Die Warnungen waren drastisch - bis hin zu einem drohenden WM-Abbruch. Nach der Hälfte der Spiele ist das Turnier in Brasilien sportlich eine Erfolgsgeschichte und organisatorisch auf Kurs. Nur zu leidenschaftliche Chile-Fans sorgten bislang für große Aufregung.

Rio de Janeiro (dpa) l Joseph Blatter hatte vor der WM so manchen Grund zur Sorge. Millionen protestierende Menschen auf den Straßen, Probleme mit nicht komplett fertigen Stadien und eine in vielen neuralgischen Bereichen fragile Infrastruktur im Schwellenland Brasilien hätten der Fifa bei ihrem Glamour-Turnier am Zuckerhut einen enormen Imageschaden zufügen können. Zur WM-Halbzeit sorgten aber bislang nur rund 100 fußballverrückte Chilenen mit ihrem Sturm ins Maracanã für eine Krisensitzung beim Weltverband. Die WM läuft allen Befürchtungen und Prophezeiungen zum Trotz relativ reibungslos.

Präsident Blatter kann sich ganz auf die positiven sportlichen Schlagzeilen konzentrieren. "Die erste Woche der WM hat alle Erwartungen übertroffen. Und das Beste ist, dass der Höhepunkt noch kommt", frohlockte der Fifa-Chef. Gerade die Massendemonstrationen gegen Korruption und Misswirtschaft, die vor einem Jahr noch den Confederations Cup nachhaltig negativ beeinflusst hatten, blieben bislang aus. Brasiliens damals unzufriedene Mittelschicht protestiert im WM-Sommer nicht.

Grund für unplanmäßige Betriebsamkeit bei Weltverband, lokalen Organisatoren und brasilianischen Regierungsbehörden provozierten nur die Chile-Fans, die mit ihrem gewaltsamen Eindringen in den Presseraum im Stadion von Rio de Janeiro an einem völlig unerwarteten Punkt eine Schwachstelle im Hochsicherheitskonzept aufdeckten. Am Mittwoch hatten zahlreiche chilenische Fans das Medienzentrum des Stadions gestürmt, um ohne Karten in die Arena zu gelangen. 87 Fans wurden festgenommen. Chiles Fußballverband ANFP kündigte Sanktionen an.

Fehlende Sicherheit auf Brasiliens Straßen war eine der Hauptsorgen der Fifa. Aber nur zweimal gab es bislang größere Ausschreitungen - beide Male in São Paulo. Am Eröffnungstag randalierten vermummte Demonstranten unweit der Corinthians Arena. Am Donnerstag gab es ähnliche Szenen in der Millionenmetropole. Die Randalierer rissen nach einer Demonstration von etwa 1300 Menschen für kostenlose Tickets in Bussen und Bahnen Mülleimer aus den Verankerungen und zündeten den Müll auf der Straße an. Der größte Schaden entstand bei einem Auto-Händler, bei dem rund ein Dutzend Luxus-Karossen demoliert wurden.

Zudem gingen Schaufenster an mehreren Bankfilialen zu Bruch. Die maskierten Krawallmacher beschossen die Polizisten mit Feuerwerksraketen. Die Sicherheitskräfte reagierten mit Tränengasgranaten. Die Polizei verfolgte das Geschehen zunächst aus der Distanz, soll diese zurückhaltende Strategie nach Worten von Gouverneur Geraldo Alckim aber ändern: "Eine Sache sind Demonstrationen, die respektiert werden müssen. Eine andere Sache sind Vandalismus, Verwüstung, kriminelle Akte von Maskierten, die bekämpft werden müssen."

In Belo Horizonte gerieten zudem Anhänger aus Argentinien bei der Ankunft des Mannschaftsbusses vor dem Gruppenspiel gegen Iran (1:0) mit brasilianischen Fans an-einander. Nach Polizeiangaben wurden acht Menschen leicht verletzt. An den lange skeptisch beurteilten und von Pelé als "Schande" betitelten Flughäfen des Landes wurde der Ansturm der feiernden Fans aus aller Welt bislang ohne erkennbare Probleme bewältigt. Und auch die zwölf Arenen von Manaus bis Porto Alegre sind, von kleineren Pannen abgesehen, WM-tauglich.

   

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