Magdeburg l Hans-Joachim Wahle sitzt inmitten von Büchern und blättert in einem Heftchen. Es ist eine kleine Festschrift von 1941. In jenem Kriegsjahr wurde die Buchhandlung seiner Vorfahren 100 Jahre alt. Im Bändchen mit Bildern und Texten in Frakturschrift sind die Anfänge festgehalten.

Emil Baensch, 23 Jahre jung, Sohn eines Buchdruckereibesitzers, hatte am 19. Januar 1841 in Magdeburgs einst schöner Barockstraße Breiter Weg eine Buch-, Kunst- und Musikalienhandlung eröffnet. Auch wenn die Firma drei Jahre später umzog, blieb sie bis heute dem Breiten Weg treu. Sie war damals Augenweide für Buchfreunde. Eine alte Anzeige zeigt die wertvolle Rokoko-Einrichtung. Bücher in Regalen bis unter die Decke lassen an die berühmte Anna-Amalia-Bibliothek denken. Baensch war natürlich viel kleiner, nicht so fein, aber immerhin doch so prächtig, dass sich im Revolutionsjahr 1848 Menschen vor dem Haus versammelten. Die Pracht regte zu Protest an.

Das Unternehmen florierte. Baensch wurde 1856 zum Königlich Preußischen Hofbuchhändler ernannt. Angegliedert an das Buchhaus war ein Verlag, in dem eine dreibändige Stadtgeschichte und eine Biografie Otto von Guerickes herausgegeben wurden. Doch nicht nur Bücher wurden verkauft, der Hit waren Wahrsagekarten. 200 000 Stück sollen veräußert worden sein. In einer Zeitungsanzeige ist die Bemerkung zu finden: „Es ist allgemein bekannt, daß alles durch die Karten Vorhergesagte eingetroffen ist.“

Engagement für die Stadt

Einige Inhaberwechsel hat es gegeben, bis Fritz Wahle (1887–1941) 1912 die Buchhandlung von Carl Emil Klotz übernahm, seitdem ist sie in Familienbesitz und konnte auch durch das Engagement der Frauen immer weiter fortbestehen. Enkel Hans-Joachim Wahle, Jahrgang 1946, dritte Buchhändlergeneration, erzählt über den Großvater, der damals mit jungen 25 Jahren das Geschäft übernommen hatte und Augenmerk auf den Landkartenhandel, juristische Literatur und den Ausbau einer Leihbibliothek legte.

Kioske von Taut

„Mein Großvater hat sich sehr für die Stadt engagiert“, sagt Wahle und erzählt von dem Kiosk, den sich der Großvater einst vom renommierten Architekten und Stadtplaner Bruno Taut entwerfen ließ. Der expressionistische Kiosk – mit einem Nachbau hat Magdeburg im vergangenen Jahr auf der Buchmesse Leipzig Werbung für sich gemacht – stand an zwölf markanten Plätzen in der Stadt. Dort gab es Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, Zigarren. Betrieben hat Fritz Wahle sie mit einem Geschäftspartner aus Erfurt. Beide haben zur Deutschen Theaterausstellung 1927, zu der unter anderem die Stadthalle und die im Krieg zerstörten Ausstellungshallen entstanden waren, am Adolf-Mittag-See eine eigene Buchhandlung mit einer großen Auswahl theatergeschichtlicher Werke geführt.

Notzeiten im und nach dem Krieg, bleierne Literatur-Zeit in der DDR, die Wende hat der Buchladen gemeistert. Wolfram, Jahrgang 1971, die mittlerweile vierte Wahle-Generation, ist wie schon der Vater Buchhändler aus Leidenschaft und setzt die Tradition der geführten Regionalliteratur fort – bis hin zum Nachdruck von Titeln wie „Die Baugeschichte der Stadt und Festung Magdeburg“ und „Ein Spaziergang durch die Magdeburger Mundart“. Man brauche ein Alleinstellungsmerkmal, sagt der Sohn. Das A und O aber sei und bleibe das Gespräch, das Persönliche, das Empfehlen, ein guter Internet­auftritt. Vater Hans-Joachim liebt das Gespräch über Bücher. Heute mache es mehr Spaß, mit den Kunden zu reden, als einst, als Bücher sozusagen als Dankeschön für Lux-Seife und eine Tüte Kaffee in den Westen geschickt wurden, sagt er.