Magdeburg l Die Abwanderung aus dem Osten in den Westen Deutschlands ist so niedrig wie nie, vermeldete das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. Fazit der Forscher: „Der Osten ist attraktiv geworden.“ Doch ganz so rosig ist die Lage nicht überall – wenn man sich etwa Sachsen-Anhalt anschaut. Zwar packen auch hier nicht mehr so viele die Koffer wie einst: Dennoch ziehen jedes Jahr immer noch Tausende Menschen mehr von hier weg als Zuzügler aus den anderen Teilen Deutschlands zu uns kommen. (Betrachtet wird nur die deutsche Binnen-Wanderung, nicht die Zuwanderung aus dem Ausland.)

So verlor Sachsen-Anhalt voriges Jahr 5400 seiner Bewohner an die anderen Bundesländer. Das ist bitter. Auch für die Kasse. Denn beim Länderfinanzausgleich verliert das Land mit jedem Einwohner 3000 Euro: Allein durch die Abwanderung also 15 Millionen Euro. Hinzu kommen kräftige Verluste durch das Geburtendefizit.

Abwanderung ist aber kein flächendeckendes Ostproblem mehr. Sachsen gewinnt seit einigen Jahren. Nicht nur Ostdeutsche, sondern vermehrt auch Westdeutsche zieht es dorthin. Im vorigen Jahr verbuchte Sachsen einen Wanderungsgewinn von 5600 Menschen. Sachsens Plus ist in etwa so groß wie Sachsen-Anhalts Minus.

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Lieber nach Leipzig als nach München

Hießen die großen Ziele früher Bayern und Niedersachsen, so zieht es Sachsen-Anhalter mittlerweile vor allem nach Sachsen. Voriges Jahr verlor Sachsen-Anhalt gut 2000 Menschen an den südöstlichen Nachbarn. Damit war Sachsen zweimal beliebter als das VW-Land Niedersachsen.

Der große Magnet heißt Leipzig. Etwa 4000 Sachsen-Anhalter ziehen in die Messestadt – nur etwa 2000 kommen von dort zu uns. So ist das seit einigen Jahren. BMW, Porsche, die Uni – die Messestadt lockt auch Zuwanderer aus anderen Gegenden Deutschlands. Allein dadurch wächst die Leipzig um 6000 Einwohner im Jahr. Dresden und Chemnitz sind da weit abgeschlagen. Die Leipziger Universität zählt jedes Jahr gut 600 Erstsemester aus Sachsen-Anhalt. Offenbar bleiben etliche nach dem Studium in der Stadt. Auch die großen Autobauer locken. BMW beschäftigt in seinem Leipziger Werk unter den 4700 Mitarbeitern auch viele aus dem Nachbarland – allerdings führt der Autobauer keine Umzugsstatistiken.

„Die Großstadt hat einen Hype – vor allem unter jungen Menschen“, sagt Wilfried Köhler, Demografie-Fachmann im Ministerium für Verkehr und Landesentwicklung. Nur: Leipzig ist nicht die einzige große Stadt weit und breit. Im Süden Sachsen-Anhalts liegt Halle mit seiner Uni. Außerdem bietet die Chemieregion Arbeitsplätze. Doch Halle entfaltet längst nicht den Sog wie Leipzig. „Leipzig ist doppelt so groß, die Stadt bietet mit ihren vielen Gründerzeithäusern und Passagen einen besonderen Flair und einen attraktiven Wohnungsmarkt“, erklärt Köhler. „Halle leidet etwas darunter, so nah an dieser besonders zugkräftigen Stadt Leipzig zu liegen.“

Halle, aber auch Magdeburg profitieren hingegen nicht von anderen Bundesländern: In der Landeshauptstadt halten sich Zu- und Wegzügler aus ferneren Gegenden die Waage, Halle verzeichnet sogar ein Minus. Beide Städte ziehen ihre Zuwächse allein aus dem Umland, da im Jahr 500 bis 600 Dörfler in die Stadt ziehen.

Doch der Großstadt-Status allein ist noch kein Wachstumsgarant. Beispiel Berlin. Die Haupstadt gilt als hipp, verlor aber allein 2015 gut 12 000 Menschen an Brandenburg. Nicht wenige arbeiten zwar in Berlin, wohnen aber lieber in Potsdam und Umgebung.

Die Lohnlücke immer noch groß

Die Zeit der großen West-Abwanderung ist offensichtich vorbei. Knapp 2800 Einwohner verlor Sachsen-Anhalt 2015 noch an die westlichen Bundesländer. Noch 2012 war die Einbuße doppelt so hoch. Und Ende der 90er Jahre verlor Sachsen-Anhalt jedes Jahr mit 20 000 Menschen gar eine mittelgroße Stadt an den Westen. Wenn es Richtung Westen geht, dann meist ins niedersächsiche Braunschweig und Umgebung mit seinen VW-Werken. Natürlich spielen Verdienstaussichten weiter eine Rolle. Und da bieten andere Regionen immer noch mehr. Sachsen-Anhalts Bruttolöhne nähern sich nur in Trippelschritten dem deutschen Mittel an: Vor 15 Jahren lagen sie bei 74 Prozent – jetzt sind es 81 Prozent.

In Niedersachsen rangiert das Lohnniveau bei 93 Prozent – aber im Landesmittel; da ist das schwächere Emsland auch dabei, natürlich liegen sie in den VW-Hochburgen deutlich höher. In Süddeutschland liegt das durchschnittliche Lohnniveau sogar stolze 30 Prozent über dem in Sachsen-Anhalt.

Allerdings gibt es Anzeichen eine Trendwende: Der Anteil der Mitarbeiter, die einen Tariflohn erhalten, ist in den vergangenen drei Jahren von 48 auf 53 Prozent geklettert, stellte das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung fest. Wegen des zunehmenden Fachkräftemangels sind Firmenchefs bereit, mehr zu zahlen, um Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten. Die Gewerkschaften sind hoffnungsfroh. „Man hat erkannt, dass Tarifverträge Arbeitsplätze attraktiver machen“, sagt DGB-Landeschefin Susanne Wiedemeyer. Und Firmen, die sich den vollen Satz noch nicht leisten können, bieten die Gewerkschaften Stufenverträge an, damit der Lohn sich schrittweise aber sicher dem Tarif nähert.

Die Arbeitslosenquote liegt hier zwar immer noch fast doppelt so hoch wie im Westen, sie ist aber von einst 20 auf zuletzt unter 10 Prozent gesunken; die Nachfrage nach Personal steigt. Doch es gibt auch noch tiefe Schatten. Sachsen-Anhalts Wirtschaft schrumpfte 2013 und 2014. Ein Miniwachstum von 0,1 Prozent gab es 2015. Im Land herrscht Gründermüdigkeit. Die Zahl der Gewerbeanmeldungen sinkt. Vor zehn Jahren gab es noch 80 Anmeldungen (auf 10 000 Einwohner), jetzt sind es 54. In Sachsen sind es 73, das deutsche Mittel liegt bei 87.

Das Land hat daher zu wenige Betriebe. In Sachsen-Anhalt kommen 386 Firmen auf 100 000 Menschen. In Sachsen sind es 463, in Bayern 545 – das deutsche Mittel liegt bei 475.

Wirtschaft wirkt müde und schwach

Heimische Firmen fremdeln mit internationalen Märkten. Nicht mal ein Drittel der Umsätze werden mit dem Ausland gemacht. Die Exportquote stieg zwar leicht, liegt aber 10 Prozentpunkte hinter der sächsischen und 20 Punkte hinter der gesamtdeutschen.

Sachsen-Anhalt leidet darunter, dass Unternehmen entweder gar nicht forschen oder ihre Entwicklungsabteilungen (mit den hoch dotierten Arbeitsplätzen) im Westen lassen. Umgerechnet auf die Beschäftigten werden in Sachsen-Anhalt knapp 300 Euro für die betriebliche Forschung ausgegeben, in Sachsen sind es immerhin 780 Euro – im gesamtdeutschen Schnitt liegt die Messlatte bei 1800 Euro.

Niedrig ist daher die Innovationskraft in Sachsen-Anhalt. Auf 100 000 Einwohner kommen 9 Patentanmeldungen im Jahr. In Sachsen sind es 22, in Baden-Württemberg 132. Das deutsche Mittel liegt bei 52.

Wirtschaftsexperten wie Professor Oliver Holtemöller vom IWH (Halle) sehen nur einen Ausweg: Das Land muss mehr in Bildung, Forschung und Innovation investieren. „Das ist langfristig der einzige Wachstumstreiber.“ Es wäre völlig unsinnig, darauf zu bauen, dass die alteingesessenen Industrien vom Westen in den Osten umziehen. „Das wird nicht passieren.“

Auf Flüchtlinge zu setzen ist aus Sicht des Experten ebenfalls keine sichere Strategie. Zumal bei ihnen die humanitäre Hilfe im Vordergrund steht und die Integration in den Arbeitsmarkt viele Jahre dauert. „Das Land braucht eine vernünftige Einwanderungspolitik.“ Es geht um Ingenieure, Facharbeiter, Pflege. Doch dafür ist Gastfreundlichkeit wichtig. „Gewalt oder Aversionen gegen Flüchtlinge schrecken auch Hochqualifizierte ab.“