewertet wurden - DDR-Marken genauso wie ausländische Marken. Der Auslandstausch, der offiziell in der DDR als Devisenhandel galt, war streng reglementiert und wurde entsprechend scharf kontrolliert.

"Bei dem ganzen Tauschreglement spiegelt sich der preußische Kommunismus der DDR wider", sagt der Stendaler Philatelist Helge Schinkel mit ironischem Ton. Er meint damit vor allem den bürokratischen Aufwand, den Sammler damit hatten, überhaupt ihrem Hobby nachgehen zu können und Briefmarken aus dem Ausland zu erwerben.

"Der DDR-Zoll wusste bis ins Detail, was wir machen."

"Als wir nach der Wende den westdeutschen Sammlern das Prozedere geschildert haben, da konnten die das gar nicht glauben, was wir hier für einen Stress hatten", sagt der Stendaler. Wer einen Brief für seinen westdeutschen oder anderen ausländischen Tauschpartner fertigmachte, musste alle darin enthaltenen Briefmarken auflisten, die Bewertung aus dem Katalog notieren und die Briefsendung dem Tauschwart im Verein zum Nachrechnen übergeben. "Das war aber noch nicht alles", sagt Schinkel mit einem Grinsen. Der Vereinstauschwart musste die Briefsendung dann dem Bezirkstauschwart übergeben, der seinerseits die Liste nachrechnete. In den Brief wurde eine Doppelmarke eingelegt, auf der "Tauschsendung" vermerkt war. Der ausländische Tauschpartner musste diese auf seine Rücksendung aufkleben. Der andere Teil der Doppelmarke wurde auf die Zollerklärung geklebt.

Für Sammler aus dem Bezirk Magdeburg ging die Post dann zum Zoll nach Schönebeck. "Die wussten bis ins Detail, was man macht", sagt Schinkel. Eine ganze Abteilung war für die Briefmarkensammler zuständig. Es gibt zahlreiche Beispiele, bei denen Briefmarkensammler ganz offensichtlich wegen ihres Hobbys ins Visier der Stasi geraten sind. Um an Marken mit bestimmten Motiven zu gelangen, sandten einige von ihnen Briefe in aller Herren Länder und schrieben auch internationale Organisationen wie die Uno an. "Ich war mit meinem Devisenvergehen kein Einzelfall", sagt Ecklebe. Noch schlimmer sei es allerdings Leuten gegangen, die DDR-Briefmarken nach Westdeutschland schickten und dafür Waren zurückbekamen. "Das waren keine Sammler", sagt Ecklebe. Er habe von Fällen gehört, da sei es zu Gefängnisstrafen gekommen.

Die DDR-Behörden drangsalierten nicht nur ihre eigenen Sammler, sondern ärgerten den Klassenfeind bei Postsendungen auch auf andere Weise. "Es gab einen Postkrieg", sagt Helge Schinkel, der stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes der Philatelisten in Sachsen-Anhalt ist. Schinkel, der in Stendal-Stadtsee wohnt, blättert in seinem Album. Mit tiefschwarzer Lackfarbe wurde die Briefmarke unkenntlich gemacht. Selbst bei genauem Hinsehen kann man das Motiv nicht mehr erkennen, so dick klebt die Farbe darauf.

"Das ist die berühmte Vertriebenenmarke", sagt der Stendaler Philatelist Helge Schinkel. Der 55-jährige Pädagoge hat zahlreiche Briefumschläge in seiner Sammlung, die den Postkrieg zwischen der Post der DDR und der Bundesrepublik belegen. "Ich habe erst nach der Wende davon erfahren", sagt Schinkel, der in einem Bördedorf geboren wurde und in Quedlinburg aufgewachsen ist, ehe er Anfang der 1980er Jahre als junger Lehrer nach Stendal gelangte. Unter Philatelisten ist der Postkrieg ein sehr eingeschränktes Sammelgebiet mit geschwärzten Briefmarken und Stempeln wie "Zurück" und "Ungültig". Die DDR-Post und die Bundespost setzten sich jahrzehntelang mit unliebsamen Briefmarken und auch Stempeln auseinander und machte sich gegenseitig das Leben schwer. Auch die Stasi mischte beim Postverkehr ganz munter mit und kon- trollierte den Postverkehr zwischen beiden Landesteilen sehr penibel. "Das Material ist rar", sagt Helge Schinkel.

Teilweise werden einzelne Briefumschläge für mehr als 100 Euro gehandelt. Der Preis hänge auch immer davon ab, "wie viele Verrückte hinter einem solchen Beleg her sind", sagt der Spezialist. Schinkel hat seine Stücke hauptsächlich bei Auktionen erstanden. Mit der Vertriebenenmarke gedachte die Bundespost 1965 der zahlreichen Flüchtlinge des Zweiten Weltkriegs. Für die Verantwortlichen der DDR-Post stellte die Marke die revanchistische Haltung des Klassenfeindes dar und musste daher geschwärzt werden. Wobei das Schwärzen nicht immer ganz wörtlich genommen werden konnte, vielleicht auch aus Farbmangel gibt es übertünchte Briefe in den schillernsten Farben von grau über knallrot bis hin zu grün.

"Die 60er und 70er Jahre waren eine verrückte Zeit."

Aber auch andere Motive fanden Anstoß bei der DDR-Post. Zum Beispiel Briefmarken mit dem Konterfei des Bundespräsidenten Gustav Heinemann oder Sondermarken für die Hitler-Attentäter des 20. Juli 1944. Wenn derartige Briefsendungen in die DDR gingen, erhielten sie den Stempelhinweis "Sendung verstößt gegen die gesetzlichen Bestimmungen der DDR" und wurden an den Absender zurückgesandt.

Dies geschah in den 1960er und 1970er Jahren, aber auch schon 1948 störte sich die Sowjetische Besatzungszone an dem Stempel "Luftbrücke Berlin", mit dem Briefsendungen in den Westsektoren abgestempelt wurden und teilweise in den Osten gelangten.

Helge Schinkel ist Spezialist für das Sammelgebiet "Brandenburger Tor", eine Dauerserienmarke aus der Bundesrepublik aus den Jahren 1966/67. "Irgendwann fiel mir auf, dass sich die Post der DDR an dem Motiv des Brandenburger Tors gestört hat und dass es zahlreiche Briefe gibt, auf denen "Zurück"-Stempel zu finden sind", sagt Schinkel.

Nach den ersten Stücken hat sich der Stendaler, der in Tangermünde am Diesterweggymnasium Sport und Geografie unterrichtet, immer tiefer in die Materie des Postkriegs begeben.

Während sich fast 20 Jahre lang ausschließlich der Osten durch falsch frankierte Briefe und Stempel provoziert sah, beteiligte sich die Westdeutsche Post ab August 1971 ebenfalls am bis dahin einseitig geführten Postkrieg. Die Postverwaltung der DDR brachte zum 10.Jahrestag des Mauerbaus zwei Sondermarken heraus. Zur Erstausgabe dieser Marken gab es Briefumschläge mit dem Verweis "antifaschistischer Schutzwall" und 10 Jahre sicherer Schutz des Friedens und des Sozialismus". Entsprechende Briefe wurden mit dem Vermerk "Unzulässig nach § 13 Abs. 1 Nr. 3 Postordnung" zurück in die DDR gesandt. Die Vorschrift verbot, dass Briefe auf der Anschriftenseite politische Inschriften tragen durften.

"Es gab zahlreiche Durchschlüpfer", sagt Helge Schinkel. Von beiden Seiten gingen schon mal Sendungen durch, die ansonsten beanstandet wurden. "Es gibt tolle Stücke, gerade die 1960er und 1970er Jahre waren eine verrückte Zeit", sagt der Stendaler ganz euphorisch. Erst ab Mitte der 1970er Jahre mit dem Abkommen von Helsinki gab es auch im philatelistischen Bereich ein leichtes Tauwetter.

Während die Sammler heute spannende historische Briefdokumente haben, gibt es eben auch den bitteren Nachgeschmack der Sammler wie Dietrich Ecklebe. Wegen des Briefes aus Neuseeland wurde ihm die Auslands-Tauschgenehmigung für das gesamte Jahr 1985 aberkannt und sein Devisenvergehen damit hochgejubelt. "Das war auch nach DDR-Recht ein unzulässiges Vorgehen", sagt Ecklebe.

 

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