Magdeburg l Welche weiterführende Schule ist die richtige? In diesen Wochen stehen Sachsen-Anhalts Eltern wieder vor der Wahl. Wie in den Vorjahren wird fast jedes zweite Kind im Gymnasium angemeldet. Mit dieser Übergangsquote liegt das Land bundesweit im Spitzenfeld. Die Hoffnung auf das Abitur für den besten Start ins Leben ist groß. Doch für viele Kinder wird der Traum zerplatzen.

Denn in keinem anderen Land scheitern so viele Schüler im Gymnasium wie in Sachsen-Anhalt. Im Sommer 2014 erreichten nur 29,9 Prozent die ersehnte allgemeine Hochschulreife – der Bundesschnitt lag bei 41 Prozent.

2022 Schüler scheitern

Warum ist das so? Warum verlieren die Gymnasien auf dem Weg von der fünften Klasse bis zur Abiturfeier so viele Schüler, die frustriert aufgeben? Mit einer großen Anfrage haben vor kurzem die Grünen Aufklärung gefordert. Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) lieferte 75 Seiten mit Zahlen – Erklärungen seien damit allerdings nicht möglich, bedauerte er bei der Aussprache im Landtag.

Der Grund: Sein Haus müsse erst die erforderliche Software anschaffen, um aussagekräftige Daten sammeln zu können. Über individuelle Verläufe lasse sich mit den vorliegenden Statistiken nichts sagen. „Wir müssen uns da ein wenig gedulden.“

Dabei sind die Zahlen alarmierend. 4630 Abiturzeugnisse haben die Gymnasien im vergangenen Sommer überreicht. Acht Jahre zuvor, als eben diese Abiturienten ihre Karriere am Gymnasium begannen, war der Jahrgang allerdings noch weitaus größer. 6652 Schüler starteten damals in die fünfte Klasse. Das bedeutet: 2022 Schüler haben Anlauf genommen, sind aber unterwegs ausgestiegen oder aussortiert worden – eine Verlustquote von 30 Prozent. Hinzu kommen weitere Schüler, die das Abi zwar gepackt haben, aber länger brauchten, also Sitzenbleiber und jene, die aus Angst vor einem schlechten Abi-Zeugnis freiwillig wiederholten.

Vor allem in der Oberstufe ist der Anteil der Gescheiterten hoch. Von denen, die die zehnte Klasse überstehen, packt jeder Fünfte die letzten zwei Schuljahre nicht. Ursache für diesen Misserfolg sind nicht die Schüler. Sie gehören vielmehr zu den besten Deutschlands – das ist durch Vergleichsarbeiten nachgewiesen. In den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern landete Sachsen-Anhalt 2012 in der Spitzengruppe. Platz 2 in Chemie, Platz 3 in Physik, Platz 4 in Biologie, Platz 5 in Mathematik – Sachsen-Anhalts Neuntklässler zeigten, was in ihnen steckt.

Noten streichen? Nicht in Sachsen-Anhalt

Genau die gleichen Schüler aber tun sich schwer, am Ende auch das Abitur als Beleg ihrer Fähigkeiten zu holen. Woran liegt das? Die Vergleichsarbeiten sind deutschlandweit identisch, spiegeln also unbestechlich die tatsächlichen Leistungen.

Das Schulsystem und die Regeln fürs Abitur hingegen sind von Land zu Land unterschiedlich. Und dort scheint die Ursache für das massenhafte Schulversagen zu liegen. Zu Sachsen-Anhalts Spezialitäten gehört, dass jede einzelne Halbjahresnote der Oberstufe in die Abiturnote eingeht.

In anderen Länder dürfen die Schüler acht oder gar zwölf Leistungen streichen, also schwache Zensuren aus der Endnote heraushalten. Genau diese Länder sind es, in denen weniger Schüler auf der Strecke bleiben. Hessen, Berlin, Hamburg, Bremen: Im naturwissenschaftlichen Vergleichstest von 2013 lagen sie ganz hinten – bei der Abiturientenquote ganz vorn.

Auch der Mathe-Unterricht dürfte seinen Anteil haben. Anders als in anderen Ländern können Schüler in Sachsen-Anhalt keinen Mathe-Kurs auf einfachem Niveau mit weniger Stunden wählen. Seit diese und weitere Verschärfungen der Oberstufenverordnung gelten, ist der Anteil der Wiederholer deutlich angestiegen.

„Es läuft etwas ganz grundsätzlich schief“, urteilt Grünen-Fraktionschefin Claudia Dalbert, die das Thema mit ihrer Anfrage auf die Tagesordnung gesetzt hatte. Die Oberstufenverordnung benachteilige die Gymnasiasten gegenüber denen in anderen Bundesländern. Eines sei jedenfalls klar, bekräftigt Dalbert: „Unsere Schüler sind nicht dümmer als andere.“