Seggerde/Walbeck l Eine Radtour an der ehemaligen Grenze beginnt am besten in einem grünen Kleinod - im Park in Seggerde, Teil des touristischen Landesprojekts "Gartenträume". Riesige Bäume stehen hier am Ufer von Aller und Mühlaller, und mitten im 30 Hektar großen Areal ein kleines Schloss.

1945 enteignet, erwarb Rudolf von Davier nach der Wende das Gut seiner Vorfahren einschließlich Park und Schloss zurück. Seither restauriert er die alten Gebäude und den Park mit viel Liebe und Eigeninitiative, unterstützt von Fördermitteln. Im Schloss gibt es mehrmals im Jahr Konzerte, seit 2006 auch im 1855 erbauten Kuhstall mit den gusseisernen verzierten Säulen und gewölbten Decken. Das Rossini-Quartett spielt hier am ersten September-Sonnabend. Und im Park stellt der in Seggerde ansässige Bildhauer Bernd Pielemeier aus. Seggerde ist der erste Ort am Aller-Elbe-Radweg, der Allerradweg und Elberadweg miteinander verbindet.

Stephan Zacharias radelt forsch auf die Kreuzung zu, an der Allerradweg und Aller-Elbe-Radweg zusammentreffen. Der Wahl-Wolfsburger sucht nach Geocaching-Punkten. "Von der früheren Grenze ist hier nicht mehr viel zu sehen", erzählt der gebürtige Magdeburger. Vor fast genau 25 Jahren hat er die Grenze von Ungarn nach Österreich überquert: "Beim ersten Versuch wurde ich verhaftet, aber nach ein paar Stunden wieder freigelassen." Der damals 18-Jährige schaffte es im zweiten Versuch. "Mein Bruder ist kurz danach in die deutsche Botschaft in Prag geflüchtet. Er hat zu denen gehört, denen Genscher die Freiheit gebracht hat." Stephan Zacharias hatte Glück. Ein Ost-Berliner, der Jahrzehnte im Westen lebte, half ihm, Fuß zu fassen. Dass die Grenze bald nach seiner Flucht fiel, ist für Stephan Zacharias ein Geschenk. Schließlich wussten die Eltern in Magdeburg nicht, dass sich beide Söhne absetzen wollten.

Der Allerradweg führt durch die Feldmark nach Weferlingen. Doch ein Abstecher nach Döhren lohnt sich. Das letzte Stück der früheren Grenzstraße vor dem Ortseingang Döhren ist unbefestigter Feldweg. Zu DDR-Zeiten lag Döhren in einem Sack. Hinein und hinaus ging es nur über die Weferlinger Straße. Erst 2001 wurde die Landesstraße zum zwei Kilometer entfernten niedersächsischen Mackendorf gebaut. Die frühere Kreisstraße nach Grasleben ähnelt der Verbindung nach Seggerde. Die Gemeinde musste hier ein Stück des in Eigeninitiative befahrbar gemachten Feldweges sogar vom Bundesvermögensamt kaufen.

Holländer beleben Grenzkaserne in Döhren


Sehenswert ist der Rundling von Fachwerkhöfen mit der Kirche in der Mitte. Auf einem dieser Höfe, Dorfstraße 29, hat der Heimatverein auf dem Kornboden eine Heimatstube eingerichtet mit vielen Schautafeln und Exponaten zur Grenze, zum Flachswerk, zur Landwirtschaft und dem dörflichen Leben. "Wer sich hier umsehen will, kann bei mir klingeln", sagt Elvira Lippke, ihre Haustür ist gleich neben dem Eingang zum Kornboden. Am ersten Sonntag im September wird auf diesem Hof traditionell ein Hoffest gefeiert.

Ein holländisches Lehrer-Ehepaar hat 2000 die ehemalige Grenzkaserne gekauft und sie im Wesentlichen so erhalten. Doch die Zimmer sind individuell eingerichtet, einige Armeebetten stehen jedoch noch. Odette und Roland Harten haben eine große Familie und viele Freunde. "Und alle sind begeistert von der Gegend", bekräftigt Odette Harten. "Viele fahren mit dem Fahrrad auf dem Allerradweg." Inzwischen sind beide im Ruhestand. Sie freuen sich, wenn ehemalige Grenzer klingeln. "Wir zeigen ihnen alles und bewirten sie mit Kaffee und Kuchen", sagt Roland Harten. "Und alle erzählen aus ihrer Grenzerzeit." Ein Gästebuch ist bereits voll.

Markgraf wandelt durch Weferlingen


Vier Kilometer Straße sind nach Weferlingen zu fahren, um wieder auf den Allerradweg zu kommen. Ein Abstecher zur evangelischen Kirche St. Lamberti auf einem Hügel am Aller-ufer empfiehlt sich. Hier stehen Mausoleum und Büste des Markgrafen Friedrich Christian von Kulmbach-Bayreuth. Die Grabkapelle ist nahezu einzigartig, wurde allerdings nie als Grabstätte genutzt. Dafür spaziert der Markgraf seit seinem 300. Geburtstag vor sechs Jahren regelmäßig durch den Ort. Zum nächsten Mal am Tag des offenen Denkmals, am zweiten September-Sonntag, wenn der Ortskern mit Aktionen und offenen Geschäften aufwartet. Lutz Otto Westphal hat den in Weferlingen geborenen Markgrafen auferstehen lassen. Der Bürgerverein, der sich die Sanierung des Mausoleums auf die Fahnen geschrieben hat, belebt die Markgrafen-Familie, die ständig wächst. Der Verein betreut auch das Heimat- und Apothekenmuseum sowie den Bergfried "Grauer Hermann", einen Aussichtsturm.

Von März bis Oktober ist beides an jedem ersten und dritten Sonntagnachmittag im Monat geöffnet, ebenso die Ausstellung in der Kirche über den Italien-Maler Max Peiffer Watenphul. "Wer zu anderer Zeit kommen will, muss sich anmelden", sagt der ehrenamtliche Museums-Chef Gerd Müller und verweist auf die Homepage www.buergerverein-weferlingen.de. Besucher können auch in der Tourist-Information nachfragen.

Der nächste Ort am Allerradweg ist Walbeck. Er gehört zur Straße der Romanik wegen der Stiftskirchenruine auf dem Hagen. Am Sonntag spielt hier das Rossini-Quartett.

Walbecker Wachturm wartet auf Wiederaufbau


Die Entwicklung der Stiftskirche, vieles zur Verbindung zu Otto I., der mehrmals in Walbeck war, und mehr ist in der Heimatstube dokumentiert. Wer spontan kommt, kann Jutta Pätz, die Vorsitzende der Natur- und Heimatfreunde, anrufen. "Ich bin in wenigen Minuten da", sagt die Walbeckerin. Nur wenige Meter weiter in der evangelischen Kirche befindet sich die 1932 wiederentdeckte Tumba des Grafen Lothar II. von Walbeck. Der Graf war an einer Verschwörung gegen Otto I. beteiligt, als Sühne ließ er 942 die Stiftskirche erbauen. Auch an der Kirche steht eine Telefonnummer für Gäste.

Beliebt ist das öffentliche Freibad am Ortsrand, in das Quellwasser aus der Riole fließt. Badestelle und Beachvolleyballplatz werden ehrenamtlich erhalten. Viele Fremde, die nach Walbeck kommen, fragen auch nach dem Friedhof, der in der Nähe der Badeanstalt liegt, um am Grab des Schauspielers Ulrich Mühe zu verweilen, weiß Jutta Pätz.

Zwischen Bad und Friedhof führt ein Weg nach Helmstedt. Einst war das eine Kreisstraße. Wer hier in Richtung Helmstedt radelt, stößt auf einen zerlegten Grenzturm. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben hatte den denkmalgeschützten Grenzturm verkauft, der neue Eigentümer ließ den Turm 2009 abbauen. Der Abtransport konnte gerade noch verhindert werden. Dass dieses Grenzdenkmal jedoch wieder aufgebaut wird, ist unwahrscheinlich. "Wir werden damit allein gelassen", zeigt sich Ortsbürgermeister Martin Herrmann enttäuscht. Aber die Stadt Oebisfelde-Weferlingen, zu der Walbeck gehört, kann das Geld nicht aufbringen.

 

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