Volksstimme: Herr Tullner, eine Grundschule in Wernigerode meldete vergangene Woche drei Tage Totalausfall. Müssen wir uns an solche Zustände gewöhnen?

Marco Tullner: Wernigerode war ein extremer Einzelfall, bei dem aber zu jedem Zeitpunkt eine Betreuung der Kinder sichergestellt war. Hier sind gleich sieben von elf Lehrern krank geworden. Das würde jede andere Behörde oder jeden Betrieb auch in Bedrängnis bringen. Aber es ist gelungen, innerhalb von drei Tagen wieder auf Schulbetrieb umzuschalten.

Sie haben mal gesagt, Ausfälle seien an kleinen Schulen nicht auszuschließen. Die Grundschule in Wernigerode hat aber 220 Schüler. Liegt es nicht doch eher an der Überalterung des Personals?

Natürlich spielt auch die Alterssituation eine Rolle. Gleichwohl sind Erkrankungen keine Alterserscheinung. Die beste Gegenmaßnahme heißt, neue Lehrer zu gewinnen, und da sind wir ja unermüdlich dabei. Im letzten Jahr ist es gelungen, 720 Lehrer neu einzustellen. In diesem Jahr wird das auch klappen.

Kleine Grundschulen haben trotzdem besonders häufig mit Ausfällen zu kämpfen. War es ein Fehler, diese Grundschulen nicht zu schließen – so wie es in der Schulnetzreform unter Ihrem Amtsvorgänger eigentlich vorgesehen war?

Nein, das war kein Fehler. Die Schule ist ein Fixpunkt für die demografische Entwicklung – vor allem auf dem Lande. Viele junge Leute, die sich ansiedeln, gucken doch: Ist da eine Schule, kann ich meine Kinder im Ort unterbringen? Ja, ein dichtes Schulnetz im ländlichen Raum ist teuer. Aber wir sind gut beraten, das bestehende System zu erhalten, das ist breiter Wille, auch wenn es störanfälliger ist.

Statt Schulschließungen sollte es Schulverbünde geben, um Lehrerpools zu bilden und den Direktorenmangel zu beheben. Warum wird das nicht gemacht?

Der Schulverbund wird kommen. Wir werden dazu einen Schulgesetzentwurf ins Parlament einbringen, um uns für die Zukunft vor allem im ländlichen Raum zu wappnen. Die Bevölkerungsprognose zeigt gerade für die ländlichen Regionen, dass die Einwohnerzahlen ab 2020 deutlich zurückgehen werden.

Vergangene Woche haben Sie angekündigt, für vollere Klassen in Grundschulen sorgen zu wollen. Was genau haben Sie vor?

Wir stellen zwar neue Lehrer ein – wir müssen aber auch nach Effizienzreserven suchen. Es geht darum, dass wir in Grundschulen die bereits seit Jahren bestehende Richtgröße von 22 Schülern pro Klasse auch erreichen. Derzeit werden auch Klassen mit 13 oder 14 Schülern gebildet. Künftig soll die Größe sich der Marke 20 bis 22 und damit dem Bundesschnitt annähern.

Kommt an kleinen Dorfschulen jetzt der klassenübergreifende Unterricht? Opposition und Gewerkschaften warnen vor Qualitätseinbußen?

Jahrgangsübergreifenden Unterricht kann man nicht ausschließen. Schon heute wird das in der flexiblen Eingangsphase praktiziert. Die Maßnahmen zum kommenden Schuljahr sind etwa mit Blick auf die Klassengröße sehr maßvoll und sichern letztlich die Unterrichtsversorgung. Es soll einfach der Anreiz verstärkt werden, Klassen mit größerer Stärke zu bilden. 22 Schüler in einer Klasse sind nicht der Untergang des Abendlandes.

Wenn wieder mehrere Klassen in einem Raum sitzen – ist das nicht eine Art Kulturbruch?

Nach der reinen Lehre ist eine zweizügige Grundschule mit A- und B-Klassen natürlich pädagogisch sinnvoll. Aber wenn wir die Schule im Ort halten wollen, wird es im Einzelfall auch jahrgangsübergreifenden Unterricht geben müssen. Das ist der Preis, den wir zu zahlen haben und den wir mit Blick auf die Struktur des Landes auch bezahlen wollen.

Gemeinden, die das nicht wollen, müssen Schulen dann doch zusammenlegen?

Wenn Kommunen das aus verschiedensten Gründen wollen, steht ihnen dieser Weg frei.

Müssen Dörfer angesichts der Einwohnerprognosen künftig doch wieder Schulen schließen?

Wir dürfen Prognosen nicht als gottgegeben ansehen. Dann könnte auch ein Computer die Politik machen. Die jüngste Entwicklung zeigt: Die Geburtenraten sind stabiler geblieben als angenommen, aber regional differenziert. Um vorbereitet zu sein, sollten wir aber das Konzept des Schulverbundes weiterentwickeln und auch auf andere Schulformen ausdehnen. Ziel muss es sein, das Schulnetz zu erhalten.

Lehrer werden ja für 35 bis 40 Jahre eingestellt. Laufen wir nicht Gefahr, dass sie künftig vor halb leeren Klassen stehen?

Die Gefahr sehe ich nicht. Im Moment haben wir durch die starken Altersabgänge ja eher eine große Not an Lehrern. Wir müssen aber langfristig gesehen aufpassen, dass wir uns in der Zukunft nicht den nächsten Lehrerüberhang organisieren.

2500 Lehrer sind älter als 60, ab 2019 gehen 1000 jährlich in Rente. Zuletzt hatten Sie die Einstellung von 500 bis 700 Lehrern für 2017 angekündigt. Reicht das noch?

Da der Haushalt uns 80 Stellen zusätzlich ermöglicht, reden wir jetzt eher von 600 bis 800 Stellen. Dabei können wir jeden, der ausscheidet, ersetzen. Die Spannbreite kommt dadurch zustande, dass wir nicht wissen, wie viele Lehrer vor der Rente ausscheiden. So gibt es immer mehr Fälle, in denen Lehrer kurz vor der Rente kündigen, sich arbeitslos melden und auf diese Weise früher aufhören. Am Ende wird es sich wohl eher bei 800 Stellen einpendeln.

Anreize für die Altmark

Die Opposition kritisiert, bei der letzten Ausschreibung seien 250 Bewerber nicht berücksichtigt worden. Warum stellt das Land nicht flexibler Lehrer ein, wenn sie ohnehin gebraucht werden?

Ich verstehe, dass die Opposition auch stattfinden will. Aber ich brauche nun mal einen Haushalt, um Stellen auszuschreiben, und der ist gerade erst verabschiedet worden. Auch die Unterrichtsplanungen für das neue Schuljahr sind noch nicht abschließend abgestimmt. Wir schreiben unablässig Stellen aus, auch jetzt im März wieder. Aber ich kann nicht im Blindflug frei von Raum und Zeit agieren.

Warum hat die Koalition nicht gleich gesagt: Lasst uns 500 Lehrer auf einen Schlag einstellen? Das würde einen gewissen Puffer schaffen.

Ich hatte bei der Haushaltsaufstellung 14 500 Vollzeit-Stellen schon ab 2017 beim Finanzministerium angemeldet und dafür im Kabinett gekämpft. Im Ergebnis haben wir uns auf das Stufenmodell mit 14 500 Stellen bis 2020 geeinigt. Zu glauben, 500 Stellen mehr würden uns jetzt sofort helfen, wäre auch zu grobmotorisch. Denn ich muss die Lehrer ja erstmal finden, und ich muss auch schulkonkrete Bedarfe ermitteln.

In den Großstädten gibt es genügend Bewerber. Wie aber wollen Sie Anreize schaffen, um mehr junge Lehrer aufs Land zu holen?

Da sind wir in Gesprächen mit den Kommunen, etwa in Osterburg. Vorstellbar wäre, Pakete für Bewerber zu schnüren: Wenn jetzt ein Lehrer ankommt, dann kommt der Bürgermeister, zeigt ihm Schule, Wohnung und Kindergarten. Und die Frau bekommt auch einen Job angeboten. Damit könnten die Anreize, in ländliche Regionen zu gehen, steigen. Für Lehrer gibt es hier die gleichen Probleme wie beispielsweise bei Ärzten. Wir nehmen aber auch wahr, dass die Referendare selbstbewusst geworden sind und wissen: Ich bin eine rare Ressource. Da gibt es Forderungen bis hin zum Dienstwagen. Anspruchsdenken ist also auf beiden Seiten da.

Die Uni Halle hat die Ausbildungskapazität für das Lehramt im vorigen Jahr von 550 auf 700 Plätze im ersten Semester aufgestockt. Eine einmalige Aktion?

Wir führen gemeinsam mit dem zuständigen Wissenschaftsministerium Gespräche darüber, das zu verstetigen. Fakt ist: Wenn ich heute die Kapazitäten der Lehrerausbildung erhöhe, bringt mir das erst mittelfristig neue Bewerber. Da müssen wir aufpassen, dass wir keine Fehlanreize setzen.

Die Uni Magdeburg will wieder Physik- und Mathe-Lehrer ausbilden. Der Wissenschaftsminister ist nicht begeistert – und Sie?

Wir brauchen gute Lehramtsstudenten, woher diese kommen, organisiert das Wissenschaftsministerium. Ich denke, wir werden uns da einigen. In Mathe und Physik haben wir einen erhöhten Bedarf.

Sachsen-Anhalt befindet sich im Konkurrenzkampf mit anderen Ländern um junge Lehrer. Wo sollen Bewerber für künftige Stellenausschreibungen herkommen?

Ich glaube nicht, dass wir Attraktivitäts-Probleme haben. Die Mischung aus Verbeamtung, attraktiven Angeboten und Konditionen sowie einem schönen Land lässt mich doch ziemlich optimistisch sein, dass wir genügend Bewerber finden. Ich bin aber nicht blauäugig, wir dürfen nicht in der Amtsstube sitzen, sondern müssen mit Öffentlichkeitsarbeit aktiv auf die Leute zugehen.