Am 18. Mai feierte die Weitsprung-Olympiasiegerin von Montreal 1976, Angela Voigt, ihren 60. Geburtstag. Ich bin glücklich und dankbar, dass ich sie neben anderen Weltklasseathletinnen über 10 Jahre trainieren konnte.

Magdeburg. Im heimatlichen Weferlingen lernte sie bei Horst Tober das Leichtathletik-ABC und wollte über Lok Haldensleben im SC Magdeburg anheuern. Dieser scheute jedoch das Risiko, eine hoffnungsvolle Sportlerin aus dem damaligen DDR-Grenzgebiet zur BRD aufzunehmen. So führte Angelas Weg nach Leipzig. Dort kam nach kurzer Zeit das niederschmetternde Urteil: "Talent- und perspektivlos!" Sollte das schon das Ende der erst begonnen Laufbahn sein?

Nicht für eine kämpfende Angela Schmalfeld (Geburtsname). In nationalen und internationalen Trainingslagern hatte sie meine Trainingsgruppe und mich kennengelernt und sich besonders für den Fünfkampf interessiert. Schnell knüpften wir einen gemeinsamen "Faden": Im SCM fand sie dann 1971 in Clubchef Günter Hartmann einen Befürworter, eine verschworene, harmonische Trainingsgemeinschaft, im SKET eine berufliche Heimat und im Ratswaage-Hotel einen Internatsplatz.

Nach Arbeitsschluss begann täglich gegen 17 Uhr das zeit- und kraftaufwändige Mehrkampftraining. Ein halbes Jahr später überprüfte Nationaltrainer Klaus Gehrke ihre Leistungsfähigkeit und erwartete dabei sechs Meter im Weitsprung. Angela und ich waren optimistisch, nur erschien sie nicht zum festgelegten Termin. Mit 40-minütiger Verspätung nach einer unvorhergesehenen Brigadefeier absolvierte sie heiter und vergnügt den wichtigen Test. Ausgezeichnete 6,30 m ergaben eine sofortige Zusage für eine erneute Leistungssportförderung.

Die Voraussetzungen für ein planmäßiges Training waren nun gegeben und Angela begann ihre außergewöhnlich erfolgreiche Karriere mit viel Ehrgeiz, Trainingsfleiß, Beharrlichkeit, Durchsetzungsvermögen, hohem eigenen Anspruchsniveau und aktiver Mitarbeit. Das kam ihr auch beim nachgeholten Abitur, im Bewältigen des Diplom-Sportlehrer-Studiums an der DHfK-Außenstelle Magdeburg, im folgenden Trainerberuf und jetzt als Sozialpädagogin beim DRK-Kreisverband in Haldensleben zugute.

Sie kannte kein Aufgeben, Halbheiten hatte sie den Kampf angesagt. Alles oder Nichts spiegelten sich auch in den vielen übertretenen Sprüngen wider und mündeten in einer (mich) beängstigenden Risikobereitschaft. So beim Olympiasieg in Montreal. Eine achtlos über die Weitsprunganlage schlendernde Kampfrichterin bemerkte nicht die bereits anlaufende Angela. Viele hätten den Anlauf abgebrochen. Angela ließ sich nicht stören, sondern setzte ihn resolut und konzentriert fort. Das Vertrauen in das vorhandene hohe Leistungsvermögen und Nerven wie Stahlseile ließen sie diese und andere heikle Situationen meistern.

DDR-Meistertitel, Europacupsiege, Hallen- und Freiluft-Weltrekorde, Vize-Europa-Meisterschaften, Länderkampfmeriten und der Olympiasieg waren der Lohn für die unendlichen Mühen und Entbehrungen.

Zu gern wäre sie auch die erste Sieben-Meter-Weitspringerin der Welt gewesen. Aber ein unaufmerksamer Kampfrichter machte 1975 in Warschau eine (später nachgemessene) Weite jenseits der sieben Meter zunichte, weil er die Landeabdrücke in der Grube voreilig zugeharkt und nur noch undeutliche Markierungen hinterlassen hatte. Als Trostpflaster erhielt sie eine Radio-Stereo-Anlage.

Doch schon ein Jahr zuvor war ihr der beste Sprung gelungen, der in die Ehe zu ihrem Jörg. So oft wie möglich genießen die Voigts mit den Familien der Söhne Andreas und Michael ihr Gartenparadies in Haldensleben. Vielleicht ist bald eine neue Weitsprunghoffnung in Sicht. Immerhin trainiert Enkelin Tabea im SCM. Während eines Trainingsbesuches ihrer Oma Angela sorgte sie für Heiterkeit. Mit wichtiger Miene, auf ein großes Bild am Kopfende der Laufhalle deutend, rief sie ihrer Trainerin Gisela Paul zu: "Die da oben hängt, das ist meine Oma!"

*Früherer Trainer von Angela Voigt