Marleen Gaida: Warum verwenden Sie Bilder von Hedwig von Beverfoerde? Warum werden ihr auf dem Papier die Augen ausgestochen? Wofür steht diese symbolische Handlung?

Falk Richter: Hedwig von Beverfoerde arbeitet sehr eng mit rechtsnationalen, völkischen Bewegungen zusammen und macht Stimmung gegen gesellschaftliche Minderheiten - vor allem gegen Homosexuelle, dafür wurde sie unlängst von einer Menschenrechtsorganisation zur „Miss Homophobias 2015" gekürt. Bei ihrer „Demo für alle" hetzen sie und andere radikale christliche Fundamentalisten gegen eine offene, vielfältige Gesellschaft, dabei verbreiten sie Verschwörungstheorien, dass z.B. aufgrund einer behaupteten „Homosexualisierung" der Gesellschaft, das „deutsche Volk" ausstürbe und das „gesamte Wertesystem zerstört werden würde". Auf ihren ziemlich geschmacklosen Demos werden Therapien für Homosexuelle gefordert, damit diese von ihrer „Krankheit" geheilt werden können.

Da sie sich immer wieder lautstark mit extremen Angriffen gegen gesellschaftliche Minderheiten in die Öffentlichkeit drängt und in Talkshows homosexuelle Paare beleidigt, kommt sie in meinem Stück, das sich mit den neuen rechtsnationalen und christlich fundamentalistischen Bewegungen, die ganz bewusst Angst und Hass in der Gesellschaft schüren, auseinandersetzt vor. Frau von Beverfoerde werden nicht, wie Sie in Ihrer Frage suggerieren, die Augen ausgestochen - auch ihren Fotos nicht - das hat das Gericht gestern in der Verhandlung festgestellt.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, Bilder von Beatrix von Storch und von Hedwig von Beverfoerde im selben Atemzug mit einem Bild von Anders Breivik, Zschäpe und anderen Verbrechern zu zeigen?

Das habe ich so nicht getan. Auch das wurde gestern so vor Gericht festgestellt. Stattdessen verhält es sich folgendermaßen: Es gibt eine Szene in meinem Stück, in der eine Gruppe junger Berliner alles was sie zum Thema „neue Rechte" und „christliche Fundamentalisten" finden können, auf Youtube und Google, zusammentragen - diese Internetrecherche wird auf Video-Leinwänden und über ausgedruckte Schwarz-Weiß-Prints künstlerisch auf der Bühne visualisiert. Dort finden sie dann Vertreter aller wichtigen europäischen rechtsnationalen und christlich fundamentalistischen Gruppierungen. Frau von Beverfoerde ist dort als Organisatorin der „Demo für alle" abgebildet.

Hat Theater die Macht, solche Agressionen bei Menschen auszulösen, dass sie zu Vandalimus- oder Gewalttaten fähig werden? Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen ihrem Stück und den Brandanschlägen auf das AfD-Büro und von Beverfoerdes Auto?

Nein, diese Macht hat das Theater nicht. Auch diese Unterstellung, es hätte irgend einen Zusammenhang gegeben mit den mutmaßlich in Brand gesetzten Autos der Damen und meiner Inszenierung ist Teil einer Kampagne, die die AfD und die "Demo für alle" seit der Premiere meines Stückes gegen mich und das Theater gestartet haben.

Die AfD und Frau von Beverfoerde verbreiten sehr bewusst Unwahrheiten über meine Inszenierung, um mich und meine künstlerische Arbeit zu diskreditieren. Sie werden zurecht in meinem Stück kritisiert. Ihre politische Arbeit ist meiner Meinung nach von einer tiefen Verachtung gegenüber gesellschaftlichen Randgruppen geprägt und gefährdet momentan den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland. Es ist Teil ihrer Strategie, sich als Opfer präsentieren zu wollen. Sie sind aber Täterinnen.

Im Zuge des Klimas das in Deutschland von AfD, Pegida, Demo für alle und ähnlichen Gruppierungen geschaffen wurde, kam es zu mehr als 700 Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte, Attacken auf Journalisten und Bürgermeisterkandidaten. Drohmails bis hin zu Morddrohungen, wie ich sie auch aus dem Umkreis von Frau Beverfoerde und Frau von Storch erhalten habe und wie sie auch Theaterkollegen von mir zur Zeit in Dresden aus dem selben Spektrum erhalten, sind mittlerweile an der Tagesordnung.

Ich stehe für ein offenes, vielfältiges Deutschland und ich lasse mich von Frau Beverfoerde und von Frau von Storch in meiner Arbeit als Künstler, der einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs schafft, nicht einschüchtern. Ich bin sehr froh, dass sich das Gericht auf meine Seite gestellt hat.