Frankfurt/Main - Lebensversicherer müssen Milliarden anlegen - doch die aktuellen Zinsen geben nicht viel her. Die Folge: Viele Kunden bekommen weniger heraus als erhofft. Wie kann die Branche gegensteuern? Neue Gesetzespläne der Bundesregierung sorgen für Unruhe.

Die hohen Zinsversprechen der Vergangenheit lasten schwer auf den Lebensversicherern. Garantiezinsen von 4 Prozent aus den 90er Jahren lassen sich an den Kapitalmärkten kaum noch erwirtschaften, seit die Europäische Zentralbank im Kampf gegen die Euro-Schuldenkrise die Märkte mit billigem Geld flutet. Das bekommen die Verbraucher bitter zu spüren: Die Unternehmen kappen die Gewinnbeteiligung, der Garantiezins für Neuverträge sinkt. Die Branche sucht nach Wegen aus dem Zinsdilemma.

"Wir denken über eine Lebensversicherung ohne Garantiezins nach, bei der die eingezahlten Beiträge zu Rentenbeginn zugesichert werden. Vorstellbar ist auch eine Beteiligung der Kunden an der positiven Entwicklung an den Kapitalmärkte", heißt es beispielsweise beim HDI. Anbieter wie Allianz und Ergo haben bereits Lebensversicherungen ohne Garantiezins auf den Markt gebracht.

Zugesichert werden nur der Erhalt der eingezahlten Beiträge und später eine Mindestrente. Den Rest bestimmt das Umfeld an den Kapitalmärkten: Geht es bergauf, profitieren auch die Kunden; geht es bergab, sieht es für sie schlecht aus. Dabei sollen die ersparten Kosten für die Zinsgarantie den Versicherten zugutekommen. Das Problem: "Garantiert wird zwar die Summe der eingezahlten Beiträge, die Inflation wird dabei nicht aber berücksichtigt", sagt Reiner Will, Geschäftsführer der auf die Branche spezialisierten Ratingagentur Assekurata.

Ansetzen sollten die Lebensversicherer bei den Kosten, meint Will. "Statt wie bisher den Vertrag zu Beginn mit der Abschlussprovision zu belasten, sollten die Kosten über die Laufzeit der Police verteilt werden". Verbraucherschützer bemängeln seit längerem, dass die Abschluss- und Vertriebskosten in den ersten Jahren vom eingezahlten Kapital abgezogen werden. Wenn der Vertrag vorzeitig gekündigt wird, lägen die Rückzahlungssummen oft weit unter den eingezahlten Beträgen, kritisiert der
Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv).


Ein weiterer Punkt: Mehr Transparenz und Verständlichkeit. "Es würde der Nachfrage gut tun, wenn sich die Versicherer auf einfache, vergleichbare Informationen über Kosten, Chancen und Risiken verschiedener Produkte einigen würden", sagt Branchenexperte Will. Die Bundesregierung plant Gesetzesänderungen, die in der Branche für Unruhe sorgen, enthalten sie doch nicht nur Erleichterungen, sondern auch neue Verpflichtungen. Jenen Anbieter soll danach Grenzen gesetzt werden, die mit hohen Renditen locken und keine soliden Geschäftsmodelle haben. Zugleich will die Regierung die Finanznot mancher Versicherer dadurch lindern, dass Kunden bei der Auszahlung nicht mehr so stark an Buchgewinnen von Anleihen beteiligt werden wie bisher.

Aus dem Zinsdilemma kommt die Branche vorerst nicht heraus - ein baldiges Ende der Niedrigzinsphase ist nicht abzusehen. Das Geld der Unternehmen steckt vor allem in festverzinslichen Wertpapieren. Alte, hochverzinste Anleihen laufen aus. Neue Papiere werfen wegen der Niedrigzinsen kaum noch etwas ab.

Die Aktienmärkte boomen dagegen. Der Aktienanteil der Lebensversicherer stieg im dritten Quartal 2013 zwar leicht auf 3,1 Prozent. Doch aus Sicht der Branche sind Aktien keine echte Alternative zu festverzinslichen Papieren. "Das Kursrisiko ist immens. Versicherer sind jedoch auf planbare Erträge angewiesen", sagt der Sprecher des
Branchenverbandes GDV, Karsten Röbisch.


Die Branche weist darauf hin, dass Lebensversicherungen mit einer Gesamtverzinsung von derzeit durchschnittlich knapp über 4 Prozent für ausgezahlte Verträge besser abschneiden als viele andere Geldanlagen. Für das kommende Jahr zeichnet sich allerdings eine weitere Verringerung des Garantiezinses für Neuverträge von derzeit 1,75 Prozent auf dann 1,25 Prozent ab. Die Entscheidung des Bundesfinanzministeriums, das den Zins nach Empfehlungen von Versicherungsmathematikern festsetzt, steht noch aus.

Auch bei der Überschussbeteiligung könnte es weiter nach unten gehen. Seit 2011 müssen die Assekuranzen Geld für die Zinsgarantien aus Altverträgen zurücklegen. Allein gut sechs Milliarden Euro waren es nach früheren Berechnungen der Finanzaufsicht Bafin 2013. "Dieses Geld will erst einmal verdient sein", sagte die Chefin der Finanzaufsicht Bafin, Elke König kürzlich. 2014 dürften Assekurata zufolge weitere 8 bis 10 Milliarden Euro hinzukommen.

"Damit dürfte vor allem die Rendite für die Kunden mit jüngeren Verträgen beziehungsweise die Attraktivität im Neugeschäft weiter sinken", sagt Will. Dennoch sieht er auch Chancen: "Der Druck ist groß genug, damit die Kostenfrage angegangen wird und zeitgerechtere Produkte entwickelt werden".