Soll die Ulrichskirche wiederaufgebaut werden oder nicht? Darüber entscheiden die Magdeburger am 20. März. Die Volksstimme bittet in einer Serie Personen des öffentlichen Lebens um einen Gastbeitrag zur umstrittenen Frage. Heute schreibt Willi Polte. Er war von 1990 bis 2001 Oberbürgermeister in Magdeburg.

Am 26. Mai 1990 fand eine von der Initiativgruppe Stadtgestaltung/ Stadtentwicklung organisiertes Seminar mit der Themenstellung "Tradition und Zukunftserwartung in der Stadtentwicklung Magdeburgs" statt, an dem u. a. Architekten des damaligen Bezirksverbandes der Architekten und Vertreter der Magdeburgischen Gesellschaft von 1990 teilnahmen.

In einem von unserem Ehrenbürger Heinz Gerling verfassten Protokoll heißt es dazu: "Die 70 Teilnehmer waren sich darin einig, dass das Magdeburger Stadtzentrum wieder eine eindeutige Identität erhalten muss."

Wenige Tage später in der Verantwortung als Oberbürgermeister war und ist dieses stadtgestalterische Ziel für mich eine wichtige Maxime für die Stadtentwicklung. Mit meinen Worten habe ich es oft so formuliert: "Wenn ich nachts mit dem Fallschirm über unser Stadtzentrum abspringe, muss ich sofort wissen, dass ich in Magdeburg bin – einmalig und unverwechselbar". Städte mit einer austauschbaren Innenstadt/Altstadt sind keine Quelle des Stolzes ihrer Bürger und werden durch Menschen von weiter her mit Desinteresse gestraft. Ein lebendiges Stadtzentrum ist durch eine stärkere bauliche Verdichtung und eine Konzentration von Handel und Wandel, Kultur- und Freizeiteinrichtungen sowie geistige und geistliche Angebote gekennzeichnet. Einiges ist diesbezüglich getan, aber Magdeburg ist noch lange nicht fertig mit seiner Zentrumsent-wicklung.

"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert". Je unverwechselbarer und außergewöhnlicher unser Stadtbild ist, umso stärker prägen sich Bürgerstolz und Identifikation mit unserem Zuhause aus. Allein daraus erwächst der für unser Zusammenleben und für das Sichwohlfühlen so wichtige Bürgersinn, der unser urbanes Gemeinwesen letztlich zur vertrauten und emotional verbundenen Heimat macht.

Nun bemüht sich ein neu erwachter Bürgersinn im Rahmen eines gemeinnützigen Vereins um die Rekonstruktion der Ulrichskirche am historischen Ort. Eine bedeutende innerstädtische Kirche mit ihrer spezifischen Bau- und Wirkungsgeschichte soll der Vergessenheit entrissen werden und als stadtbildprägender zweitürmiger gotischer Baukörper zur weiteren Aufwertung unseres Stadtzentrums beitragen. Sich einem solch anspruchsvollen Vorhaben zu widmen zeugt von Tatkraft und bürgerschaftlichem Engagement im besten Sinne. Dies entspricht auch genau den Intensionen des Seminars vom 26. Mai 1990 und findet meine volle Anerkennung und Unterstützung.

Wenn es die Magdeburger Bürgerschaft denn will, hat unsere Stadt die Kraft und das Potenzial, wieder eine führende Metropole Mitteldeutschlands und in Deutschland eine hochangesehene Großstadt zu werden.

Dafür braucht man Visionen, Leidenschaft und den Willen, nach dem Außergewöhnlichen zu streben wie beispielsweise die Rekonstruktion der Ulrichskirche .

Morgen: Arno Frommhagen, Sprecher der Interessengemeinschaft Innenstadt