Berlin - Weihnachtszeit ist Kaufrausch-Zeit. Selten sind die Innenstädte so voll wie an den Adventswochenenden. Doch nicht alle machen mit. Immer mehr Leute entdecken, wie es sich mit wenig Konsum lebt.

Seine Listen braucht Sebastian Michel nicht mehr. Zu Anfang, vor drei Jahren, da hat er noch alles aufgelistet, was er kaufen wollte. Neue Schuhe, eine DVD, eine Mikrowelle. Dann die entscheidende Frage: Brauche ich das - oder wäre es nur nett, es zu haben? Nur was nach zwei Wochen noch immer unter "Brauch-ich" stand, wurde angeschafft. Heute weiß der 25-jährige Berliner auch ohne Liste: Ich brauche nicht viel. Also kauft er nicht mehr viel.

Sebastian Michel ist Minimalist. So nennt er einen Lebensstil, der gerade immer mehr junge, vor allem internetaffine Menschen anzieht. Sie suchen ihr Glück im Weniger: weniger besitzen, weniger kaufen. Ein überschaubareres Leben, aber auch ein Protest gegen die Konsumgesellschaft, Ausbeutung und das Geiz-ist-geil-Syndrom.

Zu den Vorreitern gehört der US-Amerikaner Michael Kelly Sutton. In seinem Blog
"The Cult of Less" listet der 27-Jährige alles auf, was er besitzt. 126 Dinge stehen da gerade, vom Flaschenöffner über das Polo-Shirt bis zum Laptop. 12 davon stehen auf "verkaufen". Der Software-Programmierer versucht, mit so wenigen Dingen wie möglich auszukommen. "Ich habe festgestellt, dass mehr Krempel auch mehr Stress bedeutet", schreibt er.


Der Wachstumskritiker Niko Paech von der Universität Oldenburg nennt das den "Konsum-Burn-Out". Das Leben sei vollgestopft mit Produkten, Dienstleistungen und Kommunikationstechnologien. "Es fehlt die Zeit, dies alles so abzuarbeiten, dass es einen spürbaren Nutzen erzeugt." Nur dann aber könne Konsum auch die Zufriedenheit steigern.

Für Sutton war die Lösung einfach: Statt seine ohnehin knappe Zeit für all seinen Besitz aufzuwenden, hat er das meiste entsorgt. Auch der Berliner
Michel hat Ballast abgeworfen. Er habe alles aus seinem WG-Zimmer rausgeräumt und eine Woche lang nur das zurückgeholt, was er wirklich gebraucht habe, erzählt er. Mit jedem Gegenstand weniger gewann er ein Stück Überblick über sein Leben zurück. Rund 70 Prozent seiner Kleidung gab er weg. Der Laptop blieb.


Der 25-Jährige kauft jetzt, so erzählt er jedenfalls, nur noch Dinge, die ihm wirklich etwas wert sind. "Ich achte mehr auf Qualität, weniger auf den Preis", sagt der Web-Entwickler. Trotzdem brauche er weniger Geld als früher. "Und ich bin deutlich häufiger glücklich." Weil er Dinge gegen Erlebnisse tausche.

Damit lebt Michel einen Trend zu bewussterem Kaufverhalten, den der Konsumforscher Wolfgang Adlwarth schon seit einer Weile beobachtet. Zwar steigen die Konsumausgaben bundesweit an - und die Konsumfreude der Deutschen wird dem Marktforschungsunternehmen GfK zufolge auch von der aktuell schwächelnden Konjunktur nicht getrübt. "Es werden aber geringere Mengen eingekauft", sagt Adlwarth. Vor allem bei Lebensmitteln hat er beobachtet: "Die Leute kaufen weniger auf Vorrat, um später weniger wegwerfen zu müssen."

Doch ist dieser minimalistische, konsumarme Lebensstil massentauglich? Das europäische Wirtschaftssystem ist auf Wachstum gepolt. Kritiker sagen, wenn alle Menschen nur das kauften, was sie zum Überleben brauchen, würde es nicht mehr funktionieren.

"Unsere Wirtschaft, und insbesondere das Zinseszinssystem, lebt davon, dass wir immer mehr konsumieren", meint auch der Minimalist
Alex Rubenbauer. Und doch fragt er sich: "Weshalb sollten wir uns eigentlich alle drei Jahre ein neues Auto und jedes Jahr ein neues Handy kaufen, obwohl das alte noch wunderbar funktioniert?"


Nach Ansicht des Berliner Wirtschaftswissenschaftlers Holger Rogall kann ein minimalistischer Lebensstil wirtschaftlich sogar sinnvoll sein. Je weniger Geld Menschen für "Schnickschnack" wie das jährlich neue Handy ausgäben, desto mehr könne umgeleitet werden beispielsweise in die Energiewende. Er ist überzeugt: "Wir brauchen jeden Ansatz, wo Menschen Geld nicht mehr rauswerfen."