Magdeburg l Für Heinz Fiedler ist es ein Glücksfall, wenn sich nach Bränden verwertbare Spuren finden. „In der Asche ist selten etwas Brauchbares zu finden. Für uns beginnt eine echte Sisyphusarbeit“, sagt der Brandsachverständige im LKA. Vor allem bei Brandanschlägen durch Extremisten achten die oft eher rational handelnden Täter darauf, dass sie keine Spuren hinterlassen. Handlungsanweisungen gibt es auf einschlägigen Internetplattformen.

Insgesamt gab es in den vergangenen fünf Jahren 25 solcher Anschläge. Rechts- und linksextremistische Motive halten sich dabei die Waage.

Die schwersten vier Brandanschläge sind bis heute für das Landeskriminalamt eine unknackbare Nuss. Inzwischen sind sogar 60 000 Euro für Hinweise zu den Fällen Tröglitz, Brandanschlag auf Polizeifahrzeuge in einem Magdeburger Autohaus und der Bundeswehrkaserne Havelberg ausgelobt. Doch der entscheidende Tipp fehlt bisher.

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8. September, zwischen 2 und 3 Uhr am Magdeburger Hauptbahnhof: Unbekannte legen Feuer an 18 Fahrzeugen, sieben davon gehören der Bundespolizei, weitere der Deutschen Bahn oder sind Privatfahrzeuge. Noch während die Feuerwehr löscht, gehen weitere Autos in Flammen auf. Die Einsatzkräfte sehen aber niemand flüchten. Immer wieder knallt es sehr laut. Zeugen halten es zeitweise für Polenböller. Doch die Spurensicherung kommt später zu einem anderen Ergebnis. Es muss ein Brandbeschleuniger im Spiel gewesen sein. „Polenböller waren es jedenfalls nicht. Diese reichen einfach nicht aus, um die Fahrzeuge an den Radkästen in Brand zu setzen. Das waren vermutlich durch die Hitze platzende Reifen oder Airbags“, so LKA-Sprecher Andreas von Koß.

Allerdings kann auch nicht gesagt werden, welchen Brandbeschleuniger die Täter genutzt haben. Offenbar ist dieser rückstandslos verbrannt. „Unter dem Schaumteppich war einfach nichts zu holen“, sagt Brandexperte Heinz Fiedler. Was auch nichts Ungewöhnliches ist. Denn in der linksextremistischen Szene, das ist vor allem aus Berlin und Leipzig bekannt, werden immer häufiger brennbare Flüssigkeiten in Tüten für solche Brandanschläge verwendet. Sie hinterlassen kaum Spuren und brennen heiß genug, um die leichtentzündlichen Kunststoffteile in Brand zu setzen. Fiedler: „Nach nur wenigen Minuten entsteht so ein Vollbrand.“

Einen Tag nach dem Brand übernimmt eine „Autonome Gruppe“ in einem Bekennerschreiben die Verantwortung für den Anschlag. Doch die Ermittlungsgruppe „Spektrum“, bestehend aus Beamten des LKA, der Bundes- und Landespolizei, können die Urheber der Nachricht nicht ermitteln. Die linksextremistische Internet-Plattform lässt dies einfach nicht zu. Einen Zusammenhang zwischen einer am Tag nach dem Brand stattfindenden Polizeiparty in der Sternstraße und dem Anschlag finden die Beamten nicht. Auch zu einer am Polizeirevier nur wenige hundert Meter vom Tatort entfernt angezündeten Matratze mit dem Spruch „Oury Jalloh, das war Mord“ gab es keinen Hinweis auf einen Zusammenhang.

Die Kriminalisten gehen Zeugenhinweisen nach und werten die Aufzeichnungen von Überwachungskameras aus. Zwischenzeitlich zeichnet sich scheinbar ein erster Erfolg ab. Ein Zeugenhinweis bringt die Ermittler auf zwei junge Männer. Sie sollen für die Tat in Frage kommen. „Wir haben das überprüft und es hat sich als haltlos erwiesen“, so von Koß.

Ein weiterer Ansatzpunkt ist nun eine Videoaufzeichnung vom Hauptbahnhof. Darauf sind sechs potenzielle Zeugen zu sehen, die sich während der fraglichen Zeit in der Nähe des Tatortes aufhielten. „Wir warten nun auf einen richterlichen Beschluss, um eine Öffentlichkeitsfahndung starten zu können“, sagt von Koß. Für die Ermittler ist es ein letzter wichtiger Schritt, um den Brandanschlag doch noch klären zu können.

4. April 2015, Tröglitz zwischen 23.30 und 2 Uhr, geplante Asylbewerberunterkunft für 40 Flüchtlinge: Der Dachstuhl des leerstehenden sanierten Mehrfamilienhauses geht in Flammen auf. Unbekannte haben an mehreren Stellen Feuer gelegt. Wie die Ermittlungen später ergeben, haben die Täter mehrere Liter Kraftstoff in mindestens zwei Kanistern mit zum Tatort genommen und dort entzündet. Diese stellen die Ermittler später sicher und finden neben Fingerabdruckspuren auch DNA. „Das war eigentlich eine sehr gute Ausgangsbasis. So viele Spuren gibt es nach solchen Brandereignissen eigentlich selten“, sagt Andreas von Koß. Aus diesem Grund geben die Kriminalisten der 16-köpfigen Ermittlungsgruppe auch den Namen „Kanister“.

Insgesamt geht die Polizei 350 Hinweisen zu Personen oder bei der Fahndung veröffentlichten Gegenständen nach. Die Ermittler suchen 600 Haushalte in Tröglitz auf und vernehmen 250 Zeugen. Sechs Personen können namentlich bekannt gemacht werden, die mit dem Brand in Verbindung stehen könnten. Doch die Verdachtsmomente bestätigten sich nicht.

Unter ihnen war auch ein Verdächtiger, der in Untersuchungshaft kam. Doch für den Haftprüfungstermin reichen die vorgebrachten Beweise nicht aus, so dass er freigelassen wird. Es konnten am Ende sämtliche Tatvorwürfe gegen ihn ausgeräumt werden.

Das Gebäude steht in Tröglitz noch immer leer. Der Eigentümer kämpft seit nunmehr fast zwei Jahren um eine Schadensregulierung durch seine Gebäudeversicherung. Die Summe soll im mittleren sechsstelligen Bereich liegen. Doch die Versicherung stellte sich quer und zahlte bisher nur 60 Prozent. „Wir bereiten jetzt eine Klage vor“, sagt Manager Volker Bückmann der Volksstimme. Weil es bis 11. Juli vergangenen Jahres keine weiteren erfolgversprechenden Ermittlungsergebnisse mehr gibt, stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen mit der Begründung ein: Ein Täter wurde nicht gefunden. Sollte es allerdings neue Ansätze geben, wird das Verfahren wieder eröffnet. Die 20 000 Euro Belohnung auf Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen, bleiben bestehen.

27. Juli 2013, Bundeswehr-Kaserne in Havelberg um 2.09 Uhr: 16 Spezialfahrzeuge gehen in Flammen auf, vier weitere werden durch das Feuer stark beschädigt. Schnell steht fest, dass es sich um einen Brandanschlag handelt, der einen Schaden von rund fünf Millionen Euro verursacht hat.

Die Ermittler finden bei der Spurensicherung noch zwei blaue PET-Flaschen (Kunststoff) mit einem Brandbeschleuniger. Der Brandsatz, wie er in der linksextremistischen Szene oft verwendet wird, zündete nicht und konnte deshalb später auch nach Fingerabdrücken und DNA-Spuren untersucht werden. Zurückgelassen haben die Täter auch eine schwarz-rote Sporttasche. Zunächst untersuchen die Ermittler ein Auto im etwa 80 Kilometer entfernten Bundeswehrgegner-Camp „War starts here“. Zeugen hatten es mit dem Vorfall in Havelberg in Zusammenhang gebracht. Die Hinweise bestätigen sich aber nicht.

Eine Spur führt auch nach Berlin in die Rigaer Straße. Doch die Anhaltspunkte reichten für einen Durchsuchungsbeschluss nicht aus. Seither fehlen den Kriminalisten weitere Ermittlungsansätze. Es sind weiterhin 20 000 Euro für Hinweise ausgesetzt.

Autohaus City, Berliner Chaussee in Magdeburg, 23. Januar um 4.15 Uhr: 13 für die Auslieferung bestimmte Polizeifahrzeuge gehen in Flammen auf. Es entsteht eine halbe Million Euro Schaden. Bei der Spurensicherung stellt sich heraus: Die Unbekannten haben mit einem Brandbeschleuniger im Bereich der Radkästen das Feuer gelegt. Als der Wachschutz den Brand entdeckt, sind die Täter bereits über ein angrenzendes Feld geflüchtet. Nur fünf Tage zuvor hatten Unbekannte die Nebeneingangstür des Polizeireviers Dessau angesteckt und den Schriftzug „Oury Jalloh, das war Mord“ an die Fassade geschrieben. Sie warfen sogenannte Krähenfüße auf die Fahrbahn, die Reifen der Polizeifahrzeuge zerstören sollten. Weil ein Zusammenhang mit dem Brandanschlag in Magdeburg nicht ausgeschlossen werden kann, hat das Innenministerium für beide Fälle die Gesamtsumme von 20 000 Euro ausgesetzt. Vize-LKA-Chef Karl-Albert Grewe: „Trotz der umfangreichen Ermittlungen in jedem einzelnen Fall ist es nicht immer möglich so viele Beweise zu finden, dass es für eine Anklage ausreicht.“