Aus den Kindertagen des Radios

1917 im Ersten Weltkrieg organisiert der Rundfunkpionier Hans Bredow an der Westfront in Frankreich mit einem per Fußdynamo betriebenen Röhrensender ein Unterhaltungsprogramm für Soldaten im Schützengraben. Für die verwunderten Radiohörer der ersten Stunden spielen Offiziere Ziehharmonika, oder es werden Grammophonplatten abgespielt.

„Hier ist Berlin“, beginnt am 29. Oktober 1923 Deutschlands erste offizielle Radiosendung aus dem Haus der Schallplattengesellschaft VOX in der Potsdamer Straße.

Das Hamburger „Hafenkonzert“ des NDR ist die weltweit älteste noch regelmäßig ausgestrahlte Radiosendung. Die Premiere am 9. Juni 1929 kommt von Bord des Dampfers „Antonio Delfino“.

Die Nationalsozialisten bringen 1933 für Propagandazwecke den „Volksempfänger“ auf den Markt. Der Preis von 76 Mark entspricht damals etwa zwei Facharbeiter-Wochenlöhnen.

„Wir unterbrechen unser Programm für eine aktuelle Durchsage“, klingt es am 30. Oktober 1938 in den USA mitten in einer Radio-Konzertübertragung. Orson Welles inszenierte eine fiktive Reportage als glaubwürdiges Katastrophenszenario über den Angriff von Außerirdischen.

Am 4. Mai 1945, vier Tage vor Ende des Zweiten Weltkrieges, beginnt die britische Militärregierung von Hamburg aus den Radio-Sendebetrieb. Bis März 1946 richten die vier Besatzungsregierungen in ihren jeweiligen Zonen Rundfunkstationen ein.

1948 wird der Nordwestdeutsche Rundfunk als erste Rundfunkanstalt des öffentlichen Rechts gegründet. 1950 konstituiert sich die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Deutschlands (ARD).

München/Tübingen (dpa) l Das Radio ist schon viele Tode gestorben. Dinah Washington sang Anfang der 50er Jahre „TV is the thing this year/Radio was great, now, it‘s out of date“. The Buggles behaupteten ein Vierteljahrhundert später „Video killed the Radio Star“ – Bewegtbild galt als größter Konkurrent. Doch das Medium lebt noch immer. Aber ist es noch zeitgemäß?

Heute muss sich das Radio noch ganz anderer Konkurrenz als der des Fernsehers erwehren. Viele Menschen streamen Musik übers Internet. Das Monopol, den passenden Musikmix zu liefern, hat das Radio verloren. Was können die Sender tun, um ihre Bedeutung nicht zu verlieren?

Drei von vier Deutschen hören täglich Radio – ein Wert, der seit Jahren auf ähnlich hohem Niveau ist. Den höchsten Wert – 81 Prozent und mehr – erzielt das Radio bei den 50- bis 69-Jährigen. Bei den 14 bis 29-Jährigen ist die Quote von 2005 bis 2015 um sechs Punkte auf knapp 67 Prozent gesunken. Bislang versuchen viele Sender, junge Menschen mit Präsenz in den sozialen Netzwerken oder Apps fürs Handy zu erreichen. Ob das auch künftig reicht, ist unsicher.

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Für die allgemeine Popularität des Radios seien zwei Faktoren entscheidend, sagt der Tübinger Medienwissenschaftler Kiron Patka: zum einen die persönliche Ansprache des Moderators, zum anderen der regionale Service-Charakter. Regenjacke oder Wintermantel? Stau oder freie Fahrt? Solche Kompetenzen könne kein Streamingdienst bieten.

Wie aber lassen sich die bisherigen Hörer halten und junge Hörer hinzugewinnen? Die Münchner Kommunikationswissenschaftlerin Romy Fröhlich und Golo Föllmer, Medienwissenschaftler an der Uni Halle-Wittenberg, sehen die Zukunft in der Individualisierung des Mediums. Einerseits in Sachen Programm, andererseits in Sachen Werbung.

Wer keinen Sport mag, der bekommt beim personalisierten Radio Alternativen geboten. Wer gerne Wortprogramm hört, für den gibt es lange Reportagen und Nachrichtenstücke. Auch eine Taste, mit der Beiträge übersprungen werden können, ist denkbar. Einzelne Versatzstücke, die je nach Hörer verschieden angeordnet sind. Bei den Nachrichten zur vollen Stunde könnte das Programm wieder zusammenlaufen.

Ein Treiber dieser Entwicklung könnte zielgerichtete Werbung sein, die auf die Interessen des Einzelnen abgestimmt wird. In zehn Jahren könnte es Föllmer zufolge soweit sein. Gestorben ist das Radio bis dahin sicher nicht.