Magdeburg l Jan ist heute ein tanzendes Dromedar. Schon als er in seinen leuchtend gelben Maleranzug steigt, muss er grinsen. Gleich sieht man das nicht mehr, weil er sich eine Pappmaske mit neongrünen Strichen vors Gesicht klemmt. Zum Schluss kommt das optische Bonbon: der Höcker. Ein ausgestopftes Stück Lammfell in Knallorange. Fertig. Ein Bild von einem Dromedar! Das Licht geht aus, orientalische Klänge ertönen und Jan leuchtet.

Im Neonlicht

Jan ist Teil des Magdeburger Schwarzlichttheaters „Farbenspiel“. Dabei treten die Darsteller im Zappendusteren auf. Nur, was weiß oder neonfarben ist, kann der Zuschauer sehen, mit Hilfe von Schwarzlichtlampen. Solche Gruppen sind an sich nicht selten. Diese Formation ist es aber schon: Alle acht Mitglieder haben ein geistiges oder psychisches Handicap.

Jeder zwölfte Sachsen-Anhalter ist schwerbehindert, also zu mindestens 50 Prozent. Der Tag der Menschen mit Behinderung rückt Leute mit Handicap einmal im Jahr, am 3. Dezember, in den Fokus. Bei Angelika Wolters stehen solche Menschen jeden Montag im Mittelpunkt. Sie leitet das „Farbenspiel“. Wolters ist Ehrenamtlerin, ihr Geld verdient sie als Referentin beim Land. Die Laienschauspieler sind Beschäftigte aus Werkstätten der „Lebenshilfe“, Träger von Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Jan gehört seit sechs Monaten zum „Farbenspiel“. „Ich fühle mich so wohl, wenn ich mich in eine andere Rolle versetzen kann“, schwärmt der 24-Jährige beim rituellen Teekränzchen nach der Probe. Allein diesmal hat er auf der Bühne zweimal sein Outfit gewechselt. Einmal trug er weiße Handschuhe, einmal ein buntes Tütü. Auch andere gehen in den Verwandlungen auf: Peggy zum Beispiel übt für ihre Nummer als Bauchtänzerin jeden Sonntag zu Hause vor dem Spiegel, erzählt sie. Die Stücke des „Farbenspiels“ sind zwei- bis dreiminütige Nummern mit Musik und kurzen Sätzen vom Band. Wolters entwickelt sie mit den Schauspielern gemeinsam. Sie schlägt ein Thema vor und bringt Musik mit. Die anderen schnappen sich, worauf sie Lust haben – Hulareifen, Bänder, Seile. Dann wird drauflosprobiert. Fehlen noch spezielle Requisiten, bastelt die Gruppe sie meist selbst.

Viele Bühnen erobert

Für das Stück mit der Bauchtänzerin und dem Dromedar zum Beispiel entstand eine Schlangenmarionette. Das Material wird über eine Stiftung finanziert. In den anderthalb Jahren seit der Gründung hat das „Farbenspiel“ schon auf vielen Bühnen gestanden. Auch auf großen.

Erst im März begleitete die Gruppe im Magdeburger Moritzhof vor rund 250 Leuten eine Lesung von Sebastian Urbanski, Schauspieler und Autor mit Down-Syndrom. Nächste Woche geht‘s sogar ins Amo, zu einer Inklusions-Tanzshow.

Besonders bei den Auftritten merkt Angelika Wolters, was das Theater mit ihren Schützlingen macht, erklärt sie: „Sie öffnen sich immer mehr und werden selbstbewusster.“ Noch vor einem Jahr seien sie nur mit Masken auf die Bühne gegangen. „Heute zeigen sie gleich zu Beginn ihr Gesicht.“

Mehr Informationen zu „Farbenspiel“ im Internet unter der Adresse:

www.lebenshilfe-md.de