Magdeburg l Die Virusinfektion war schon ein paar Wochen her, da fühlte sich Günther Hoyer (Name geändert) auf einmal unerträglich müde. Außerdem hatte er ständig Durst, trank acht Liter am Tag und musste nachts auf die Toilette. Nach einem Besuch beim Arzt stand fest: Diabetes Typ 1. Günther Hoyer war wie vor den Kopf geschlagen, denn er hatte bislang ein gesundes Leben geführt, war schlank und machte viel Sport. Ab jetzt sollte sich sein Leben nur noch um seinen Insulinspiegel drehen.

"Die Krankheit ist rund um die Uhr präsent", sagt Diabetesberaterin und Diplom-Oecotrophologin Katja Oertel, die in der Magdeburger Praxis von Dr. Florian Gläß Diabetiker berät. Sie unterstützt die Erkrankten dabei, mit Diabetes zu leben.Dazu erhält jeder eine strukturierte Schulung und lernt unter anderem, wie bei Unter- und Überzuckerung reagiert werden muss.

Am heutigen Weltdiabetikertag geht es ihr insbesondere um die Typ-1-Erkrankten, die wesentlich weniger bekannt sind als die der Volkskrankheit "Typ 2", der sogenannten Altersdiabetes. Die Typ-1-Diabetiker machen rund zehn Prozent der Diabetes-Patienten aus. "Zunehmend sind auch Kleinkinder betroffen", sagt Oertel. Eine eindeutige Erklärung gibt es dafür nicht. Während Typ 2 vor allem durch Veranlagung, Übergewicht und mangelnde Bewegung ausgelöst wird, sind die Ursachen der Typ- 1-Autoimmun-Erkrankung unbekannt. Wie bei Hoyer sei ganz oft eine Virusinfektion vorangegangen, so Oertel. Plötzlich oder wenige Monate später höre die Bauchspeicheldrüse auf, das Hormon Insulin zu produzieren, das der Körper brauche, um den Blutzuckerspiegel zu regulieren. Deshalb müssen die Erkrankten das Insulin spritzen. Lebenslang.

Das heißt: vor jeder Mahlzeit sticht sich Hoyer in den Finger, um den Blutzuckergehalt zu messen. Abhängig von dem, was er essen wird, schätzt er die Kohlenhydratmenge ab und berechnet danach die benötigte Insulinmenge. Diese muss er sich vor der Mahlzeit selbst spritzen. "Vier bis sechs Injektionen kommen da so täglich zusammen, manchmal auch mehr", berichtet die Ernährungsberaterin. Werde dies im Alltag berücksichtigt, sei ein normales Leben mit Berufstätigkeit und Sport möglich.

Spezielle Lebensmittel für Diabetiker sind unnötig

Wird das Insulin richtig dosiert, muss auch auf die Lieblingsspeisen nicht verzichtet werden. "Eine gesunde Mischkost ist richtig", erklärt sie. Spezielle Diabetiker-Lebensmittel seien unnötig. Hauptsächlich für alle Kohlenhydrate wird das Insulin benötigt. Gemüse, Fleisch und Fisch sind hingegen kohlenhydratfrei.

Katja Oertel findet es schade, dass die Betroffenen auf so wenig Verständnis in ihrem Umfeld treffen. "Sie haben ja keine Schmerzen, aber sind trotzdem krank", sagt sie. Sehr hilfreich sei es, dass es in Magdeburg sogar einen Psychodiabetologen gebe, bei dem Menschen mit Typ-1-Diabetes professionelle Unterstützung bekämen. Beispielsweise sei es sehr belastend für Familien, wenn ein Kind daran erkranke und in Folge ein Elternteil möglicherweise seinen Beruf aufgeben müsse.

Jeder Patient trage ständig eine kleine Tasche mit den wichtigsten Utensilien bei sich: Blutzuckermessgerät, einen sogenannten Insulinpen, der einem großen Kugelschreiber ähnelt, mehrere Nadeln zum Wechseln sowie Süßigkeiten gegen Unterzuckerung.

Inzwischen ist die medizinische Behandlung so fortgeschritten, dass auch Frauen mit Typ-1-Diabetes bei intensiver Betreuung schwanger werden und gesunde Kinder zur Welt bringen können. "Das ist uns schon mehrfach gelungen", so Oertel.

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