Die verheerenden Bombenangriffe auf Magdeburg vom 16. Januar 1945 haben sich für immer ins Bewusstsein der Elbestädter eingebrannt. Gert Sommerfeldt, bekannter Stadtführer, erlebte im Vorschulalter diese Schreckensnacht. Er berichtet als Augenzeuge von seinen Erinnerungen.

Wir wohnten damals in der Wilhelmstadt, Friesenstr. 14, einem Gründerzeithaus, und waren erst vor Weihnachten 1944 aus der Evakuierung aus Karlsbad zurückgekehrt, da dort die Alliierten nahten. Etwas Hausrat hatten meine Eltern vorsorglich bei Bekannten in Klein-Mühlingen abgestellt.

Ich war stolz auf meinen großen Teddy, den ich zu Weihnachten bekommen hatte. Voller Hingabe bekam er seinen Platz am Erker-Fenster, von der Straße aus gut sichtbar.

Am Schicksalstag hatte es bei wenigen Minusgraden leicht geschneit. Daher luden die Mädchen des BDM (Bund Deutscher Mädchen) uns Kleinen zu einer Schlittenfahrt vor der Haustür ein. Ich reihte mich in die wartende Kindergruppe ein – und ab ging’s in langer Schlange die Friesenstraße rauf und runter. Jedoch nicht lange, da ertönten die Sirenen – Fliegeralarm! Also ab mit allen noch im Haus Wohnenden in den muffigen Luftschutzkeller. Vater war bereits morgens zum Luftschutz zu seiner Firma Siemens nach Sudenburg abkommandiert worden. Der Angriff traf wohl aber nur die Neustadt. Nach kurzem Aufenthalt aus dem dunklen Keller zurückgekehrt lief für mich das übliche Tagesprogramm ab mit Mittagessen, Spielen, Abendessen, Schlafengehen.

"Überall Schreien, Flehen, Hilferufe"

Letzteres wurde nach 21 Uhr jäh unterbrochen. Unerwartet gab es wieder Fliegeralarm, also runter in den Keller, dann hörten wir schon das Brummen der Flugzeugmotoren und die ersten gewaltigen Detonationen. Zwei kleine Hindenburg-Lichter (wie Teelichte) spendeten uns ein karges Licht im Raum, keiner sprach, mehrere schauten kummervoll zur Decke, wird sie halten? Ständig rüttelte es dann an der leichten hölzernen Luftschutztür: "... macht mal auf, da will noch jemand rein!" Es kam aber niemand, es war nur der Luftdruck der draußen berstenden Bomben.

Plötzlich fielen hinter meinem Rücken mehrere große Mauersteine aus der Wand zu meinen Füßen. Durch das entstandene Loch in der Brandmauer zwischen unseren beiden Häusern erschien gespenstig ein Kopf, und der Nachbar rief: "Schnell alle raus, Euer Haus brennt schon lichterloh in den oberen Etagen!". Panikartig liefen nun alle gleichzeitig, die Luftschutzbrille überstreifend zur steilen Kellertreppe, wollten schnell nach draußen, doch die Kellertür konnte erst mit vereinten Kräften geöffnet werden, da durch die Detonationen bereits der Stuck von der Decke des Hausflur gefallen war und überall Fensterscherben verteilt waren, so dass die Tür verklemmte.

Ein kurzer Blick auf den Hof: alles taghell, ein gewaltiger Funkenflug, aus den Wohnungen über unserer loderten schon die Flammen, zischende Stabbrandbomben waren zwar gut anzusehen, versprühten aber überall ihre gefährlichen Zündfunken.

Dann erst einmal raus aus dem Haus, Mutter brachte mich auf die andere Straßenseite im Flur zur Milchhandlung Hohmann in Sicherheit und rannte noch einmal zurück, hoch in unsere Wohnung, konnte nur noch einen Besteckkasten schnell aus der verqualmten Wohnung retten. Mein Teddy schaute derweil allein gelassen vom Fenster herab.

Eine Hausbewohnerin wollte auch noch etwas Habe retten, wurde dann aber beim Verlassen des Hauses nach einer gewaltigen Explosion von der schweren Haustür erschlagen, konnte nur noch kurze Hilferufe von sich geben.

Dann war es soweit, die Flammen erfassten auch meinen Teddy, meinen Stolz, ich wurde traurig.

Unsere ganze östliche Häuserzeile bis zur Olvenstedter Straße brannte nun lichterloh. Überall Schreie, Flehen, Hilferufe aus Kellern, deren Ausgang verschüttet war, dann brach in Nr. 13 das hölzerne Treppenhaus laut krachend zusammen, die Balken flogen funkensprühend bis auf die andere Straßenseite. Übergroße Hitze entfachte einen enormen Feuersturm, konnte die Kleidung entzünden. Löschwasser gab es nicht mehr. Über allem noch das Brummen der abfliegenden Bomber und die restlichen hell leuchtenden "Weihnachtsbäume", die abgeworfenen Leuchtbomben zur Markierung und Beleuchtung des Bomben-Zielgebietes.

"Wir reihten uns ein in die lange Schlange"

Tiefe Betroffenheit herrschte gegenüber in Hohmann Luftschutzkeller: Gott sei Dank, wir sind diesmal verschont geblieben! Mutter und ich jedoch standen mit vielen anderen nun vor dem Nichts und mussten zusehen, wie die Feuersbrunst die einzelnen Etagen der Häuser erfasste und die hellen Flammen und dunkler Qualm weit aus den geborstenen Fenstern herausschlugen. Wo nun hin? Vater war noch im "Einsatz" in Sudenburg, Mutter nur mit kleinem Luftschutzgepäck und ich ohne geliebten Teddy. Eine hilfreiche Frau nahm uns in ihre noch intakte Wohnung in der südlichen Friesenstraße auf, wo wir versuchten, auf dem ausgerollten Teppich noch etwas zu schlafen.

Am Morgen, die Häuserzeilen brannten immer noch und schwerer Rauch erschwerte das Atmen, reihten wir uns ein in die lange Schlange an einer Aufnahmestelle für Fliegergeschädigte. Jeder erhielt dort ein Klappbrot, ein Besteck, eine Tasse und einen Ausweis, um bevorzugt Waren zu bekommen. Aber woher? Es war ja alles zerstört!

Vater kam des Morgens. Er hatte über viele Trümmerberge, an brennenden Ruinen, Toten und Verletzten vorbei mühsam den Weg zu unserem ehemaligen Wohnhaus erreicht. Dort standen wir alle ratlos vor dem ausgebrannten Haus. Als dann plötzlich die ganze rauchgeschwärzte und noch heiße Fassade komplett zu uns auf die Straße stürzte, hätten uns die Steine beinahe noch erschlagen.

Nur weg von hier! Und so brachte uns nach dieser Schreckensnacht ein Lkw-Konvoi in die Umgebung. Uns nach Klein Mühlingen in ein winziges Zimmer, von dessen Hof wir noch zehnmal die alliierten Bombergeschwader sahen, die ihre todbringende Last noch über den Trümmern der bereits ausgebrannten Stadt abwarfen.

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