Kunrau l Der Blick nach oben verheißt nichts Gutes. Es regnet in Strömen. Es ist kalt. Es ist stürmisch. Sogar Polarforscher würden Frostbeulen bekommen. Vor meinem inneren Auge sehe ich Eskimos sorgenvoll in ihre Iglus hasten. Aber ein Zurück gibt es jetzt nicht mehr. Heute will und werde ich zum ersten Mal an einer Radtour des Fremdenverkehrsvereins Jeetze-Ohre-Drömling teilnehmen. Dutzende Male habe ich bereits darüber berichtet. Doch nun bin ich tatsächlich mittendrin statt nur dabei.

Die Radtouren des Fremdenverkehrsvereins finden zwischen März und Oktober an jedem vierten Dienstag im Monat statt. Bei Wind und Wetter. Start ist stets um 14 Uhr am Kunrauer Schloss, das der damalige Gutsbesitzer und Erfinder der Moordammkultur, Theodor-Hermann-Rimpau, zwischen 1859 und 1861 im Stil der italienischen Renaissance errichten ließ. In der Gegenwart beherbergt es den Sitz des Fremdenverkehrsvereins, eine Öko-Schule, eine Bibliothek und eine Ausstellung mit Informationen über Kunrau, Rimpau, den Sandbodenpionier Dr. Albert Schultz-Lupitz sowie den Drömling. Fest steht: allein der Anblick des Schlosses ist imposant und es gibt viel zu erfahren.

Die Idee zu den Radtouren hatte einst ein gewisser Helmut Karwat. Er wollte, dass die Menschen, ob einheimisch oder auswärtig, die Reize der Landschaft entdecken und ganz nebenbei noch etwas für ihre Gesundheit tun. Vor einigen Jahren hat Erich Fischbeck das Zepter übernommen.

"Da sind Sie ja", empfängt mich der 80-Jährige. "Ich dachte schon, Sie wollen kneifen." Von wegen. "Pippifax", entgegne ich und zwänge mich bibbernd in eine viel zu enge Allwetterjacke. Kaum sitze ich auf dem Sattel, geht es auch schon los.

Just verziehen sich die Wolken. Das Tempo gibt Karl Krieger vor. Der 74-Jährige kennt die Region wie seine Westentasche. Das ist auch gut so. Denn der Rohrkolbenweg ist nur teilweise ausgeschildert. Ein kundiger Begleiter ist also zu empfehlen. Der Fremdenverkehrsverein, der auch Kremserfahrten organisiert und auf Wunsch für die Verköstigung sorgt, steht hier gerne mit Rat und Tat zur Seite. Gaststätten gibt es entlang der Strecke nicht; zumindest keine, die durchgehend geöffnet sind. Daher sollten Speisen und Getränke besser mitgeführt werden. Auch auf die passende Kleidung ist zu achten. Bis zur nächsten Schutzhütte kann es nämlich recht weit sein.

Der Drömling ist eine herrliche Kulturlandschaft

Nach kurzer Zeit sind wir mitten im Drömling, ehedem ein undurchdringlicher Sumpf, heutzutage eine herrliche Kulturlandschaft und Heimat von bedrohten Tierarten wie Seeadler oder Fischotter. Neben mir tritt Inge Scharf in die Pedale. "Wunderschön" schwärmt die 68-Jährige und kann ihre Augen kaum von den saftigen Wiesen abwenden. Links stolziert ein Storch, vor uns knabbert ein Rehbock am grünen Klee und rechts ist eine Biberburg zu sehen. Der 66-jährige Günter Borchardt, ein weiterer Teilnehmer, gibt ihr Recht: "Das Paradies auf Erden."

Wegen der drohenden Schauer beeilen wir uns nach Kräften, überqueren auf der Schwarzen Brücke die Ohre und gelangen über das niedersächsische Dörfchen Kaiserwinkel zum Lichtensteinkreuz, das an einen Dortmunder Journalisten erinnert, der am 12. Oktober 1961 beim Versuch, mit LPG-Arbeitern ins Gespräch zu kommen, von DDR-Grenzpolizisten erschossen wurde.

Nur 500 Meter weiter befindet sich der Grenzlehrpfad mit Streckzäunen, Sperrgraben, Beobachtungsturm und Todesstreifen, an dem die deutsche Teilung scheinbar wieder real wird. 1998 pflanzte der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher dort einen Baum.

Nähere Informationen zur innerdeutschen Grenze gibt es knapp zwei Kilometer weiter nördlich im Böckwitzer Museum.

Über Jahrstedt geht es zurück zum Ausgangspunkt der Etappe. Ich bin erschöpft, aber glücklich, von der Gegend begeistert und vor allem um einiges schlauer. Erich Fischbeck hilft mir aus der viel zu engen Allwetterjacke. Endlich.

Fremdenverkehrsverein Jeetze-Ohre-Drömling, Am Park 2, 38486 Kunrau, Tel.: 039008/87114.

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