Berlin l Vergessen waren die Tritte in den Magen aus dem Wettbewerb über zehn Kilometer am Mittwoch, in dem sie den 14. Rang belegt hatte. Vergessen waren außerdem die Momente, in denen "ich gespuckt habe". Am gestrigen Donnerstag ist Finnia Wunram vom SC Magdeburg Zehnte geworden im Zeitrennen über fünf Kilometer (1:00:19,9 Stunden), in dem die Athleten im 30-Sekunden-Abstand starten. "Ich war noch ein bisschen fest vom Vortag, aber ich bin nicht überholt worden", sagte sie nach der vierten Entscheidung bei der Schwimm-Europameisterschaft in Berlin. SCM-Trainer Bernd Berkhahn freute sich mit der 18-Jährigen: "Sie ist eine gleichmäßig hohe Frequenz geschwommen und hat einen Top-Ten-Platz erreicht. Das war eine sehr gute Leistung."

Zugleich freute sich Wunram für Isabelle Härle, die das Zeitrennen gewann: "Sie war sicherlich eine Medaillenhoffnung, aber mit Gold hatte wohl niemand gerechnet." Härle, 26 Jahre und aus Essen, verwies in 57:55,7 Minuten die Niederländerin Sharon van Rouwendaal (58:29,9) und die Spanierin Mireia Belmonte (58:41,4) auf die Plätze. "Ich habe die ganze Zeit gedacht, Thomas Lurz schwimmt vor mir, das hat mir geholfen", sagte die Teamweltmeisterin von Barcelona 2013. Was Rob Muffels vom SCM am Mittwoch mit Silber im Zeitrennen der Männer begonnen hatte, hat Härle mit dem ersten EM-Gold für den DSV bereits vollendet: Die Freiwasser-Athleten haben mit nun vier Medaillen die Zielvorgabe des Deutschen Schwimmverbandes (DSV) und des Olympischen Sportbundes (DOSB) erfüllt. Und sie sind längst nicht am Ende.

Der zwölfmalige Weltmeister Thomas Lurz (34, Würzburg) steuerte mit Bronze im Zeitrennen und mit der gestrigen Silbermedaille über zehn Kilometer (1:49:59,0 Stunden) allein zwei Medaillen zur bisherigen Bilanz bei. Den Sieg über die olympische Distanz sicherte sich Ferry Weertman (Niederlande/1:49:56,2).

Härle, Lurz, Muffels: Sie bilden das Team, das morgen (10 Uhr) an der Regattastrecke in Grünau die zweite Goldmedaille gewinnen soll. Muffels erfuhr es von DSV-Bundestrainer Henning Lambertz. "Das ist eine Auszeichnung für seine gezeigte Leistung", freute sich SCM-Coach Berkhahn. Wunram wurde indes noch für den 25-Kilometer-Marathon am Sonntag (9 Uhr) gemeldet. "Aber ob sie das schwimmt, ist noch nicht sicher", so Berkhahn.

Derweil machte sich DSV-Präsidentin Christa Thiel laut Gedanken über neue Regeln im Freiwasser-Wettbewerb, der bei der EM mit dem Zusammenbruch der Polin Natalia Charlos im Zehn-Kilometer-Rennen seinen negativen Höhepunkt gefunden hatte (Volksstimme berichtete). Angeschoben hat Thiel die Diskussion vor allem wegen der geltenden Vorgabe, dass ein Schwimmer mit erhobenem Arm seine Aufgabe anzeigen muss. Berkhahn dazu: "Es gilt aber auch die Regel, dass der Schiedsrichter einen Athleten jederzeit aus dem Wettbewerb nehmen kann, wenn dieser nicht mehr ansprechbar ist." Genau das war Charlos nicht mehr - noch bevor sie komplett die Orientierung verloren hatte.

Auch deswegen wehrte sich die für ihr zögerliches Agieren beim Charlos-Unglück scharf kritisierte Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), die die Rennen absichert: "Als die Rettungsschwimmer des Bootes die Gefahr für die polnische Schwimmerin erkannten, fragten sie sofort beim Kampfgericht (wird vom Europäischen Schwimmverband berufen/d. Red.) nach, ob sie die erschöpfte Athletin aus dem Wasser holen sollten. Die Antwort des Kampfgerichtes lautete: nein. Diese Aussage wird durch die Funkprotokolle bestätigt", sagte DLRG-Landeseinsatzleiter Frank Villmow dem Sportinformations-Dienst.

Seinem ehemaligen Schützling Charlos, die in Elmshorn lebt, "geht es wieder besser", sagte Berkhahn. "Sie wird noch eine Nacht im Köpenicker Krankenhaus bleiben." Und so schnell vergessen wird die 21-Jährige diese EM sicherlich nicht.

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