Migrantenkinder in Sachsen-Anhalts Schulen

Schulpflichtig sind Kinder aus anderen Staaten, sobald sie einen festen Wohnsitz haben – bei Flüchtlingen bedeutet das: sobald sie von der Zentralen Aufnahmestelle aus auf die Kommunen verteilt sind.

Aktuell kommen viele Kinder und Jugendliche aus Syrien, Afghanistan und Rumänien, aber auch aus Irak, Iran oder Indien.

Als Reaktion auf den Flüchtlingsstrom haben Kultusministerium und Landesschulamt zusammen mit den staatlichen Schulen ein Sprachklassenkonzept eingeführt. Hierfür wurden bislang rund 100 Lehrer zusätzlich eingestellt, die Schülern, die gerade nach Deutschland gekommen sind, in gesonderten Gruppen die Sprache beibringen. Außerdem helfen sie ihnen bei der Integration in der Schule.

292 Sprachgruppen und -klassen in mehr als 200 Schulen gibt es derzeit, davon etwa zwei Drittel in Grundschulen. In einer Gruppe sind meist zwischen fünf und 30 Schüler. In Grundschulen werden die Kinder aus den Sprachfördergruppen in der Regel schnell auch in den „normalen“ Unterricht geschickt.

Magdeburg l Benefsha verzieht skeptisch den Mund. Mit dem kleinen Messer in der Hand steht sie vor einem Küchentisch, der ihr bis hoch zu den Schultern reicht. Darauf liegt ein Brettchen mit roten Paprika. Die Siebenjährige mustert das Gemüse wie ein Nichtschwimmer das Drei-Meter-Brett. Plötzlich tippt ihr jemand von hinten auf die Schulter: Laura, das strohblonde Mädchen ist gut einen Kopf größer als sie. „Soll ich lieber? Dann pellst du die Eier, ok?“ Benefshas Kopf schnellt nach hinten. Jetzt grinst sie wie ein Nichtschwimmer mit Schwimmreif.

Die zwei Freundinnen gehören zu einem kunterbunten Haufen, der an diesem Montagmittag in der Küche der Magdeburger Grundschule „Am Umfassungsweg“ herumwuselt. Bunt ist er vor allem wegen der Länder, aus denen die Kinder ursprünglich stammen: Ukraine, Türkei, Russland, Deutschland und das Land, das bis vor drei Jahren Benefshas Heimat war: Afghanistan. Jede Woche trifft sich die Gruppe zur Arbeitsgemeinschaft Kochen. Heute gibt‘s Reissalat mit Pute.

„Die Kinder lernen hier, ungeachtet von Nationalität und Religion, zusammenzuarbeiten“, erklärt Schulsozialarbeiterin Daniela Nitschke. „Das funktioniert wunderbar.“ Seit dreieinhalb Jahren organisiert Nitschke die Koch-AG. Zwei Gruppen à zwölf Kinder wechseln sich im Wochentakt ab.

Dass die Kleinen lernen, wie Integration funktioniert, ist an dieser Grundschule besonders wichtig. Denn der Anteil der Migrantenkinder liegt dort bei 50 Prozent. 25 Nationen sind vertreten, darunter auch Irak, Nigeria und Rumänien. Schon vor dem Flüchtlingsstrom kam jedes dritte Kind aus einem anderen Land, was vor allem am verhältnismäßig hohen Anteil an Migranten in der Wohngegend liegt. In den vergangenen zwei Jahren etwa, berichtet Nitschke, sei der Anteil dann auf die Hälfte gestiegen.

An Schulen helfen oft Freiwillige

Wie viele ausländische Kinder insgesamt an Sachsen-Anhalts Grundschulen lernen, wird im Kultusministerium nicht erfasst. Doch aus den Teilnehmerzahlen der Sprachförderkurse, die für Schüler ohne ausreichende Deutschkenntnisse angeboten werden, geht hervor, dass es schnell mehr werden: Derzeit besuchen die Kurse 2200 Grundschüler, im September vor einem Jahr waren es noch 1400. Die Gesamtzahl der Grundschüler liegt bei rund 70 000.

In die Integration ausländischer Kinder an der Magdeburger Schule werden auch die Eltern eingebunden. Alle paar Monate sind Mütter einer bestimmten Nation mit zum Familienkochen eingeladen. Dann wird etwas aus dem jeweiligen Land gezaubert – neulich standen russische Pelmeni auf dem Plan.

Solche Familienangebote helfen nicht nur, den kulinarischen Horizont der Kinder zu erweitern. Schulsozialarbeiterin Nitschke erklärt: „In lockeren Runden mit den Eltern können wir uns auch über kulturelle Unterschiede austauschen. Viele kennen es zum Beispiel nicht, dass man seinen Kindern Frühstück mit zur Schule gibt.“

Zur Unterstützung beim Familienkochen kommen immer Ehrenamtler aus einem Soziokulturellen Zentrum dazu. „Wir beobachten oft, dass bei Integrationsprojekten an Schulen Freiwillige helfen“, berichtet Nadine Schulz. Sie ist Leiterin des Deutschen Familienverbandes Sachsen-Anhalt, der neben der Einrichtung „Am Umfassungsweg“ noch in 13 weiteren Schulen im Auftrag der Stadt Schulsozialarbeiter stellt. „Bei einem Projekt hilft sogar eine Mutter dabei, eine Mädchen-Mannschaft im Fußball zu trainieren.“

Frisches Gemüse schlägt zu Buche

Ob es den interkulturellen Koch-Club auch im nächsten Schulhalbjahr geben wird, steht noch in den Sternen. Denn das Förderprogramm der Soziallotterie, über die er derzeit finanziert wird, läuft Ende Dezember aus. Ohne neue Unterstützer kann Nitschke die Lebensmittel dann nicht mehr bezahlen.

Schon jetzt wird beim Einkaufen jeder Cent umgedreht: Das wöchentliche Budget liegt bei zehn Euro. „Das ist eine Herausforderung, wenn man gesund kochen will. Vor allem das frische Gemüse schlägt zu Buche“, sagt die Sozialarbeiterin. Auf Fisch beispielsweise verzichte man aus Kostengründen fast komplett. Lammfleisch, mit dem man arabische Gerichte kochen könnte, ist erst recht nicht drin.

Da das Projekt neben Integration auch auf Ernährungserziehung zielt, wird die Gruppe von einer Ernährungswissenschaftlerin geleitet. Auch sie kann Nitschke nach aktuellem Stand bald nicht mehr bezahlen.

Daher hoffen sie und die Kinder nun auf die Spenden der Volksstimme-Leser. Wenn genug Geld zusammenkommt, würde die Truppe auch gern häufiger Eltern zum Familienkochen einladen. Die kleine Benefsha – übrigens eine der Klassenbesten – weiß sogar schon, was es geben würde, wenn mal afghanisches Essen auf dem Plan stünde. „Kabuli könnten wir machen. Da kocht man Reis, Fleisch und Möhren. Das ist sogar ein bisschen leckerer als Nudeln mit Tomatensoße!“