Halle l David Nowak raucht viel. Er dreht seine Zigaretten selbst am großen Tisch in der Studenten-WG in Halle. Seine nervösen Finger zupfen den Tabak für die nächste Zigarette zurecht, kaum hat er die alte aufgeraucht. „Eigentlich hatte ich mir das Rauchen schon abgewöhnt“, erzählt er. Am 24. März gegen 11 Uhr hat er wieder angefangen.

Noch eine Stunde vorher war der Pädagogik-Student draußen in der Altstadt unterwegs. Die ersten Meldungen über einen Flugzeugabsturz hat er nur beiläufig registriert. Zurück in der Wohnung, verglich David dann doch mal die Flugnummern. Am Nachmittag sollte er seine Freundin vom Flughafen Halle/Leipzig abholen. Die Flugnummer hatte sie ihm noch vor dem Start gemailt.

Immer und immer wieder schaut er auf die Nummer. Im Internet, in der Mail. Dann blitzt der Gedanke auf: Juliane ist tot. „Es war, als hätte jemand die Pause-Taste gedrückt. Alles stand still. Kein Lärm mehr, kein Gedanke, nur so ein weißes Grundrauschen“, erinnert er sich.

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Eine Minute ging er in der Wohnung auf und ab. Sein erster klarer Gedanke: Wo sind die Zigaretten? Der zweite Gedanke: „Ich muss sofort zu ihrer Mutter. Sie soll es nicht beiläufig über die Medien erfahren.“ Jana, die Mutter, arbeitet als Helferin in einer Arztpraxis. Es blieb David vorbehalten, ihr die schreckliche Nachricht persönlich am Arbeitsplatz zu überbringen.

Weltweite Erschütterung

Der Absturz des Germanwings-Fluges 4U9525 am 24. März hat weltweit für Erschütterung gesorgt. Denn er wurde herbeigeführt von einem psychisch kranken Copiloten, der in Selbstmordabsicht die Maschine in den französischen Alpen zerschellen ließ und 149 Menschen mit in den Tod gerissen hat.

Auch Juliane Noack. Sie war auf dem Rückflug aus Valencia in Spanien. Mehr noch: Sie kehrte zurück, um ein neues Leben zu beginnen. Schwanger im dritten Monat. „Sie hatte immer gesagt, wenn ich mal schwanger werde, will ich ans Meer“, erinnert sich David. Zwei Jahre waren sie zusammen. Im Herbst wollte das Paar mit dem Kind die erste gemeinsame Wohnung in Leipzig beziehen.

Denn drei Jahre nach ihrem Studium begann die 30-Jährige als freiberufliche Künstlerin in Leipzig langsam Fuß zu fassen. Mit anderen Künstlern teilte sie sich dort ein Atelier. David: „Sie hatte einen großen Freundeskreis in Leipzig, Halle, München und Berlin.“ Im Spätsommer war in der Hauptstadt ihre erste Einzelausstellung geplant. Galeristin Katrin Eitner: „Ihre Reise nach Valencia diente vor allem auch der Inspiration. Viele Schmuckstücke wollte sie extra für diese Schau fertigen.“ Die Berlinerin war durch eine Ausstellung in der Hallenser Kunsthochschule Burg Giebichenstein auf Juliane Noack aufmerksam geworden. Dort hatte sie 2012 ihr Studium abgeschlossen. Nun bleiben viele ihrer Arbeiten unvollendet.

Kleine Plastiken hat sie gefertigt, oftmals aus Porzellan in Verbindung mit Metallen. So entstand ein Flaschen-Korken mit Nutria-Kopf und ein imposanter blauer Rochen-Fisch aus emailliertem Kupferblech. Besonders gern fertigte Juliane aber großen Schmuck an, Metallarbeiten aus Kupfer, Silber und auch Aluminium.

Hummer als Schulterschmuck

„Ihr Thema war die Tier-Metaphorik“, erzählt David Nowak. Ein Hummer als Schulterschmuck, ein Panther als Armreif, ein großer, kupferner Hasenkopf als Ring. „Die Interaktion zwischen diesen großen Schmuck-Plastiken und ihren Trägern fand sie spannend. Die Art, wie ein solcher Schmuck das Selbstwertgefühl eines Menschen verändern kann, hat ihr sehr gefallen.“

Etwas von diesem Werk soll fortbestehen, dachten sich die Eltern, Frank und Jana Noack. Gemeinsam mit David und vielen Freunden von Juliane soll eine Stiftung gegründet werden, die zum Ziel hat, junge Künstler auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit zu begleiten. Möglich wären Stipendien, Projekt-Förderungen und die Finanzierung von Ausstellungen.

„Als Grundkapital für die Stiftung soll das Schmerzensgeld dienen, das nach einer Einigung zwischen der Lufthansa und den Hinterbliebenen gezahlt werden wird“, erzählt David. Wann dieses Geld tatsächlich zur Verfügung steht, sei noch unklar. Außerdem habe die Lufthansa die Einrichtung eines Hilfsfonds angekündigt, aus dem Projekte gefördert werden, die den Opfern nahestanden. „Um die Vorbereitung der Stiftungsarbeit vernünftig zu organisieren, haben wir vor zwei Wochen auch einen Förderverein gegründet“, erzählt David Nowak. Neun Mitglieder gibt es bereits. Dieser Verein will nun bei Unternehmen und Privatleuten um Spenden bitten.

David ist Vorstand dieses Fördervereines. Sein Pädagogik-Studium in den Fächern Geschichte und katholische Religion hat er in den vergangenen Monaten ruhen lassen. Erst langsam findet der 26-Jährige wieder in die Normalität zurück.

Was ihm auch immer die Zukunft bringen wird: Die zwei Jahre mit „Jule“ trägt er im Herzen mit sich sein ganzes Leben lang. Vom ersten Tag, als er sie in der Rolle als ehrenamtliche Barkeeperin bei einem Künstler-Treffen im Vogtland kennen lernte, bis zum letzten Tag, am 24. März, 11 Uhr, als er ihre Flugnummer in den Händen hielt.

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