Über den Preis

Der Aachener Friedenspreis wird seit 1988 jährlich zum Weltfriedenstag am 1. September verliehen, und zwar durch den gleichnamigen Verein.

Er geht an Personen und Gruppen, die von „unten her dazu beitragen, der Verständigung der Völker und der Menschen untereinander zu dienen sowie Feindbilder ab- und Vertrauen aufzubauen“, wie es der Verein sagt. Bestimmt werden die Preisträger von den Mitgliedern.

Der Verein hat heute rund 400 Mitglieder, der Großteil sind Einzelpersonen, der Rest Organisationen, darunter die Stadt Aachen.

Zweiter Preisträger 2016 sind die „WissenschaftlerInnen für den Frieden“ aus der Türkei – 1128 Akademiker verschiedener Universitäten, die gemeinsam einen Friedensappell an die türkische Regierung richteten: Sie fordern ein Ende des Militäreinsatzes in den kurdisch geprägten Gebieten und die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen.

Der Preis ist mit 1000 Euro dotiert.

Colbitz l Den unbeirrten Protest findet man heute zwischen Bäckerwagen und Heidelbeerstand. Es ist Sonntagnachmittag, der erste des Monats. Normalerweise läuft die Bürgerinitiative Offene Heide an diesem Tag immer ihren Friedensweg. Eine Art Spaziergang mit Plakaten, fünf, sechs Kilometer weit; danach gibt‘s ein bisschen Kultur. Diesmal wollte man auf dem Weg ein paar Pilze sammeln, zum Schluss sollte es auf ein Hoffest bei Colbitz gehen. Aber es schüttet. Da muss man ja nicht stundenlang durch den Wald turnen. Also sind die Aktivisten gleich beim Ziel aufgeschlagen. Ihren Protest praktizieren sie freilich trotzdem: In einem Zelt haben sie sorgsam Flyer und Aufsteller drapiert. Botschaft: gegen Krieg, für die Natur.

Das Zelt hat ein grünes Dach. Die Farbe der Hoffnung – na, das passt ja. Denn die Bürgerinitiative (BI), im Kern rund zwei Dutzend Leute, setzt sich seit 1993 für ein Ziel ein, das in immer weitere Ferne rückt. Sie möchte, dass die Colbitz-Letzlinger Heide militärfrei wird. Nachdem der Truppenübungsplatz erst von der Wehrmacht und dann von den Sowjets genutzt worden ist, trainiert dort seit 1994 die Bundeswehr. Nato-Soldaten bereiten sich im Gefechtsübungszentrum Heer auf Auslandseinsätze vor. Derzeit wird es in riesiger Dimension aufgerüstet: Es entsteht Schnöggersburg, die größte militärische Übungsstadt Europas. Sechs Quadratkilometer groß, 520 Häuser, mit Schule, Friedhof, U-Bahnstation.

Sieht also nicht so aus, als würde die Bundeswehr bald ihre Sachen packen. Was sind das für Menschen, die trotzdem Monat für Monat mit bunten Plakaten gegen Windmühlen kämpfen? „Das sind Leute, die sich mit dem auseinandersetzen, was sie umgibt“, so lautet der Prolog von Edgar Kürschner. Der 56-Jährige gehört zu den Urgesteinen der BI, ein redefreudiger Sozialpädagoge mit grauem Haar und mutig gemustertem Hemd. Seine folgende Ausführung handelt von einigen Gemeinsamkeiten und vielen unterschiedlichen Motiven.

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Gemein ist den meisten die Altersklasse Ü 50. Nur bei Großveranstaltungen – dem Ostermarsch etwa, der bis zu 300 Leute aus Sachsen-Anhalt und Umgebung anzieht, oder dem jährlichen Antikriegscamp – mischt auch jede Menge Jungvolk mit. Für die Vorbereitungstreffen, glauben Kürschner und die anderen, hat die Jugend keine Zeit. Außerdem ist sie nicht so einfach zu erreichen, wenn Facebook und Co. für einen Böhmische Dörfer sind. Zu den Gemeinsamkeiten gehört auch, dass sich der Großteil nicht nur für die BI engagiert. Manche sind im Naturschutzverein, andere in der Kirche, einer sitzt für die Linke im Gemeinderat. Da wären wir auch schon bei den unterschiedlichen Motoren, die diese Menschen antreiben.

Naturfreund trifft Politikfan

Für einige steht die Natur im Vordergrund. So wie für Bernd Luge – Ingenieur in Rente, Hobby-Fotograf, Mitglied im Nabu. „In dem Gebiet bleibt kaum etwas von der Natur übrig“, schimpft er. Und er sorgt sich um die Trinkwasserqualität in der Colbitz-Letzlinger Heide – ihretwegen machen in der BI auch Menschen aus dem Umland mit. Als Hauptproblem sehen die Aktivisten das Schwermetall, etwa in Patronenhülsen. Tatsächlich hat das Bundesamt für Geologie und Rohstoffe in den vergangenen Jahren Verschmutzungen gemessen. Allerdings führt es das insbesondere auch auf die frühere Nutzung zurück. Laut Bundeswehr wird heute zwar noch mit Munition geschossen, jedoch nur sehr selten, meist nutzt man Lasertechnik.

Ein anderer Teil sind die Heimatfreunde. Sie würden in dem Waldstück gern spazierengehen, so wie sie es aus Opas Erzählungen kennen. Die Wirtschaft, meinen sie, kann ja trotzdem profitieren: durch Pensionen für Wanderer und Reiter. Dann wären da die Christen, die auf das fünfte Gebot verweisen – du sollst nicht töten. Wird hier doch der Umgang mit der Waffe trainiert. Und schließlich engagieren sich jene, die eine Politik mit Krieg und Waffengewalt ablehnen, weil die, sagen sie, nur mehr Elend auslöst.

Einem Teil der BI ist der Spaziergang nicht genug. So kommt es immer mal wieder vor, dass sich, fernab der Friedenswege, drei, vier Leute auf das Militärgelände schleichen. Vorzugsweise im Morgengrauen; je nach Ziel laufen sie kilometerweit. Demoliert wird nicht. Manchmal sind es auch große Gruppen, 20 oder 30 Personen. „Dann gehört aber der Großteil nicht zu uns“, stellt die Truppe klar. Aha, wozu denn dann? „Es sind Gäste. Jemand von uns gibt ihnen quasi eine Führung.“ Friedensaktivisten aus Leipzig, Architekturstudenten aus der Schweiz, Pilger aus den USA.

Es geht also um Aufklärung. Aber nicht nur. „Natürlich spielt auch ziviler Ungehorsam eine Rolle. Wir wollen zeigen, dass hier Unrecht geschieht, deshalb halten wir uns nicht an die Begrenzung“, sagt Helmut Adolf, noch so ein Urgestein. Alle paar Monate wird jemand festgesetzt. Dann gibt‘s einen Bußgeldbescheid – gegen den man stets Widerspruch einlegt. Manchmal geht es vor Gericht, die Aktivisten finden das gut: „Dort haben wir ein Podium, um unsere Beweggründe zu erklären.“ Die Reden landen später im Internet.

Für Bußgelder wird zusammengelegt

Gezahlt werden muss meist trotzdem. Ab 100 Euro ist man dabei. „Bei mir waren‘s auch schon mal 400 oder 500“, sagt Adolf mit einer Seelenruhe. Als Eisenbahnmitarbeiter schüttelt er die vermutlich nicht aus dem Ärmel. Aber er findet halt, das ist es wert. „Außerdem wird meist zusammengelegt.“

Die Bundeswehr hat für diese Art des Protests kein Verständnis. „Öffentliche Diskussion gehört zur Demokratie. Aber es müssen die demokratischen Spielregeln eingehalten werden, und die sind mit dem Betreten des Geländes verletzt“, sagt Oberstleutnant Thomas Poloczek.

Der Verein Aachener Friedenspreis hingegen schätzt diese Aktionen, hebt sie in ihrer Begründung für die Vergabe an die Offene Heide neben deren Beharrlichkeit besonders hervor. Mit dem Preis gab es 1000 Euro. Für die nächsten Bußgelder? „Nein, nein“, stellt Adolf gelassen klar. „Wir nehmen das Geld zum Beispiel für Plakate und Flyer.“ Fördermittel bekommt die BI nicht. Spenden von Firmen gebe es kaum, sagt Adolf. Haupteinnahmequelle sei der Klingelbeutel, der beim Friedensweg umgeht.

Jeden Monat. Bei aller Motivation: Ist es nicht frustrierend, sich zig Jahre lang jeden vierten Sonntag ein Plakat zu schnappen, wenn die Erfolgsaussichten so mickrig sind? „Ich finde sie nicht klein“, sagt Adolf. „1988 hätte ja auch kaum jemand daran geglaubt, dass wir zwei Jahre später Westgeld haben würden. Und außerdem: Wenn wir nicht weitermachen, wer denn dann?“

Es gibt da aber noch einen ganz anderen Grund. Einen, den man gut nachvollziehen kann, wenn man mit diesem bunten Haufen zweieinhalb Stunden lang auf einer Bierbank gesessen hat. Beobachtet hat, wie sie sich gegenseitig zuhören, manchmal kurz zackern und dann doch wieder einander ergänzen. Kürschner bringt es in seinem Epilog auf den Punkt: „Wir sind eine Familie.“