Magdeburg l Die Wirtschaftsauskunftei Bürgel hat im vergangenen Jahr 3,3 Millionen Unternehmen in Deutschland hinsichtlich ihrer Finanzlage analysiert. Sie prüfte unter anderem Bilanzen, Gewinn- und Verlustrechnungen sowie Mitarbeiter- und Umsatzzahlen. Die Auskunftei ist dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass der Anteil der Betriebe mit erheblichen Zahlungsschwierigkeiten binnen eines Jahres um 2,3 Prozentpunkte auf 8,8 Prozent gestiegen ist.

Die Insolvenzrisiken sind laut der Untersuchung regional unterschiedlich verteilt. Bundesweit am höchsten ist der Anteil von Unternehmen in finanzieller Schieflage in Sachsen-Anhalt, er beträgt 12,8 Prozent. Aber auch in anderen Ostbundesländern gibt es vergleichsweise viele Firmen, die mit Schwierigkeiten kämpfen. In Sachsen beträgt der Anteil 12,1 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern 10,6 Prozent. Dagegen droht Betrieben in Bayern selten die Insolvenz, hier beträgt der Anteil nur 6,6 Prozent.

Hoher Konkurrenzdruck

„Nach Jahren mit sehr wenigen Firmenpleiten spricht vieles dafür, dass die Zahl der Insolvenzen wieder steigt“, erklärt der Hallesche Sanierungsexperte Lucas Flöther. In den vergangenen Jahren hat er unter anderem die Insolvenzverfahren bei den Mitteldeutschen Fahrradwerken (Mifa) in Sangerhausen, bei Vakoma in Magdeburg und bei Technoguss in Tangerhütte geführt.

„Es gibt eine Reihe von Betrieben, die ihre finanziellen Probleme wegen der niedrigen Kreditzinsen lange vor sich herschieben konnten“, erklärt Flöther, „irgendwann werden sie davon jedoch eingeholt.“ Mit Pleiten rechnet er vor allem in der Lebensmittel-Branche und im Automobil-Sektor. „Bäcker und Fleischer stehen unter massivem Konkurrenzdruck durch die Handelsketten und Discounter“, erklärt Flöther. Im Automobilbereich könnten die Zulieferer von Volkswagen die Folgen des Abgas-Skandals zu spüren bekommen. „Sollte sich VW gezwungen sehen, stärker zu sparen, dann wird der Konzern auch den Preisdruck auf seine Zulieferer erhöhen.“

Kleinteilige Strukturen

Dass das Insolvenzrisiko in Sachsen-Anhalt am höchsten ist, liegt Flöther zufolge an den kleinteiligen Wirtschaftsstrukturen. „In Sachsen-Anhalt und auch in anderen ostdeutschen Ländern haben sich bislang vorwiegend kleine und mittelgroße Unternehmen angesiedelt, denen es häufig an ausreichendem Eigenkapital fehlt. Das ist im Westen anders.“ Große Firmen seien eher in der Lage, Durststrecken zu überstehen.

Das Wirtschaftsministerium in Sachsen-Anhalt rät trotz der Bürgel-Einschätzung zur Gelassenheit. „Ein hohes Zahlungsausfallrisiko ist nicht gleichbedeutend mit mehr Insolvenzen“, erklärt eine Sprecherin. Eine Insolvenz bedeute zudem nicht automatisch das Ende des Unternehmens. Durch Sanierung und Umstrukturierungen würden viele Firmen wieder wettbewerbsfähig gemacht und viele Arbeitsplätze gerettet.

2013 meldeten 708 Firmen in Sachsen-Anhalt Insolvenz an, 2014 waren es 573 und bis September 2015 (so weit liegen die Zahlen vor) 422 Unternehmen.