An der IGS "Regine Hildebrandt" sind Schüler, Lehrer und Eltern schockiert: Schülerin Awas Ahmi (16) soll nach Syrien ausgewiesen werden. Dagegen kämpft die Schule. Unterschriften werden gesammelt und die Schüler nehmen Kontakt zum OB auf. Der hatte gestern dann sogar eine gute Nachricht.

Magdeburg. Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen in bestimmte Regionen des Landes, Syrien wird als Krisengebiet eingestuft. Politische Verfolgungen, Entführungen, Verschleppungen von Oppositionellen, auch Folter kämen weiterhin vor. Das Land befinde sich im Kriegszustand mit Israel und werde aktuell zu den arabischen Krisengebieten gerechnet. Bei jüngsten Demonstrationen gegen die Regierung kamen rund 100 Menschen ums Leben.

In dieses Land soll Awas Ahmi am 13. April ausgewiesen werden. Der Grund: Sie und ihre Familie sind vor 12 Jahren aus Syrien geflohen, haben in Deutschland Asyl beantragt und sollen jetzt das Land verlassen, da ihr Bleiberecht aufgehoben wurde. Grund dafür sei eine Falschaussage des Vaters und eines Onkels. "Und das vor 12 Jahren", wundert sich Stefan Persch vom Elternrat der IGS "Regine Hildebrandt".

Awas Ahmi ist jetzt knapp 17 Jahre alt, besucht die "Hildebrandt", gehört in ihrer Klasse mit zu den Besten, ist stellvertretende Klassensprecherin und möchte in einem Jahr ihr Abitur ablegen.

Und wenn es nach ihren Mitschülern geht, soll sie das auch.

Ihre Klassenkameraden, ja die ganze Schule stellen sich vor Awas Ahmi und wollen verhindern, dass sie nach Syrien ausgewiesen wird. Dazu wurden zum Beispiel über 1000 Unterschriften an der Schule gesammelt, die fordern, dass Awas in Deutschland bleiben kann. Auch die evangelische "Hoffnungsgemeinde" am Neustädter See wurde um Unterstützung gebeten. "Es wäre wirklich sehr traurig, wenn Awas uns verlassen müsste", sagte ihre Klassenlehrerin Simone Balogh. "Sie ist eine tolle Schülerin und auch ihre Schwestern, die bei uns zur Schule gegangen sind, waren so wie sie." Die gesamte Schule sei bestürzt von der Nachricht gewesen. Aber Simone Balogh freut sich auch, dass sich ihre Schüler so für Awas einsetzten. "Das macht Hoffnung, weil sie versuchen, alle Hebel in Bewegung zu setzen."

Eine Schülerdelegation war gestern bei OB Lutz Trümper in der Jugendsprechstunde, denn der OB ist der oberste Dienstherr der Ausländerbehörde des Rathauses.

Trümper hatte sich die Angelegenheit vor dem Gespräch mit den Schülern von seinem Amt näher erläutern lassen, sagte er im Volksstimme-Gespräch. Demnach stelle sich für ihn die Sache so dar: Die Familie sei vor 12 Jahren nach Deutschland gekommen und habe einen Asylantrag gestellt. Dabei hatten die Eltern angegeben, staatenlos zu sein. Daraufhin sei ihr Asylantrag zwar abgelehnt worden, sie hätten aber wegen der Staatenlosigkeit ein Bleiberecht bekommen. Durch die Aussage eines Familienmitglieds sei vor einiger Zeit allerdings herausgekommen, dass die Familien syrische Staatsbürger und nicht staatenlos seien. Das stelle dann leider den Tatbestand der Erschleichung eines Bleiberechts dar.

Die Lage ist kompliziert, aber nicht hoffnungslos

"Daran können wir als Behörde nicht vorbei", sagte Trümper, auch wenn er die damaligen Beweggründe der Eltern, die aus dem Land flüchten mussten und Schreckliches auf der Flucht erlebt hatten, durchaus nachvollziehen könne. Aber die Ausländerbehörde habe die Ausweisung der Familie von Amts wegen aussprechen müssen. "Das tut uns vor allem für die Kinder leid, die hier in Magdeburg voll integriert und gut ausgebildet sind. Genau solche Jugendlichen brauchen wir ja als Stadt", sagte Trümper. Die Gesetzeslage ließ aber keine andere Entscheidung zu.

Aber der OB hatte auch eine richtig gute Nachricht: Awas brauche sich keine Sorgen zu machen, dass sie und ihre Familie am 13. April Magdeburg verlassen müssen. Allerdings ist die rechtliche Lage, die hinter dieser Aussage steckt, kompliziert. Die Familie habe die Aufforderung bekommen, dass sie am 13. April 2011 Deutschland verlassen müsse. Dieser Aufforderung könne die Familie so aber natürlich nicht nachkommen. "Erst dann können wir als Behörde aktiv werden", sagt Trümper. Da die Familie noch als staatenlos gelte, also nicht abgeschoben werden könne, müssten über die syrische Botschaft Pässe als Nachweis ihrer syrischen Staatsangehörigkeit beschafft werden. Das könne bis zu einem Jahr dauern. In dieser Zeit trete in Deutschland ein neues Ausländergesetz in Kraft, dass besage, dass Jugendliche, die das 18. Lebensjahr erreicht haben und als integriert gelten, allein ohne ihre Eltern in Deutschland bleiben könnten. Das treffe dann auf Awas zu. Und bis dahin könne sie als Minderjährige natürlich nicht ohne ihre Eltern hier bleiben.

Dazu komme, dass die politische Lage in Syrien äußerst problematisch sei und das Land auf einen Bürgerkrieg zusteuere. Auch das müsse bei der Prüfung einer Ausweisung der Familie dann berücksichtigt werden. Awas, ihrer Familie und der gesamten IGS "Regine Hildebrandt" ist gestern ein riesiger Stein vom Herzen gefallen, sagte Lehrerin Simone Balogh erleichtert.