Halle l Jeden Morgen überqueren 141.300 Sachsen-Anhalter auf dem Weg zur Arbeit eine Landesgrenze. Das sind 3300 mehr als im Jahr 2014 und etwa genauso viel wie 2008, berichtete die Bundesagentur für Arbeit (BA) in Halle an diesem Montag. Hauptziel ist wie in den Jahren davor Niedersachsen, es folgen Sachsen, Thüringen und Brandenburg.

Sachsen-Anhalt bleibt damit ein Pendlerland, 18 Prozent der rund 776.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten setzen sich ins Auto oder fahren weite Strecken mit Bus und Bahn. Immerhin ist aber auch die Zahl der Einpendler gestiegen, für 2015 hat die Bundesagentur 60.400 registriert, 500 mehr als im Vorjahr.

Einpendlerzahlen steigen

BA-Regionalchef Kay Senius führt als Ursache für steigende Pendlerzahlen an, dass die Verkehrsinfrastruktur inzwischen so gut ausgebaut sei, dass kürzere Reisewege das Arbeiten in einem anderen Land erleichtern würden. Hinzu komme die steigende Nachfrage nach Fachkräften in den wirtschaftlichen Ballungszentren. „Leipzig ist als Auto- und Logistikstandort das beste Beispiel“, so Senius.

Wirtschaftsminister Hartmut Möllring (CDU) freut sich vor allem über die gestiegenen Einpendlerzahlen: „Das zeigt, dass die Unternehmen im Land attraktive Jobs zu bieten haben.“ Mit Blick auf die Auspendler sagt er: „Dass die Nähe zu wirtschaftlichen Ballungsräumen wie Wolfsburg oder Leipzig genutzt wird, um gutes Geld zu verdienen, ist völlig normal.“

Deutlich kritischer schätzt die Opposition im Landtag den Pendlerzuwachs ein. „Viele gute Leute suchen sich noch immer lieber in anderen Ländern einen Job, auch weil sie dort besser bezahlt werden“, sagt Linken-Fraktionschef Wulf Gallert. In Sachsen-Anhalt müssten deutlich mehr attraktive Jobs geschaffen werden. Das fordert auch Grünen-Fraktionschefin Claudia Dalbert: „Die Auspendlerzahlen sind keine gute Nachricht fürs Land, zumal das Pendeln gerade für Familien eine enorme Belastung darstellt.“ Unzufrieden mit den hohen Werten ist allerdings auch SPD-Fraktionschefin Katrin Budde. „In Sachsen-Anhalt gibt es noch immer zu wenig Arbeitsplätze, vor allem industrielle Arbeitsplätze fehlen“, kritisiert sie. „Das Ziel muss es sein, in den nächsten Jahren eine neue Ansiedlungsoffensive zu starten und zugleich Fachkräfte an Sachsen-Anhalt zu binden.“ Pendeln belaste außerdem die Umwelt, die Gesundheit der Betroffenen und verhindere oder verzögere Familiengründungen.

Niedriger Monatslohn in Sachsen-Anhalt

Arbeitsminister Norbert Bischoff (SPD) sieht die Wirtschaft in der Pflicht: „Die Unternehmen haben es in der Hand, attraktive Rahmenbedingungen für Mitarbeiter zu schaffen.“ Gute Arbeit müsse auch gut bezahlt werden.

Mit Blick auf das starke Lohngefälle zwischen Ost- und Westbundesländern dürfte ein wesentlicher Grund zum Pendeln tatsächlich in der Bezahlung liegen, wie aus dem jüngsten IAB-Betriebspanel hervorgeht: 2014 lag der monatliche Durchschnittslohn in Sachsen-Anhalt bei 2360 Euro brutto. Im Westen lag er dagegen bei 3180 Euro. Da der Fachkräftemangel in den kommenden Jahren sowohl im Osten als auch im Westen zunehmen wird, dürften insbesondere finanzkräftige Westfirmen Fachkräfte weiter mit höheren Gehältern aus Sachsen-Anhalt weglocken.