Heidelberg - Für Martina Mellin war das Leben zur Qual geworden. Seit 28 Jahren litt die 57-Jährige an einem hohen Piepton im linken Ohr, und nach einem Hörsturz vor fünf Jahren kam auch auf dem rechten Ohr ein Pfeifen hinzu. Die Ohrgeräusche ließen sie oft schlecht schlafen und nahmen ihre Aufmerksamkeit so gefangen, dass sie ihrem Beruf nicht mehr nachgehen konnte. Die Wende brachte eine Musiktherapie.

Am Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung ( DZM ) in Heidelberg lernte Martina Mellin in einem neu entwickelten Therapiekonzept, die Wahrnehmung ihres Tinnitus aktiv zu steuern und die mit ihm verbundenen negativen Gefühle in positives Denken umzumünzen. Seither sind die Töne zwar nicht verschwunden, doch sind sie keine große Belastung mehr in ihrem Leben.

Tinnitus ist eine Volkskrankheit. Mediziner schätzen die Zahl der behandlungsbedürftigen Patienten auf mehr als eine Million. Die Ursachen dieser für die Patienten oft mit großem Leiden verbundenen Störung sind vielfältig. Nur bei wenigen ist ein klarer Auslöser auszumachen, beispielsweise eine Veränderung der Blutgefäße, die ein Geräusch erzeugt, das auch von außen gehört werden kann.

Viel häufiger ist dagegen der so genannte subjektive Tinnitus, den nur der Patient hört. Das Ohrgeräusch deshalb als pure Einbildung abzutun, ist dennoch falsch : Die für das Hören zuständigen Nervenzellen im Gehirn erhalten bei diesen Patienten von den feinen Hörzellen im Innenohr über den Hörnerv durchaus ein Signal. In der Wahrnehmung unterscheidet sich der Tinnitus zunächst also nicht grundsätzlich vom Hören realer Töne.

Solche Fehlsignale in den Hörzellen können viele Ursachen haben, und viele der Mechanismen sind noch nicht bis ins Detail verstanden. Zu den Auslösern gehören unter anderem Schäden durch Lärm, Infektionen im Innenohr oder Nebenwirkungen von Medikamenten oder Stoffwechselkrankheiten. Häufi g liegen jedoch die Ursachen auch in Verspannungen und Störungen der Halswirbelsäule und des Kiefergelenks.

Bei vielen Patienten wird ein solcher subjektiver Tinnitus chronisch. Das heißt, das Ohrgeräusch verändert vielleicht seine Lautstärke, verschwindet jedoch niemals völlig. Oft hat es sich dann bereits verselbstständigt : Das Gehirn hat dann das Geräusch als " Ohrwurm " abgespeichert, auch wenn die ursprüngliche Ursache des Tinnitus im Ohr längst verschwunden ist, und aus dem Innenohr gar kein entsprechendes Hörsignal mehr kommt.

Diese Fixierung des Gehirns auf das Ohrgeräusch zu durchbrechen und die Wahrnehmung wieder in andere Bahnen zu lenken, ist das Ziel des von Heike Argstatter und Hans Volker Bolay vom DZM in Heidelberg entwickelten Therapiekonzepts. Behandelt werden können damit Patienten, die einen Ton klar defi nierbarer Frequenz hören und nicht beispielsweise ein Rauschen oder Brummen.

Tinnitus-Ton finden, lernen und nachsingen

Erster Baustein der Therapie ist es, den Tinnitus-Ton mithilfe eines elektronischen Tongenerators in Tonhöhe und Lautstärke nachzuempfi nden. Dieser Ton bildet dann die neue Basis für das Hören von Musik. So lässt der Therapeut Entspannungsmusik mit dem Tinnitus-Ton oder einer seiner Oktaven als Grundton erklingen. " Die Patienten integrieren diesen Ton in den Hörprozess und empfinden ihn erstmals nicht mehr als negativ ", erklärt Psychologin Heike Argstatter.

" Im zweiten Schritt singen die Patienten gezielt den Tinnitus-Ton und lernen damit, ihn zu kontrollieren ", so Argstatter. Durch gezieltes Hören und Übungen wie das Nachsingen vorgegebener Melodien lernen sie zudem, ihre Aufmerksamkeit zu steuern und dadurch den Tinnitus aktiv zu beeinflussen. Weitere Bausteine des Therapiekonzepts sind, den Einfluss von Stress auf den Tinnitus besser zu kontrollieren und sich gezielt auf positive Dinge zu konzentrieren.

60 Patienten haben das aus insgesamt zwölf Sitzungen bestehende Heidelberger Therapiekonzept bereits absolviert und abgeschlossen – mit großem Erfolg, wie Argstatter berichtet : " Bei 70 Prozent trat eine deutliche Verbesserung ein ", sagt die Psychologin. Auch bei Martina Mellin, bei der die Ohrgeräusche nun keine schwere Belastung mehr sind. Die Kosten werden bisher noch nicht von den Krankenkassen übernommen.