Vorteil Iker Casillas! Nicht nur, weil der spanische Keeper in seiner Heimat der "Heilige Iker" genannt wird. Er hat zudem beste Chancen, nach 2010 zum zweiten Mal Fußball-Weltmeister zu werden. Und der Titelgewinn in Brasilien könnte zugleich eine Vorentscheidung im Kampf um den Titel "Welttorhüter des Jahres" bedeuten.

Die Deutschen mögen zuweilen den Größenwahn. Selbst der Kosename muss groß und unantastbar klingen. Wir erinnern an dieser Stelle gern an Franz Beckenbauer, genannt: der "Kaiser". Auch Oliver Kahn ist nicht einfach zum tierischen Fußballtorwart erhoben worden wie einst der Russe Lew Jaschin, der posthum zum besten Torhüter des 20. Jahrhunderts gekürt wurde und den sie aufgrund seiner offenkundigen Vielseitigkeit je nach Belieben die schwarze Spinne oder den schwarzen Panther nannten.

Kahn hätte man einfach "Löwe von München", "Nashorn von Unterföhring" oder "Ka(h)ninchen vom P 1" (benannt nach dem legendären Promi-Schuppen in der Hauptstadt Bayerns) rufen können. Aber nein! Man nannte ihn: "Titan", was weniger seiner ausgeprägten Qualitäten als Torwart, sondern vielmehr seiner ehrfürchtigen Gestalt geschuldet gewesen sein muss. Selbst als Werbe-Ikone mit dem belegten Brötchen einer Fast-Food-Kette im Handschuh oder dem ziemlich unerträglichen Duft eines Parfüms am Hals wirkte er ähnlich monströs wie beim einstigen und legendären Biss ins Ohr des Dortmunders Heiko Herrlich.

Ableiten lässt sich sein Spitzname zudem vom chemischen Element Titan mit der Ordnungszahl 22 im Periodensystem. Titan zählt zu den härtesten Übergangsmetallen bei einem Schmelzpunkt von 1668 Grad Celsius und gleitet daher ziemlich weit von wärmender Fußballromantik ab. Was leider ganz gut passt, so viele "romantic moments" hat Kahn mit der Nationalmannschaft nämlich nicht erlebt.

Kahn, der "Titan", hat nie eine Weltmeisterschaft gewonnen, er ist auch nie Europameister geworden. Aber er wurde bei der WM 2002, bei der Deutschland erst im Finale den Brasilianern unterlag, als bester Keeper des Turniers ausgezeichnet, was wiederum eine fantastische Referenz für seine Wahl zum Welttorhüter des selben Jahres war. Diesen Titel, den er außerdem 1999 und 2001 gewonnen hat, den kann ihm keiner mehr nehmen. Auch darum geht es also bei dieser Weltmeisterschaft in Brasilien: Sie ist durchaus eine Vorentscheidung bei der Wahl zum Welttorhüter 2014.

Casillas aus Spanien

Die Spanier verbinden Kosenamen übrigens weniger mit äußeren Erscheinungen oder chemischen Elementen, sondern vielmehr mit Glauben und Taten. Sie bitten den lieben Fußballgott zum abendlichen Gebet um freundliche Mithilfe. Das taten sie bei Ricardo Zamora, dem weltbesten Keeper der 1920er und 30er Jahre (Fünfter bei der Wahl des besten Torhüters des 20. Jahrhunderts), der dann wenig bescheiden "der Göttliche" genannt wurde. Das taten sie bei Iker Casillas, der unwesentlich bescheidener "San Iker" (also: der Heilige Iker) gerufen wird. Seit "San Iker", ein Sohn des madrilenischen Industrie-Vorortes Mostoles, die Europameisterschaft 2008 gewonnen hat (gegen Deutschland mit dem recht unheiligen Jens Lehmann im Tor), zerbricht jedes iberisches Herz an einem Gegentreffer, welchen Casillas von Real Madrid erst kassiert und dann beichten muss.

Seine Sünden wurden ihm vergeben: Fünfmal in Folge, 2008 bis 2012, hat der 32-Jährige bereits die Wahl des Welttorhüters gewonnen, dreimal holte er in dieser Zeit einen Titel mit der Nationalmannschaft: zwei EM-Titel, einen WM-Titel. In Brasilien spielt Casillas am 13. Juni zum Auftakt gegen die Niederlande, das Finale von 2010 in Südafrika wird bereits im ersten Gruppenspiel wiederholt. Für Casillas heißt es fortan: Wieder zählt jede Parade im Kampf um den goldenen Handschuh des Welttorhüters.

Casillas ist einer von drei aktiven Welttorhütern, die sich bei dieser WM zwischen zwei Pfosten und einer Latte um das Wohl und den Jubel ihres Landes verrenken. Und er hat den beiden anderen natürlich eines voraus: Casillas hat die Champions League mit Real gewonnen in diesem Jahr. Erfolg ist ja durchaus ein Vorteil bei solch einer Wahl.

Buffon aus Italien

Neben ihm gibt es Gianluigi Buffon, den Italiener, dessen Spitzname eher an eine Trickfilm-Figur in der ARD und aus grauer und politischer Vorwendezeit erinnert: "Gigi" (ein Mädchen) war neben den Schweinen "Piggeldy und Frederick" der Star in 103 Folgen einer Sendung, die tatsächlich "Sandmännchen" hieß.

Aber Buffon, 36 Jahre und aktiv bei Juventus Turin, hat sich in sehr ernster Gestalt und mit einer sehr kompletten Torhüterqualität schon viermal die Krone des Welttorhüters (2003, 2004, 2006 übrigens als Weltmeister, 2007) gesichert und ist damit ein würdiges Kapitel einer großen Torwart-Historie des Stiefellandes. Immerhin erreichte Dino Zoff Rang drei bei der Wahl zum Torwart des 20. Jahrhunderts. Und dann gab es noch einen Walter Zenga, Welttorhüter der Jahre 1989, 90 und 91. Buffons Kampf um den goldenen Handschuh beginnt am 14. Juni gegen England.

Neuer aus Gelsenkirchen

Der dritte im Bunde der aktiven Welttorhüter in Brasilien ist: Manuel Neuer, dem diese Ehrung im vergangenen Jahr zuteil wurde.

Daran können sich wohl nur wenige erinnern, weil es kein Jahr einer Meisterschaft für Nationalmannschaften war. Es war eben nur das Champions-League-Jahr, das der Bayern-Keeper Neuer, 28 Jahre, mit dem Titel beendet hatte. Den Titel des Welttorhüters, der übrigens erst seit 1987 von der International Federation of Football History & Statistics (IFFHS) vergeben wird (nach Befragung von 86 Fachjournalisten und Experten aus aller Welt), gewinnt eigentlich niemand in solch einem Jahr, den kriegt man, wie man eine Teilnahmeurkunde bei Volksläufen kriegt, was sehr schön für das Familienalbum ist (jedenfalls schöner als die Referenz, Heiko Herrlich erfolgreich ins Ohr gebissen zu haben).

Neuer - die Recherche ist zumindest zu keinem Ergebnis gekommen - hat keinen verdammten Kosenamen. Er heißt höchstens Manu, einfach Manu. Er ist keine Spinne, kein Panther, kein Hexer, kein Magier, kein Zauberer, kein Göttlicher, kein Heiliger. Er ist auch nicht die "Katze von Gelsenkirchen", sein Vorvorvorvorvorvorvorgänger im deutschen Kasten, Sepp Maier (übrigens auf Platz vier bei der Wahl des besten Torhüters des 20. Jahrhunderts), wurde ja die "Katze von Anzing" entsprechend seines Heimatortes genannt. Manuel Neuer ist einfach der Keeper des FC Bayern, und er war mal der Keeper von Schalke 04. Namentlich unspektakulärer kann sich dieser eher spektakuläre Torhüter gar nicht durch seine Generation parieren.

Vor einiger Zeit ist in der Volksstimme zumindest mal vermutet worden: Eines Tages nennen sie den Manuel Neuer "Wolfram", weil "Wolfram" noch härter ist als "Titan", das chemische Element mit der Ordnungszahl 74 im Periodensystem zählt ebenfalls zu den Übergangsmetallen und hat einen Schmelzpunkt von sogar grausamen 3422 Grad Celsius. "Wolfram" klingt allerdings noch schlimmer als "Horst", es wäre der endgültige Tod der wärmenden Fußballromantik.

Man muss also weitersuchen für Manuel Neuer: Deutschland absolviert das erste Gruppenspiel am 16. Juni gegen Portugal: Cristiano "Ronaldos Meister" wäre zwar etwas lang, würde aber für den Anfang ganz hübsch klingen aus deutscher Fansicht. Und vielleicht auch in den Ohren der IFFHS-Jury.

Äußerst wichtige Anmerkung: Der Chronistenpflicht ist es geschuldet, auch den Zweiten bei der Wahl des besten Keepers des 20. Jahrhunderts zu nennen: Er heißt Gordon Banks, ist ein Engländer und 1966 auf magische Weise Weltmeister geworden. Wegen des Wembley-Tores, wegen seiner Paraden. Solch einen Mann bräuchte auch das England von heute. Aber England hat leider nur Joe Hart (Manchester City), und Joe Hart ist wahrlich keine Konkurrenz für Casillas, Buffon oder Neuer - ganz zu schweigen von Oliver Kahn.

   

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