Der Markt für Suchmaschinen schien längst aufgeteilt, als zwei Studenten im Jahr 1998 mit ihrer kleinen Firma Google wie Phoenix aus der Asche schossen und das Internet revolutionierten. Inzwischen ist das Kleinunternehmen eine Supermacht, weiß der Konzern mehr über uns als wir selbst.

Magdeburg. Der Mittelpunkt der Erde am Ar... der Welt. Umgeben von Kartoffelfeldern. In der großen weiten Prärie. In der Hauptstadt des US-Bundesstaates Kansas. Topeka heißt eigentlich die Stadt. Aber die hat sich mit Pomp für einen Monat umbenannt, im März als "Google, Kansas - Hauptstadt der Glasfaser" firmiert.

Kein Witz. Nein, eine ernst gemeinte "Taufe", um dadurch der Bewerbung zur Teilnahme an einem Versuchsprojekt des Online-Riesen für schnelle Internetleitungen Nachdruck zu verleihen, so Bürgermeister William Bunten. Und verspricht dann auch den etwa 122 000 Bewohnern das Blau-Rot-Gelb-Grüne vom Himmel. Die Aktion war schon mal jetzt zumindest eine kleine Meldung wert. Und zwar überall auf unserem Globus!

Das hätten sich Sergey Brin und Larry Page, als sie 1998 noch als Studenten in einer Garage ihre kleine schnucklige Firma gründeten, nicht erträumt: Google – getauft nach dem Wort Googol, das für eine Eins mit 100 Nullen steht – hat eine unglaubliche Karriere hingelegt. Ist heute ein globaler Konzern.

Erst mal war Google kein kommerzielles Unternehmen, erst mal gewann es Preise, erst mal landete es auf Bestenlisten – und erst mal war es wie viele andere Dotcom-Firmen vom Untergang bedroht. Im Jahr 2000 dann wurde die Suchmaschine zu dem gemacht, was sie heute ist: der mächtigste Werbevermarkter im Internet. Mit einem "schlüsselwortgesteuerten Werbeprogramm", Basis für den kommerziellen Erfolg. 2001 wurde Eric Schmidt, der Mann fürs Geschäft, geholt.

Ein gewaltiger Datenhunger

Heute liegt Google in fast allen entscheidenden Märkten, was die Websuche angeht, vorn. Schier uneinholbar. Ein Gigant, der die Welt mit immer neuen Projekten beglückt. Und mit einem gewaltigen Datenhunger. Information ist Macht.

Die Geheimniskrämerei des Suchmaschinen-Giganten, seine Marktmacht und sein Datenhunger rufen indes auch heftige Kritik hervor. So bei Gerald Reischl, Autor des Buches "Die Google-Falle". O-Ton: "Google ist zum Big Brother mutiert, der bald in die hintersten Winkel unserer Privatsphäre blicken kann." Wer alle Dienste des Konzerns nutze, gebe einen Großteil seiner Persönlichkeit preis.

Ja, wie sieht der perfekte Google-Nutzer aus? Stellen wir uns Jana aus Halberstadt vor. Jedes Mal, wenn sie die Suchmaschine nutzt, erfährt Google etwas mehr über sie: dass sie Tanzen mag, ihr dafür kein Weg zu weit ist, sie sich für Politik interessiert, wahrscheinlich die Linke wählt und in den 28-jährigen Peter Knatter in Magdeburg verliebt ist. Nach seinem Namen sucht sie jetzt nämlich besonders häufig.

Auch den Großteil ihrer Bekannten kennt Google: Menschen, denen Jana regelmäßig E-Mails, "Gmail", schreibt oder mit denen sie chattet, in "Talk". Sie lässt Videos in "YouTube" und Fotos in "Picasa" kursieren. Da ist sie überall drauf. In Feierlaune, ausgelassen, mal knutschend, mal mit Bier prostend. So weiß Google auch, wie Jana aussieht.

Dann hat das Mädchen ein iPhone, so dass Google Bewegungsprofile anlegen kann. Über den Navigationsdienst "Maps". Im Internet protokolliert Google mit "Toolbar" jede einzelne Seite, die Jana aufruft. Und das Inhaltsverzeichnis ihrer Computerfestplatte überträgt sie mit dem Suchprogramm "Desktop Search" an die Rechenzentren des Konzerns. Und so weiter und so weiter.

Google@Welt. Die Suchmaschine ist inzwischen zur Weltmacht, zum Alleskönner mutiert. Und damit werden auch die Probleme größer: Patzer, Schelte, Sperrungen, Klagen, Kartellprüfungen. Mit Buzz zum Beispiel will Google Facebook, Twitter und Co. überflüssig machen und so im sozialen und mobilen Netz die Nummer Eins werden. Doch Buzz katalogisiert das Privatleben seiner Nutzer wie kein anderes Netzwerk. "Erliegt Google dem Größenwahn? Mit Buzz kopiert der Web-Konzern ein paar unfeine Methoden, die in der Computerbranche zum schmutzigen Geschäft gehören: Nutzer bevormunden, andere Anbieter aussperren, sich selbst zum Mittelpunkt der Welt erklären. Ob das gut geht?", fragt Spiegel-Online im Februar.

Buzz wird unter die Lupe genommen

Nun soll die amerikanische Kartell- und Wirtschaftsaufsicht FTC Google Buzz unter die Lupe nehmen. US-Bürgerrechtler haben Beschwerde gegen den Networking-Dienst eingelegt. Google gesteht derweil Fehler ein: Der Dienst sei vorab nicht hinreichend geprüft worden. Das Zentrum für elektronischen Datenschutz EPIC sieht bei der neuen Internetplattform Verstöße gegen das US-Verbraucherschutzrecht. FTC soll Google daran hindern, Nutzer des E-Mail-Dienstes Google Mail automatisch auch bei Buzz zu registrieren, so Datenschützer.

Google will noch in diesem Jahr mit seinem Foto-Dienst Street View in Deutschland starten. Und verspricht schon mal höchste datenschutzrechtliche Standards, um die Widerstände zu überwinden. Das überzeugt aber weder Bundesregierung noch Experten. Schon bevor das Unternehmen Fotos von Häusern ins Netz stelle, müssten die Bürger umfassend informiert werden, verlangt Verbraucherministerin Ilse Aigner in Berlin.

Eine Forderung, die Sinn macht. So hat ein Finne in Raahe, etwa 600 Kilometer nördlich von Helsinki, kürzlich gegen Google Street View geklagt, weil der Straßen-Fotodienst ihn ohne Hose in seinem Garten erwischt hat. Er sei auf den im Internet zu sehenden Aufnahmen zu identifizieren, moniert er. Damit habe Google seine Privatsphäre verletzt und ihn der Lächerlichkeit preisgegeben.

Kein Medium bleibt von Google unbeeinflusst. Wie die "New York Times" inzwischen berichtet, arbeiten Google und Intel gemeinsam an einem Projekt namens "Google TV". Ziel sei es, das Android-Betriebssystem des Web-Giganten und Intels "Atom"-Prozessor zunächst in Fernsehgeräten des Herstellers Sony zu vereinen. Google und Intel planen den Bau einer Set-Top-Box, die dem Internet Einzug ins TV-Gerät gewähren soll.

Statt eines eingeschränkten Zugangs zu bestimmten Webportalen soll die offene Android-Plattform in Verbindung mit Googles Webbrowser "Chrome" einen freien Zugang zu allen Internet-Inhalten garantieren. Erste Fernseher, die mit "Google TV" ausgestattet sind, wie die geplanten Geräte von Sony, kommen angeblich noch diesen Sommer auf den Markt. Logitech steuere die mit einer kleinen Tastatur ausgerüstete Fernbedienung bei. Ein Prototyp sei bereits fertig und werde derzeit mit einem Satelliten-TV-Anbieter getestet, so die "New York Times" aus gut informierten Kreisen.

Die beteiligten Unternehmen lehnen bisher jeden Kommentar zu dem Bericht ab. Experten aber gehen davon aus, dass die Informationen weit mehr als nur Gerüchte sind.

Eine kleine Internetfirma derweil verklagt Google wegen angeblichen Missbrauchs seiner Marktmacht. Doch dahinter stecke Microsoft, behauptet der Internet-Riese. Der Erzrivale bestreitet dies. Ausgangspunkt sind unbezahlte Rechnungen eines kleinen Google-Kunden. Eine namentlich nicht bekannte Internetfirma schuldet Google 335 000 Dollar für Werbeanzeigen. Der Internet-Riese reichte Klage ein und bekam eine gepfefferte Antwort: eine Wettbewerbsklage. Versteckter Krieg unter IT-Giganten?

Googles Leitspruch wirkt jedenfalls auf immer mehr seiner Nutzer und erst recht die Konkurrenten wie ein Affront: "Don‘t be evil!" – "Sei nicht böse!"

Anfangs hat ja dieser Anspruch noch Sympathie eingebracht: Eine junge Firma, die irgendwie anders ist. Aber sie wurde immer auch am eigenen Anspruch gemessen. Die Proteste der Nutzer gegen "böses" Verhalten sind dann umso heftiger. Vor allem, als Google seine Suchmaschine 2006 in China startete – und sich den Zensurbedingungen Pekings unterwarf. Mit gefilterten Suchanfragen: Wenn chinesische Internetnutzer Begriffe wie das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens suchten, spuckte die Seite keine Ergebnisse aus.

Damit ist nun Schluss. Der Konzern leitet die Seite Google.cn unzensiert auf Server in Hongkong um. Vorausgegangen waren monatelange Auseinandersetzungen über Hackerangriffe auf Google-Mail-Konten chinesischer Menschenrechtsaktivisten. Google konnte seine Kunden nicht schützen. Google wurde die Geschäftsgrundlage entzogen.

Zyniker sagen nun, Google investiere ein Prozent von seinem Umsatz für einen besseren Ruf in der Welt. Mit Einnahmen von 200 Millionen US-Dollar im Jahr macht das China-Geschäft kaum ein Prozent des globalen Umsatzes von 22 Milliarden Dollar aus, und mit einem Marktanteil von rund einem Drittel ist Google im Reich der Mitte nur die Nummer zwei hinter dem von der Regierung unterstützten Konkurrenten Baidu, die größte chinesische Suchmaschine mit einem Marktanteil von mehr als 60 Prozent.

Internet-Zensur in mehr als 40 Ländern

Google ist kein Engel im Cyberspace. Der Konzern, der den Geist der Freiheit für sich gern postuliert, hat sich inzwischen zu einer gefräßigen Datenkrake entwickelt. Giert nach einem Monopol auf die Wissens-, Nachrichten- und Informationswelt. Mit den Autorenrechten geht Google kaum weniger ignorant um als China mit dem Informationsrecht. Die kommenden Kämpfe um die Meinungsfreiheit werden ganz neue Frontverläufe haben.

In mehr als 40 Ländern wird das Internet zensiert, beklagt Google. In Brasilien muss das Unternehmen Strafe zahlen, weil auf eine seiner Seiten Jugendliche beleidigt werden. Australien plant, ganze Inhalte zu verbieten: Kinderpornografie, Anleitungen zu Straftaten und Drogenherstellung sowie Anstiftung zum Terrorismus. Zuständig für die Sperren sollen die Provider sein. Ganz anders als die deutsche Variante des Jugendschutzes im Web.

Ein italienisches Gericht hat kürzlich drei Google-Manager zu Bewährungsstrafen verurteilt, weil auf dem Videoportal des Unternehmens ein Clip von der Misshandlung eines Behinderten lief: Jugendliche attackieren brutal einen am Down-Syndrom erkrankten Mitschüler. Die Aufnahme war von den Tätern im September 2006 unter der Rubrik "Die lustigsten Filme" veröffentlicht und erst nach Protesten zwei Monate später von Google entfernt worden.

Der Schuldspruch hat weitreichende Folgen, nicht nur für Google. Bislang können Nutzer bei Facebook, YouTube und Co. Videos hochladen, ohne dass deren Inhalte kontrolliert werden. Anstößiges Material wird erst entfernt, wenn es von Usern gemeldet wird. Bei Rechtsverstößen schreiten die Unternehmen ein, wehren sich aber dagegen, für alle Nutzerinhalte zu haften.

"Don‘t be evil?" Man kann auch "böse" sein durch Nicht-Handeln.

 

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