Magdeburg l 38.000 Notfallpatienten sind im Vorjahr im Magdeburger Universitätsklinikum behandelt worden. Rund 20.000 von ihnen hätten auch den üblichen ärztlichen Bereitschaftsdienst nutzen können, erklärt Dr. Markus Rettig, Ärztlicher Leiter der Zentralen Notaufnahme. Denn theoretisch ist der Notdienst in den Kliniken nur für Patienten gedacht, die anschließend auch im Krankenhaus weiterbehandelt werden.

Doch in der Praxis zeigt sich eben ein anderes Bild. Der Run auf den Notdienst schlägt sich finanziell negativ für die Uniklinik nieder. „Für die Patienten, die nicht stationär aufgenommen werden, darf nicht die volle Behandlungssumme abgerechnet werden, wodurch pro Fall rund 100 Euro Defizit entstehen“, sagt Rettig.

Durchaus Verständnis für die Kümmernisse des Kollegen von der Uniklinik hat Burkhard John, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt: „Das ist für ein Krankenhaus nicht gut, nimmt es Möglichkeiten für die Stationsversorgung. Man kann jedoch niemanden an der Pforte wegschicken.“

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Die flächendeckende Notdienstversorgung ist originäre Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigung. Dafür gibt es zwei Säulen: Das Rettungsärztesystem und das Bereitschaftsdienstsystem der Vertragsärzte, gewährleistet durch feste Einrichtungen – wie etwa das Medico-Soziale-Zentrum in Magdeburg – oder Hausbesuche.

Der Bereitschaftsdienst in Sachsen-Anhalt sei in 37 Bereiche aufgeteilt, berichtet John, wobei überall Fahrzeuge mit einem Rettungssanitäter zur Verfügung stünden. Die Kosten trage die Kassenärztliche Vereinigung. Im ländlichen Bereich gebe es inzwischen 15 sogenannte Portalpraxen. Das sind Einrichtungen, die Krankenhäusern angegliedert sind.

Möglich machen das neue gesetzliche Regelungen, die an dieser Stelle die frühere strikte Trennung zwischen niedergelassenen Ärzten und Kliniken aufheben. John: „Die Vertragsärzte sind somit ans Krankenhaus angedockt. Das ist ein Synergieeffekt zwischen Klinik und ambulanter Praxis.“ Notdienst-Chef Rettig begrüßt die Öffnung ebenfalls: „Das könnten wir uns auch bei uns vorstellen.“ Er verweist zugleich auf den Unterschied zwischen dem ländlichen Raum, wo der Notdienst gut abgedeckt sei und Ballungsgebieten wie Magdeburg, wo die Zahl der Notfälle die Kapazitäten der Bereitschaftsdienste übersteigt. Eine Konkurrenzsituation sieht er schon aufgrund der chronischen Überbelegung des Uniklinikums nicht. „Wir müssen fast täglich Notfallpatienten in andere Krankenhäuser verlegen – bis nach Haldensleben, Halberstadt oder Helmstedt.“

Zu schaffen macht sowohl Notfall-Praktiker als auch der Kassenärzte-Chef das von niemandem steuerbare Verhalten der Patienten. Mancher komme während ganz normaler Arzt- Sprechzeiten in die Notfallambulanz – in der Hoffnung auf schnellere Behandlung. Auch Patienten mit Bagatell-Beschwerden seien keine Seltenheit.

Wieder andere suchten den klinischen Notdienst nur auf, um wochenlange Wartezeiten auf Facharzttermine zu verkürzen. Zumindest hier zeichnet sich eine gewisse Entspannung ab: Ab 2016 ist die Kassenärztliche Vereinigung verpflichtet, eine sogenannte Terminservicestelle einzurichten. Dahin können sich Patienten wenden, die länger als vier Wochen auf einen Termin beim Spezialisten warten müssen.