Dorfladen-Netzwerk

In Deutschland gibt es rund 200 Dorfläden. Die meisten entstanden als Reaktion auf die Schließung des letzten Geschäftes im Ort. Bürger schließen sich für die Gründung zu einer Organisation zusammen, jeder kann dabei Anteile erwerben. Viele Betreiber sind Mitglied im Dorfladen-Netzwerk. Dort ist auch Hilfe zur Gründung erhältlich. Erreichbar ist das Bündnis unter: www.dorfladen-netzwerk.de

Deersheim l Die Überraschung wartet hinter einer Kurve. Auf den ersten Blick wirkt Deersheim verschlafen, wie viele andere Dörfer im Land: Ein paar Häuschen, die sich in die sanften Hügel der Vorharzlandschaft schmiegen. Kaum ein Mensch auf der Straße, in der Ferne kräht ein Hahn. Dann aber taucht der alte Gutshof im Zentrum auf. Ein Parkplatz voller Autos, weiße Fahnen flattern im Wind: „Dorfladen“ steht darauf geschrieben. Ein wuchtiger Holzrahmen weist auf den Eingang hin.

Wer hineingeht, wähnt sich in einem ganz anderen Ort. Im Bürger-Dorfladen von Deersheim herrscht Hochbetrieb. Leute kaufen Brötchen, Zeitung, Lebensmittel. Die Kasse klingelt, es riecht nach Kaffee, Besucher unterhalten sich. Einer von ihnen ist Erich Zartani. Der ältere Mann mit grüner Mütze ist mit dem Fahrrad gekommen. „Meine Frau liebt die Bockwürstchen von unserem Fleischer“, erzählt er. Wie viele Deersheimer ist er fast jeden Tag hier. „Der Konsum ist eine prima Sache“, sagt Zartani.

Tatsächlich ist dieser Dorfladen weitaus mehr ein Konsum. Er ist Mini-Supermarkt, Café, Poststelle, Treffpunkt und Kulturzentrum in einem. Viele Produkte stammen aus den umliegenden Gemeinden, sagt Elke Selke, ehrenamtlich im Vorstand der Dorfladen-Genossenschaft. Brötchen, Fleisch, Eier, Honig – all das kommt aus der Region. Was so selbstverständlich daherkommt, ist alles andere als das. Noch Anfang November herrschte in dem Ortsteil von Osterwieck sprichwörtlich tote Hose. 760 Einwohner, 11 Vereine, aber kein einziges Geschäft. Wegen fehlender Nachfrage hatte die genossenschaftliche PuG-Kaufhalle als letzte Einkaufsmöglichkeit erst 2012 dichtgemacht.

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Aus für die Kaufhalle

Deersheim ging es damit wie vielen Dörfern in Sachsen-Anhalt. Der große Hühnermastbetrieb im Ort hatte nach der Wende massiv Stellen abgebaut. Von einst 500 Beschäftigten sind noch knapp 50 geblieben, sagt Ortsbürgermeister Wolfgang Englert. Die Einwohnerzahl ist um mehr als 100 gesunken. Das Aus für die Kaufhalle war der vorerst letzte Akt.

Den Verlust ihres Konsums aber wollten die Deersheimer nicht akzeptieren. Über das Projekt „ZukunftsWerkStadt“ ihres Landkreises Harz wurden sie auf die sogenannten Dorfläden in anderen Bundesländern aufmerksam. Die Idee: Einwohner schließen sich mit Kapital-Anteilen zu einer Organisation zusammen. Diese betreibt dann einen eigenen Dorfladen.

In Deersheim haben die Bürger eine Genossenschaft gegründet. Diese übernahm einen Gebäudeflügel des alten Gutshofes in der Dorfmitte. „Mit der Stadt haben wir einen Nutzungsvertrag über 25 Jahre abgeschlossen“, sagt Hans-Jürgen Müller vom Aufsichtsrat. Miete zahle man nicht, aus dem Betrieb des Ladens müssten aber Energiekosten und Löhne für vier Angestellte erwirtschaftet werden.

Allein mit dem Verkauf von Ware würde das nicht funktionieren, sagt Müller. „Der PuG-Laden hat ja nicht ohne Grund zugemacht.“ Die Deersheimer haben sich deshalb so breit wie möglich aufgestellt: Lesungen und Vorträge, Nähkurse, aber auch Saisonmärkte in der benachbarten Markthalle sollen das Angebot attraktiv machen.

Fünf Monate nach der Eröffnung im November scheint das Konzept aufzugehen. Das liegt auch daran, dass viele Einwohner Anteile der Genossenschaft besitzen, sagt Ortsbürgermeister Englert. Weil der Dorfladen ihnen gehört, identifizieren sich die Leute mit dem Projekt. „Meine Frau etwa schaut beim Schreiben des Einkaufszettels immer zuerst, was sie hier zu Hause in Deersheim kriegen kann.“

In anderen Bundesländern haben sich ähnliche Projekte längst etabliert. Rund 200 Bürger-Dorfläden gibt es derzeit bundesweit. „Dorfläden sind Selbsthilfe der Bürger“, sagt Günter Lühning, Sprecher der Bundesvereinigung multifunktionaler Dorfläden (BmD), kurz Dorfladen-Netzwerk, in Niedersachsen. Sie entstünden immer dann, wenn das letzte Geschäft im Ort aus wirtschaftlichen oder Altersgründen schließt.

Viele Bürger unterversorgt

Das wiederum geschieht immer häufiger. Laut einer Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung galten bereits 2005 acht Millionen Bürger in Deutschland mit Blick auf Einkaufsmöglichkeiten als unterversorgt. Grund ist ein umfassender Strukturwandel: Nach Angaben des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels sank die Zahl klassischer Einzelhandelsmärkte allein zwischen 2000 und 2007 von 46.000 auf 29.000 Geschäfte.

Gleichzeitig stieg die Zahl der großen Discounter in den Zentren von knapp 13.000 auf fast 15.000. Das Aus für den Dorfkonsum ist also das Ergebnis eines Konzentrationsprozesses. Die Lücken auf dem Land können allein die Bürger schließen. In Bayern ist das bereits in mehr als 100 Orten geschehen. Im Norden und Osten ist der Bürger-Dorfladen dagegen relativ neu. In Niedersachsen gibt es derzeit immerhin 20 Projekte. Mit sechs Läden wird es in Sachsen schon deutlich dünner. In Sachsen-Anhalt sind die Deersheimer die ersten, die einen Konsum auch eröffnet haben.

Das liegt auch daran, dass die Eröffnung eines Bürger-Ladens alles andere als einfach ist. Das Konzept klingt schlüssig, der Teufel aber steckt im Detail. Oft beginnen die Probleme schon bei der Wahl der Organisationsform. Zur Auswahl standen auch in Deersheim Modelle wie Genossenschaft, GmbH, GbR oder ein wirtschaftlicher Verein. „Weil in einer Genossenschaft alle Mitglieder unabhängig von der Zahl der gekauften Anteile gleichermaßen stimmberechtigt sind, haben wir uns für die Genossenschaft entschieden“, sagt Hans-Jürgen Müller.

Mit dem Flügel des im Dorf als Edelhof bekannten Guthofs hatte die Genossenschaft zudem zwar einen Ort für ihren Laden. Das Gebäude war allerdings nur teilweise saniert. Die Deersheimer mussten also zusätzliches Geld auftreiben. Förderanträge beim Land scheiterten, berichtet Elke Selke. „Auch die Banken hätten uns Kredite nur mit mehr Eigenkapital in der Genossenschaft gegeben“, sagt Hans-Jürgen Müller. Damit aber wäre es für die rund 100 Genossenschaftsmitglieder richtig teuer geworden.

Ein Glücksfall

Als Glücksfall erwies sich ein Antrag von Elke Selke beim Bundeslandwirtschaftsministerium. Die Behörde gewährte nicht nur die beantragte Förderung über 100.000 Euro. Das Dorfladen-Projekt „Miteinander.Deersheim!“ bewertete sie als Leuchtturmvorhaben für die Region. So erhielt die Genossenschaft 150.000 Euro. Genug um den leerstehenden Gebäudeflügel zum Dorfladen auszubauen.

Um ihren Traum wahrzumachen, mussten die Deersheimer dennoch alles in die Waagschale werfen. Nur, weil die Bürger anpackten, gelang der Ausbau, erzählt Hans-Jürgen Müller. In Arbeitseinsätzen erneuerten die Genossenschaftsmitglieder Leitungen, Innenwände und Fußböden. Firmen im Ort übernahmen ehrenamtlich Aufträge.

Die Eröffnung im November wurde entsprechend groß gefeiert. Der erste Kunde war Ministerpräsident Reiner Haseloff. „Er wollte unbedingt ein Brot kaufen“, erinnert sich Elke Selke und lächelt vielsagend.

Nach dem erfolgversprechenden Auftakt folgte wenig später der erste Schock. „Im Januar und Februar brachen die Umsätze ein“, sagt Selke. Was die Deersheimer nicht wussten: Der Einbruch war völlig normal. „Das ist der übliche Effekt nach Weihnachten“, sagt Hans-Jürgen Müller. Erfahrungen wie diese zeigten, man sei ein lernendes System. Die Genossenschaft wachse eben mit ihrem Laden.

Dass Dorfläden sich rechnen, ist allerdings auch mit dem Wissen um jahreszeitliche Schwankungen keine Selbstverständlichkeit. Diese Erfahrung musste selbst Günter Lühning, Sprecher des Dorfladen-Netzwerks, machen. Im niedersächsischen 500-Seelen-Örtchen Otersen südlich von Bremen war er 2001 Mitbegründer eines Dorfladens. „Lange waren wir nah an der schwarzen Null“, sagt Lühning.

In den roten Zahlen

Inzwischen aber sei man in die roten Zahlen gerutscht. Der demografische Wandel fordere seinen Tribut: „Wenn die Älteren sterben, brechen nach und nach die Umsätze weg.“ Trotzdem sind die wenigsten Dorfläden bislang gescheitert. Die Quote in Deutschland liege bei 5 bis 6 auf 100, sagt der Netzwerk-Sprecher. Das liege vor allem an den Bürgern als Anteilseigner. „Bevor die Leute ihren Laden schließen, werden sie erfinderisch.“ In Otersen etwa haben die Einwohner ein Café im Laden eingerichtet. Damit ist der Dorfladen zum Mehrzweckhaus geworden.

Von Erfahrungen wie diesen haben die Deersheimer profitiert. Vor der Gründung ihres Ladens haben sie sich andere Einrichtungen, darunter den Dorfladen in Otersen, angeschaut. Auch deshalb hat die Einrichtung nun eine Poststelle, einen Fleischerstand oder eine Schneiderei. Ein kostenloser WLAN-Spot lockt inzwischen auch junge Leute an.

Die Pläne der Deersheimer aber gehen längst weiter. Hinter einer Sperrholzwand ihres Ladens verbirgt sich ein noch unausgebauter Flügel. „Unter dem Motto ‚Kochen, backen, brauen‘ wollen wir dort bald selbst Lebensmittel herstellen“, sagt Hans-Jürgen Müller. Die Hoffnung: Die Attraktivität des Dorfladens wird weiter steigen.

Strahlkraft jedenfalls hat der erste Bürger-Dorfladen in Sachsen-Anhalt schon jetzt entfaltet. Die Einwohner im elf Kilometer entfernten Veckenstedt interessieren sich für die Gründung eines eigenen Marktes. Anfragen gibt es auch aus dem Salzlandkreis und dem Raum Wolfenbüttel.

Am wichtigsten aber ist wohl das Signal nach innen. Es sei ein echtes Wir-Gefühl entstanden. Englert: „Das setzt Kräfte frei.“