Berlin l Stillen ja oder nein - das war für Ulrike (36) aus Berlin gar keine Frage. Natürlich wollte sie ihr Kind stillen, und das klappte auch gut. Darüber, wann sie den ersten Brei füttern sollte, war sie sich jedoch nicht so sicher. Im Flyer ihrer Krankenkasse las Ulrike, dass sie damit ab dem fünften Monat beginnen könne. Von einer Freundin aus England hörte sie, dass dies dort erst ab dem siebten Monat empfohlen wird. "Da war ich froh, dass meine Tochter noch ausschließlich an der Brust getrunken hat und prima gewachsen ist", erinnert sich Ulrike. Denn die Vorschriften zum Breikochen und -füttern, die in dem Flyer standen, empfand sie als so kompliziert, dass sie den Beikoststart lieber noch hinauszögerte.

So praktisch das lange ausschließliche Stillen in Ulrikes Fall war, so förderlich ist es für Mutter und Kind aus medizinischer Sicht. Doch trotz zahlreicher Initiativen hat sich das Stillverhalten in den letzten 20 Jahren in Deutschland kaum verbessert (siehe Kasten). Das dürfte zu einem erheblichen Teil daran liegen, dass in Deutschland die Meinungen über die Dauer des ausschließlichen Stillens und den Zeitpunkt der ersten Beikost auseinander gehen.

Seit 2010 einheitliche Empfehlung der Verbände

Offizielle Empfehlungen zur Ernährung von Säuglingen, die unter Federführung des "Netzwerks Junge Familie" im Rahmen der Bundesinitiative "In Form" entwickelt wurden, gibt es schon seit 2010. Vertreter der relevanten Fach- und Berufsverbände einigten sich auf gemeinsame Empfehlungen - mit dem Ziel, endlich mit einer Stimme zu sprechen: "Im ersten halben Jahr ist das Stillen für alle gesunden Säuglinge zu empfehlen, mindestens bis zum Beginn des 5. Monats voll", spätestens zu Beginn des 7. Monats sollte der erste Brei gefüttert sein, danach sollte zur Allergieprävention weitergestillt werden", so die Empfehlung des Konsenspapier. Trotzdem geben Fachverbände aber nach wie vor ihre eigenen Empfehlungen heraus.

Die Mütter bleiben verwirrt zurück. Für Ulrike, die ihre Tochter fast sechs Monate lang ausschließlich stillte, stand irgendwann doch die Entscheidung für den ersten Babybrei an. Die offiziellen Empfehlungen verweisen dazu auf den Ernährungsplan für das erste Lebensjahr des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) Dortmund, der auch in Flyern von Krankenkassen, Ratgebern und Werbematerialien zu finden ist.

Zu Beginn der Beikostzeit hatte Ulrike noch das Gefühl, konsequent nach dem Plan handeln zu müssen. Doch das dauerte nicht lange. "Wann ist welcher Brei dran und wie muss dieser zubereitet werden - das konnte ich mir einfach nicht merken", sagt sie. "Es passt auch nicht immer in unseren Alltag, stets zur selben Zeit Brei zu füttern." Und ihre Tochter hatte, obwohl sie sich anfangs ganz willig füttern ließ, nach zwei Wochen keine Lust mehr auf Brei. Als Berlinerin hat Ulrike öfter Kontakt zu jungen Müttern aus anderen Ländern. "Und die füttern ihrem Baby alles Mögliche, zu jeder Zeit", erzählt sie. "Das probiere ich jetzt auch - mal ein Stück Brot, mal eine Scheibe Gurke, dann mal wieder Brei oder nur Muttermilch." Ulrike handelt also nach dem Prinzip "Gut ist, was dem Kind gut tut".

Gesundheitsrisiken sinken mit längerer Stilldauer

Das empfehlen auch Hebammen, Kinderärzte und Wissenschaftler immer wieder und verweisen auf die Zeichen, die das Kind selbst zeigt, wenn es bereit für feste Nahrung ist. Allerdings haben Stilldauer und der Zeitpunkt der Beikosteinführung neben der individuellen eine politische Dimension, etwa wenn es darum geht, den Gesetzgeber zu beraten oder Krankheiten vorzubeugen.

Die Berliner Hebamme Silvia Höfer, früher Journalistin, sieht keinen überzeugenden wissenschaftlichen Beleg dafür, einen Beikoststart vor dem siebten Monat zu empfehlen. Für sie ist entscheidend, dass mit einer längeren ausschließlichen Stilldauer das Risiko für das Kind, an Atemwegsinfektionen, Lungenentzündungen, Mittelohrentzündungen und Magen-Darm-Infekten zu erkranken sowie später fettleibig zu werden, wesentlich sinkt.

Ob ab dem fünften oder siebten Monat Beikost zugefüttert wird, ist indes nicht nur für die Gesundheit des Babys wichtig, sondern auch für den Gewinn der Hersteller von Babynahrung. Dabei gilt: Je stärker Produkte verarbeitet sind, desto größer ist die Gewinnspanne für Unternehmen. "Deswegen lohnt es sich offenbar, Lobbyismus für Säuglingsnahrung zu betreiben" schlussfolgert Christina Deckwirth vom Verbrauchschutzverein Lobbycontrol. "Stillen und Selberkochen bringt der Lebensmittelindustrie wenig, sie hat großes Interesse daran, Mütter vom Stillen und Selberkochen abzuhalten."

Dabei geht es nicht nur um Werbung, sondern um politische Einflussnahme. Mit der Industrie verbandelt ist auch das FKE Dortmund, das regelmäßig Forschungsgelder von Nahrungsmittelherstellern erhält. Aufgefallen ist es vor vier Jahren mit einer Studie, die einen höheren Eisenbedarf von Stillkindern postulierte. Nach Recherchen der "Welt" trifft jedoch das Gegenteil zu. Die Studie wurde von der damaligen Zentralen Marketing-Agentur der Deutschen Landwirtschaft mitfinanziert.