Immer wieder senkt der Langarmbagger die Schaufel in das Grundwasser ud dreht sich mit der gefüllten Schaufel zur Seite. Mehrere Menschen mit Helm, Gummistiefeln und abwaschbarer Schutzkleidung beginnen, den Schlamm in der Baggerschaufel zu durchwühlen. Fast zwei Jahre nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs werden die letzten Archivalien geborgen.

Köln. Während Claudia Tiggemann-Klein mit den dicken Gummihandschuhen in der unansehnlichen Masse rührt, erklärt sie: "Manchmal werden größere Dokumentenreste gefunden, manchmal ein Aktenblock, manchmal nichts." Die Ausbeute dieser Grobsortierung, so die Mitarbeiterin des Archivs, werde in Körbe gelegt und zur weiteren Bearbeitung in das große Zelt oberhalb des Grubenrands gebracht.

Aufgrund der Witterung herrschen Bedingungen wie in einem Eiskeller. Und wenn der Rhein mal wieder aus seinem Bett steigt und über die Hochwassermarke von 7,5 Metern schwappt, läuft die Grube voll und erschwert die Arbeiten. Seit Wochen tobt mitten in der Kölner Innenstadt diese Schlammschlacht. Rund um die Uhr sind daran in jeweils drei Schichten bis zu 40 Helfer beteiligt.

Es geht um eine nationale Aufgabe: Die Bergung jener Archivalien, die seit der Einsturzkatastrophe vom 3. März 2009 noch immer in dem Trichter liegen, der sich durch die Katastrophe aufgetan hat. Damals war das Gebäude, vermutlich im Zusammenhang mit dem unter ihm verlaufenden U-Bahnbau, eingestürzt und versunken. Zwei Menschen kamen dabei ums Leben.

Oftmals sind die Archivalien in einem bemerkenswert guten Zustand, manche Akte lässt sich noch lesen. "Das liegt möglicherweise daran, dass das Archivgut im Grundwasser nicht mit Sauerstoff in Kontakt treten und es so nicht zu Zersetzungsprozessen kommen konnte", sagt Tiggemann-Klein und zieht die Handschuhe zurecht.

Wenn sie redet, steigen kleine Atemwölkchen auf. Das Thermometer zeigt einige Grad unter null, und ihre über acht Stunden dauernde Schicht ist noch lange nicht zu Ende. "Danach futtere ich Mengen, von denen ich nie geglaubt hätte, dass ich jemals solche Portionen essen könnte."

Etwa drei Regalkilometer des Bestands von einem der bedeutendsten Kommunalarchive Europas liegen noch unter dem Grundwasserspiegel und sollen möglichst bis zum Jahrestag des Einsturzes gesichert werden. Rund 800 Meter wurden inzwischen geborgen. Im Frühjahr soll dann ein Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum bezugsfertig sein. 18 Regalkilometer Archivgut der zurzeit auf 19 Asylarchive verteilten Akten werden hier wieder zusammengeführt, restauriert und digital erfasst.

Mehr als 100 Stellen müssen hierfür noch besetzt werden. Für Archivdirektorin Bettina Schmidt-Czaia eine schwierige Aufgabe. "So viele Fachkräfte gibt es gar nicht, und die Absolventen der wenigen deutschen Ausbildungsstätten wollen ja nicht gleich nach Köln."

Dabei warte in der Rheinmetropole auf Jahre hinaus eine berufliche Herausforderung und Chance, so die Archivarin. Schmidt-Czaia: "Es geht um eine generationenübergreifende Wiederherstellung von Kulturgut, mit der Wissenschaftler wohl bis zu 50 Jahre beschäftigt sein werden."

 

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